Islam

«Von gewissen Koranversen muss man sich verabschieden»

Die Autorin und Gymnasiallehrerin Jasmin El Sonbati plädiert für eine zeitgemässe Interpretation des Islam im Einklang mit der Verfassung und den Menschenrechten.

Für Jasmin El Sonbati hat die Vollverschleierung nichts mit dem Islam zu tun. Diese sei nur ein männlicher Vorwand dafür, die Frauen aus der Öffentlichkeit zu verbannen.

Für Jasmin El Sonbati hat die Vollverschleierung nichts mit dem Islam zu tun. Diese sei nur ein männlicher Vorwand dafür, die Frauen aus der Öffentlichkeit zu verbannen. Bild: Felix Gerber

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Frau El Sonbati, Sie tragen kein Kopftuch und haben einen hellen Teint. Wie reagieren die ­Leute, wenn Sie erfahren, dass Sie Muslimin sind?
Jasmin El Sonbati: Die erste Reaktion in der Schweiz ist in der Regel Erstaunen, weil ich nicht dem Klischee einer Muslimin entspreche. Die meisten zeigen dann Interesse und fragen nach. Andere finden, an mir sei nichts typisch Islamisches, und fragen sich, weshalb ich trotzdem Muslimin sein wolle.

Spielt die Religion bei Ihrer Arbeit als Gymnasiallehrerin eine Rolle?
Bei den Schüler-Eltern-Gesprächen ist die Religion kein Thema. Allerdings werde ich manchmal nach meinem Namen gefragt. Meine ägyptische Herkunft und der Nahe Osten generell stossen oft auf sehr viel Interesse.

Was hat Sie dazu bewogen, das Buch «Gehört der Islam zur Schweiz?» zu schreiben?
Der eine Grund war die zunehmende Polarisierung in der Islamdebatte. Nach 9/11 standen plötzlich alle Muslime unter Terrorismusverdacht. Ich möchte die Vorstellung aufbrechen, dass es nur den Islam und die Muslime gibt. Die muslimische Gemeinschaft ist im Gegenteil äusserst heterogen.

Und der andere Grund?
Als liberale, säkulare Muslimin wünsche ich mir, dass Muslime über einige Glaubenssätze sehr kritisch nachdenken und gewisse Positionen weiterentwickeln hin zu einem liberalen und zeitgemässen Islam.

Lassen Sie uns über ein paar Glaubenssätze sprechen, die hierzulande auf Unverständnis stossen: Sie sitzen in diesem Moment ohne Kopftuch mit einem fremden Mann in einem Café. Konservative Muslime würden sagen, dass sich das für eine richtige Muslimin nicht ­gehört. Was sagen Sie?
Es ist nur eine kleine Minderheit von Extremisten, welche die Menschen nach Kleidung, Geschlecht oder Glaube kategorisiert. Es ist Ausdruck eines menschenverachtenden Islam, der am Ende zu den Verbrechen des IS führt. In der Schweiz haben wir ein unverkrampftes Verhältnis zwischen den Geschlechtern. Auch in Ägypten gibt es Gott sei Dank keine Geschlechtertrennung wie in Saudiarabien.

Viele Muslime berufen sich beim Kopftuch auf den Koran. Zu Unrecht?
Gewisse Koranverse können so interpretiert werden, dass sich daraus eine Kopftuchpflicht ergibt. Meine ganze Familie ist aber ohne Kopftuch aufgewachsen. In den 40er-, 50er- und 60er-Jahren war das selbstverständlich. Erst mit dem wahhabitischen Islam aus Saudiarabien verbreitete sich die Vorstellung, dass eine fromme Muslimin ein Kopftuch tragen muss. Für mich ist es nur ein äusseres Symbol, das nichts mit dem Islam zu tun hat.

Und wie steht es mit dem Nikab oder der Burka?
Die Vollverschleierung ist menschenverachtend und hat definitiv nichts mit dem Islam zu tun. Die Rechtsgelehrten berufen sich zwar auf gewisse Koranverse. Das ist aber nur ein männlicher Vorwand, die Frauen unsichtbar zu machen und aus der Öffentlichkeit zu verbannen.

Sind Sie persönlich für ein Nikab-Verbot?
Ich lehne den Nikab ab, bin aber gegen ein Verbot. Erstens tragen nur ganz wenige Frauen in der Schweiz einen Nikab. Zweitens halte ich es für falsch, wenn solche extrem religiös konnotierte Vorgaben per Volksinitiative in die Verfassung geschrieben werden. Drittens will ich nicht, dass sich Nikab-Trägerinnen in eine Opferrolle flüchten und der Konfrontation mit der freiheitlichen Mehrheitsgesellschaft aus dem Weg gehen können. Sie müssen es aushalten, wenn sie keine Ar­beitsstelle bekommen, weil sie einen Nikab tragen.

Sie würden den Nikab auch in der Schule nicht verbieten?
Im Schulunterricht und im öffentlichen Dienst ist der Nikab selbstverständlich nicht erlaubt. In diesen Situationen ist es inakzeptabel, wenn sich Frauen oder auch Männer weigern, ihre Identität preiszugeben.

Auch Schwimmdispense für Mädchen haben für Unmut gesorgt. Was halten Sie davon?
In der Schweiz bereitet die Schule auf eine freiheitliche und demokratische Lebensweise vor. Schwimmen, aber auch Turnunterricht und Klassenausflüge gehören zum Lehrplan, der für ­alle gelten muss. Es gibt keinen Grund, sich dem zu entziehen. Man kann sich ja auch nicht aus religiösen Gründen vom Mathematikunterricht dispensieren lassen. Ich bin aber offen für Zwischenlösungen wie einen Burkini. Es gibt übrigens nur wenige Fälle, in denen Dispense be­antragt wurden.

Kürzlich haben zwei Schüler für Aufsehen gesorgt, weil sie sich weigerten, ihrer Lehrerin die Hand zu geben. Wie beurteilen Sie diesen Fall?
Auch das ist ein Beispiel für die erwähnte wahhabitische Auslegung. Natürlich ist der Handschlag zumutbar. Die Schule muss die klare Haltung vertreten, dass der Handschlag zur Begrüssung einfach dazugehört. Besonders stossend ist in diesem Fall, dass die Schüler von Leuten Unterstützung erhielten, die einer extremistischen Lesart des Islam folgen.

Haben wir vor allem mit den Salafisten ein Problem und gar nicht mit dem Islam an sich?
Ja. Der Salafismus ist der Nährboden für den Radikalismus. Viele junge Salafisten sind nicht weit weg vom Sprung in den islamisch motivierten Terrorismus. Es gibt Schweizer Jihadisten, die mit der Verteilung des Korans an einem «Lies»-Stand anfingen und in Syrien endeten.

Salafisten nehmen den Koran wörtlich und orientieren sich an den frommen Zeitgenossen des Propheten Mohammed. Wie können sie da falsch liegen?
Sie sind genauso Muslime wie die kritischen Muslime oder die Kulturmuslime. Niemand hat das Recht, andere auszugrenzen. Solange es mit den hiesigen Sitten und Gesetzen vereinbar ist, kann jeder Muslim auf seine Art fromm sein. Es braucht aber eine innerislamische Diskussion über die Frage, ob es im 21. Jahrhundert sinnvoll ist, wie der Prophet im 7. Jahrhundert zu leben. Oder ob es nicht besser wäre, die Prinzipien des Islam wie die Barmherzigkeit und das Streben nach Gerechtigkeit herauszunehmen und im Alltag zu leben. Die salafistischen Parallelgesellschaften sind ein grosses Problem, das den Religionsfrieden gefährdet.

«Frauen sollen in der Moschee die gleichen Funktionen übernehmen können wie die Männer.» Jasmin El Sonbati

Die Mehrheit der Muslime lehnt den Salafismus ab. Wieso sagt sie das nicht lauter?
Die Frage ist berechtigt. Dass sich die Mehrheit nicht lauter zu Wort meldet, zeigt aber auch, dass die meisten Muslime in der hiesigen Gesellschaft integriert sind und sich nicht aus einem identitären Gefühl heraus zu einer Gegen­bewegung formieren. Den Aufschrei, den sich viele Nichtmuslime nach Terroranschlägen wünschen, findet aber schon statt. Es gibt einige Muslime, die sich gegen Terror im Namen des Islam wehren. Auch die islamischen Landesverbände verurteilen jeden Anschlag. Wichtiger wären jedoch kritische Stimmen, die sich im Alltag stärker in Debatten einbringen.

Zum Beispiel?
Wenn es um Schwimmdispense und andere Sonderrechte geht, sollten sich Muslime vermehrt einmischen und sagen, dass die eigene Tochter am Schwimmunterricht und auch an allen anderen schulischen Aktivitäten teilnimmt. Ich will eine solche Stimme sein.

Was führt zur Radikalisierung?
Es sind viele Puzzleteile. Identitätssuche, schulisches Versagen, schwierige familiäre Verhältnisse, der abwesende Vater, Marginalisierung der Jugendlichen, Bildungsferne, eine momentane Krisensituation. Es ist wichtig, hinzuschauen und verändertes Verhalten anzusprechen und es nicht aus falsch verstandener ­Toleranz auszublenden. Wegschauen ist gefährlich.

Wer muss hinschauen?
Deradikalisierung ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Daran müssen die Zivilgesellschaft, die schulischen und staatlichen Institutionen, die Jugendvereine, die Nachrichtendienste und vor allem die Moscheen und das Moscheepersonal mitwirken.

In Winterthur soll ein Imam in seiner Moschee zu Mord aufgerufen haben. Ein Einzelfall?
Das weiss ich nicht. Allerdings kenne ich Moscheen, in denen zwar nicht gerade Hassprediger die Freitagspredigt halten, aber die Inhalte sind klar salafistischer Natur. Die Gläubigen werden dazu angehalten, so zu leben, wie der Prophet es vorgeschrieben hat. Abweichlern wird mit dem Höllenfeuer gedroht, wie in einer Predigt im Mittelalter! Das sind genau die Aufrufe, die Jugendliche auf Identitätssuche dazu verleiten können, sich von der Gesellschaft abzugrenzen.

Was kann die Schweizer Gesellschaft tun, um die Radikalisierung von Salafisten zu ver­hindern?
Es gibt Erfahrungen aus der Bekämpfung des Rechtsradikalismus. Aber im Grunde stehen alle am Anfang in dieser Angelegenheit. Die Schweiz ist genauso betroffen wie andere europäische Länder.

Es gibt einige Stellen im Koran, die im Widerspruch zu den Menschenrechten und der Verfassung stehen. Stichworte sind eingeschränkte Religionsfreiheit, Diskriminierung von Frauen und Homosexuellen oder Aufrufe zu Gewalt gegen Nichtmuslime. Wie kann man ein frommer Muslim sein und sich an die Verfassung halten?
Auch viele islamische Staaten haben Verfassungen. Von der Scharia, dem islamischen Recht, hat meist nur noch das Familienrecht Geltung. Ausserdem lassen sich allfällige Widersprüche oft ausräumen, indem aus den islamischen Rechtsempfehlungen die Essenz herausgelesen wird. Nehmen wir die Erbteilung als Beispiel. Nach islamischem Recht erbt der Sohn doppelt so viel wie die Tochter. Im 7. Jahrhundert war das neu, weil erstmals auch Töchter erbberechtigt waren. Die Essenz davon ist, dass Mädchen bessergestellt werden. Daraus lässt sich ableiten, dass heute Töchter gleich viel erben sollten wie Söhne.

Der Islam wird von vielen als Bedrohung empfunden, weil der Begriff Jihad im Koran für die Bekämpfung von Andersgläubigen steht.
Wie viel an der Interpretation hängt, lässt sich an diesem Begriff besonders gut zeigen. Jihad kann für den Heiligen Krieg stehen. Jihad kann aber auch das Bemühen, ein besserer Mensch zu werden, bezeichnen. Der Heilige Krieg hat heute keine Berechtigung mehr, weil das Zusammenleben in der Verfassung geregelt ist. In unseren irdischen Belangen brauchen wir Gott nicht.

Wie interpretieren Sie die Koranstelle, die dem Mann unter Umständen das Recht einräumt, die Ehefrau zu schlagen?
Das muss abgelehnt werden, weil es ein Straftatbestand ist. Auch jegliche Verstösse gegen Menschenrechte sind durch nichts zu rechtfertigen. Allah ist ein barmherziger Gott, der sich an alle richtet und grundsätzlich gerecht ist. Was ich vom Islam weitertragen möchte, sind diese spirituellen Werte.

Aber der Koran enthält nach muslimischer Auffassung das unantastbare Wort Gottes. Wie können dann einzelne Textstellen für ungültig erklärt werden?
Von gewissen Versen muss man sich verabschieden, weil sie nicht mehr sinnvoll sind. Die Teile mit den Rechtsempfehlungen sind an eine vergangene Zeit gebunden. Das ist interessant für die Historiker, um Rückschlüsse auf den Rechtskontext herzustellen. Heute haben wir aber eine Verfassung, in der die Rechte verbrieft sind.

Wie könnte eine zeitgemässe Auslegung der islamischen Quellen gefördert werden?
Nötig wäre eine wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Koran und den islamischen Glaubensströmungen, die dann in die Gesellschaft hineinwirkt. Leute wie Mouhanad Khorchide an der Uni Frankfurt oder Abdel-Hakim Ourghi an der Uni Freiburg im Breisgau argumentieren theologisch, um eine neue Lesart des Islam zu entwickeln, die mit den Menschenrechten und der Verfassung im Einklang ist. In der Schweiz gibts seit kurzem in Freiburg ein Zentrum für Islam und Gesellschaft. Es wäre gut, wenn auch ein Lehrstuhl für islamische Theologie eingerichtet würde.

Sollten Imame in der Schweiz ausgebildet werden?
Ja, vorausgesetzt, dass auch Frauen zu Imaminnen ausgebildet werden und diese in der Moschee die gleichen Funktionen wie die Männer übernehmen können. Nach dem Vorbild der englischen Inclusive Mosque Initiative haben in Bern schon zweimal Gebete stattgefunden, die von einer Imamin geleitet wurden. Das nächste solche Gebet findet demnächst in Basel statt. Dazu sind alle willkommen, unabhängig von Geschlecht, Nationalität, sexueller Orientierung oder Glaubensauffassung.

Wie war denn die Reaktion auf das von einer Frau geleitete Gebet?
Wir erhielten – auch aus islamischen Ländern – zahlreiche sehr positive Reaktionen. Viele Muslime wünschen sich Gleichheit auch im sakralen Raum. Die Islamverbände wie die Föderation islamischer Dachorganisationen der Schweiz und die Koordination islamischer Organisationen Schweiz bewerten Vorbeterinnen aber nicht positiv. Daneben gab es auch einen Shitstorm in den sozialen Medien. Ein Vorwurf lautete, Imaminnen seien eine Verwässerung des Islam.

Berichten die Medien angemessen über die Muslime und den Islam?
Ja und nein. Einerseits ist es gut, wenn Themen wie die Handschlagverweigerung oder die Vollverschleierung in den Medien kontrovers diskutiert werden. Anderseits wird zu wenig über die Diversität im Islam geschrieben. Stereotype wie der bärtige Moscheegänger mit Gebetskappe und die Kopftuchträgerin sollten aufgebrochen und es sollte über die ganze Bandbreite islamischer Lebenswelten berichtet werden.

Erstellt: 04.11.2016, 13:15 Uhr

Zur Person

Jasmin El Sonbati

Ihre Kindheit hat die 1960 geborene Muslimin Jasmin El Sonbati in Kairo verbracht. Im Alter von elf Jahren kam die Tochter eines Ägypters und einer Österreicherin in die Schweiz. In Basel und Wien studierte sie Romanistik. Heute unterrichtet El Sonbati, die inzwischen auch den Schweizer Pass hat, an einem Basler Gymnasium Französisch, Italienisch und Arabisch. Sie ist Mitbegründerin des Vereins «Forum für einen fortschrittlichen Islam».

Soeben ist El Sonbatis Buch «Gehört der Islam zur Schweiz?» erschienen. Darin beschreibt sie anhand eigener Erfahrungen und Beobachtungen in Ägypten, Österreich und der Schweiz die grosse Vielfalt muslimischen Lebens. Das Buch ermöglicht einen spannenden und aufschlussreichen Einblick in die muslimische Gemeinschaft und liefert Impulse für einen zeitgemässen Islam, der mit hiesigen Werten vereinbar ist. Der Buchtitel ist allerdings etwas irreführend. «Welcher Islam gehört zur Schweiz?» wäre treffender gewesen. (phh)

Jasmin El Sonbati: «Gehört der Islam zur Schweiz? Persönliche Standortbestimmung einer Muslimin». Zytglogge, 2016.

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