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Inländische Geflügelhaltung boomtSchweizer haben noch nie so viel Poulet und Eier gegessen

Wegen der steigenden Nachfrage gibt es immer mehr Masthühner, deren Haltung für Kritik sorgt. Die Corona-Pandemie sorgt zusätzlich für Absatz.

In grossen Betrieben leben die Tiere teils dicht aufeinander: Legehennen in einem Bauernhof im Kanton Waadt.
In grossen Betrieben leben die Tiere teils dicht aufeinander: Legehennen in einem Bauernhof im Kanton Waadt.
Foto: Laurent Gillieron (Keystone)

«Täglich eine Portion Fleisch, Fisch, Eier oder andere proteinhaltige Lebensmittel»: So steht es in den Empfehlungen des «Schweizerischen Ernährungsberichts». Dies bedeutet für eine erwachsene Person beispielsweise 110 Gramm Fleisch pro Tag oder 40 Kilo pro Jahr – eine Menge, die von vielen deutlich überschritten wird. Pro Kopf essen die Schweizerinnen und Schweizer jährlich über 48 Kilo Fleisch. Mehr als ein Fünftel davon ist Geflügel, Tendenz steigend.

Gemäss den neusten Zahlen des Bundesamts für Statistik beläuft sich der Konsum von Geflügelfleisch auf 10,7 Kilo pro Person, was etwa 90 durchschnittlichen Poulet­schnitzeln entspricht. Innerhalb von zwölf Jahren ist der Verbrauch um 20 Prozent angestiegen.

Im selben Zeitraum hat auch der Eierkonsum zugenommen, wenngleich weniger stark. Durchschnittlich isst eine Person heute 12,5 Kilo oder rund 200 Eier pro Jahr. Zu dieser grossen Menge kommt es, weil Eier in der Lebensmittelverarbeitung eine viel verwendete Zutat sind, etwa bei der Zubereitung von Backwaren, Teigwaren, Desserts, Mayonnaise und weiteren Produkten.

Um den steigenden Bedarf zu decken, wird die Geflügelhaltung in der Schweiz immer mehr ausgebaut. Mittlerweile werden über 11,9 Millionen Tiere gehalten. Das sind fast doppelt so viele wie noch vor 25 Jahren und so viele wie noch nie seit Beginn der Erhebung in der Agrarstatistik.

Mit Abstand den grössten Teil des Geflügels machen Mastpoulets aus (7,1 Millionen) vor Legehennen, Zuchthennen und Zuchthähnen (3,5 Millionen) sowie Truten (75’000). Andere Geflügelarten wie Enten und Gänse gibt es in der Schweiz vergleichsweise wenig.

Die Zahl der Mastpoulets hat sich in den letzten zwanzig Jahren fast verdoppelt und ist damit stärker gewachsen als diejenige der übrigen Hühner. Ihre Haltung wird immer wieder kritisiert: Mastpoulets kommen als Eintagesküken auf den Betrieb. Innert rund 36 Tagen wachsen sie zu einem etwas mehr als zwei Kilogramm schweren Poulet heran. Pro Betrieb werden 7300 Tiere gehalten. Zum Vergleich: Lege- und Zuchthennen leben durchschnittlich mit 280 Artgenossen zusammen.

Allgemein hat sich die Anzahl Tiere pro Betrieb in den letzten Jahren vervielfacht. Denn während der Bestand schweizweit steigt, gibt es immer weniger Bauernhöfe mit Geflügelhaltung. 1975 waren es 49’000, heute sind es nur noch 14’000. Die meisten davon liegen im Mittelland in den Kantonen Freiburg, Bern und Waadt.

Immerhin wächst der Bioanteil. Vor zwanzig Jahren konnten sich erst knapp 10 Prozent der Betriebe mit diesem Label schmücken, inzwischen sind es schon 18 Prozent, was über dem gesamtschweizerischen Durchschnitt aller Bauernhöfe liegt. Bio- oder Freilandpoulets erhalten mehr Zeit zum Wachsen als Masthühner. In Biobetrieben sind zudem die Bestände kleiner, das Platzangebot ist grösser und das Futter ist aus biologischem Anbau.

Nur 8 Prozent aller Hühner in der Schweiz leben aber unter diesen Umständen. Viele erhalten importiertes Futter. Mit der Zunahme des Geflügelbestandes ist der Anteil des ausländischen Futtermittels in den vergangenen zwanzig Jahren von 44 auf 71 Prozent gestiegen.

Ist nicht allen Tieren in der Schweiz vergönnt: Legehennen auf der Wiese eines Bio-Bauernhofs im Kanton Zürich.
Ist nicht allen Tieren in der Schweiz vergönnt: Legehennen auf der Wiese eines Bio-Bauernhofs im Kanton Zürich.
Foto: Christian Beutler (Keystone)

Gleichzeitig hat aber auch der Selbstversorgungsgrad zugenommen. 2009 wurden noch 47 Prozent des konsumierten Geflügelfleisches im Inland produziert. Heute sind es schon 58 Prozent. Der Rest stammt vor allem aus Brasilien, Deutschland, Frankreich und Ungarn. Bei den Eiern können 56 Prozent durch inländische Produktion abgedeckt werden. Schweizer Hennen legten 2019 über eine Milliarde Eier – ein neuer Rekord. Importeier stammen vorwiegend aus den Niederlanden und Deutschland.

Im vergangenen Jahr verdienten die Schweizer Bauern mit dem Verkauf von Eiern und Geflügelfleisch geschätzt 11,4 Milliarden Franken. Zusätzlich zum Trend hat ihnen die Corona-Pandemie in die Hände gespielt. Als während der «ausserordentlichen Lage» im Frühjahr 2020 Restaurants schliessen mussten und der grenznahe Einkaufstourismus wegfiel, stieg die Nachfrage deutlich: Der Absatz von Eiern war 23 Prozent höher als in der gleichen Periode im Vorjahr, derjenige von Geflügelfleisch sogar 28 Prozent. Der aktuelle Teil-Lockdown dürfte den Verkauf weiter antreiben.

43 Kommentare
    MZ

    Ich muss immer wieder richtig schmunzeln, wenn ich so Sätze lese wie "ich kaufe die Eier nur beim Bauern, wo ich auch sehe, dass die Hühner draussen sind."

    Viele dieser Kleinstbauern kaufen die Eier zu, über Futtermühlen, Zwischenhändler, etc.

    Das nennt man im Fachbereich Eier-Tourismus.

    Glaubt ja nicht, beim Kleinbauer, der immer Eier anzubieten hat, sind alle von seinem eigenen Hof - Ausnahme allenfalls: der zertifizierte Bio Knospe Bauer.

    Ich rede aus Erfahrung, da ich viele Jahre in der Branche tätig bin.