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Plötzlich überall diese Zürcher

SP, SVP und Grüne suchen neue Parteichefs – und die meisten Favoriten kommen aus Zürich. Damit endet eine Phase «burgundischer» Dominanz in der eidgenössischen Politik.

Eine Zürcherin und drei Zürcher – im Uhrzeigersinn: Balthasar Glättli (Grüne), Mattea Meyer (SP), Alfred Heer (SVP), Thomas Matter (SVP). Fotos: Keystone
Eine Zürcherin und drei Zürcher – im Uhrzeigersinn: Balthasar Glättli (Grüne), Mattea Meyer (SP), Alfred Heer (SVP), Thomas Matter (SVP). Fotos: Keystone

Wird die Beliebtheit der Kantone und ihrer Einwohner erhoben, rangiert Zürich regelmässig auf den Schlussrängen. Die «Züri-Schnurre» weckt bei den Mit­eidgenossinnen und -genossen ebenso wenig Sympathie wie das vermeintlich grossspurige Zürcher Auftreten – dies trotz oder gerade wegen der wirtschaftlichen Macht und Bedeutung der Kantonshauptstadt.

Doch nun sieht es freilich danach aus, dass Zürich bald auch in der Bundespolitik verstärkt den Takt angeben könnte. Gleich drei grosse Parteien besetzen derzeit ihre Präsidien neu – und in allen dreien sind Zürcherinnen und Zürcher in guter Ausgangsposition.

Etwa in der SP: Die Nationalrätin Mattea Meyer aus Winterthur, die im Tandem mit dem Aargauer Cédric Wermuth kandidiert, gilt als Favoritin. Meyer und Wermuth sind derzeit das einzige offizielle Kandidatenduo. Mit Angelo Barrile und Priska Seiler Graf haben jedoch bereits zwei weitere Zürcher ihr Interesse an einer Bewerbung bekundet. Die Zürcherin Jacqueline ­Badran möchte ausserdem Vizepräsidentin werden, falls Meyer und Wermuth an die Spitze aufrücken.

Weniger Westler

Auch die SVP sucht einen neuen Präsidenten, und auch hier gibt es mit den Nationalräten Thomas Matter und Alfred Heer chancenreiche Zürcher Interessenten. Nächsten Dienstag soll sich entscheiden, ob sie von ihrer Kantonalpartei nominiert werden. Und bei den Grünen hat sich bisher überhaupt erst eine einzige Person am Präsidium interessiert gezeigt: der Stadtzürcher Balthasar Glättli.

Glättli ist aktuell Fraktionschef im Bundeshaus und zählt damit zum Zürcher Führungspersonal der zweitvordersten Reihe.

Das gilt auch für Beat Walti (FDP) und Tiana Moser (GLP), die ebenfalls ihren jeweiligen Fraktionen im Bundeshaus vorstehen. Über einen starken Zürich-Bezug verfügt zudem FDP-Präsidentin Petra Gössi aus dem Kanton Schwyz, die bei einem Unternehmen in der Limmat­stadt arbeitet.

Eine «Zürcherisierung» der Parteispitzen würde einen markanten Kontrast zu den vergangenen Jahren schaffen. Heute haben drei der sechs Parteien, die im Bundeshaus eine Fraktion stellen, eine Präsidentin beziehungsweise einen Präsidenten aus dem Kanton Bern (SVP, Grüne und GLP). Und bei den Sozialdemokraten stammen sowohl der Präsident als auch der Fraktionschef aus der Romandie. Der westliche Landesteil ist in den Führungsgremien der Parteien damit sehr stark repräsentiert. Zu Beginn der letzten Legislatur kamen sogar fünf von sieben Mitgliedern des Bundesrats aus dem Westen.

Inzwischen ist die bernisch-welsche Delegation im Bundesrat auf drei Köpfe geschrumpft. Die «burgundische» Dominanz in der Schweizer Politik scheint langsam zu schwinden. Mit der Unterscheidung zwischen «Burgundern» und «Alemannen» werden zuweilen soziokulturelle Differenzen erklärt. Die westliche Landeshälfte, im Mittelalter von den Burgundern besiedelt, denke «zentralistischer und etatistischer» als der Osten, deren Bewohner von Alemannen abstammten – so fasste es einmal der Thurgauer SVP-Politiker Roland Eberle gegenüber der NZZ zusammen.

Besonders parteitreu

In den Parteien selber will man sich von Regionenproporz bei der schwierigen Präsidentensuche so oder so nicht einschränken lassen. «Die Kantonszugehörigkeit ist sekundär», sagt der Baselbieter Caspar Baader, der die Findungskommission der SVP leitet. Die Sozialdemokratin Mattea Meyer findet es «wichtig, dass man über Sensibilität für die Anliegen anderer Regionen und Sprachgruppen verfügt – unabhängig, von wo man kommt».

Und der Grüne Balthasar Glättli macht sogar eine spezifische Zürcher Eigenschaft aus, die für Parteiführungsämter besonders qualifiziere. «Ich erlebe die Nationalrätinnen und -räte aus Zürich als sehr parteiorientiert – anders als jene aus kleinen Kantonen, die oft die Interessen ihrer Herkunftsregion höher gewichten.»

Einem «alemannischen» Vormarsch in der Schweizer Politik steht demzufolge wenig entgegen. Ob damit tatsächlich eine andere Mentalität durchschlagen würde, ist schwer vorhersehbar. Sicher dürften sich die Schweizerinnen und Schweizer auf mehr «Züritüütsch» in der TV-«Arena» einstellen.

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