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Zur Bedeutung von GedenkstättenSie verbrannten Frauen und Kinder

In Frankreich wird ein Mahnmal gegen die Nazis verunstaltet – gerade deshalb braucht es solche Gedenkstätten.

Ein Besucher betrachtet eine neue Geschichtslüge in Oradour-sur-Glane, dessen Bevölkerung im Juni 1944 von SS-Truppen umgebracht wurde.
Ein Besucher betrachtet eine neue Geschichtslüge in Oradour-sur-Glane, dessen Bevölkerung im Juni 1944 von SS-Truppen umgebracht wurde.
Foto: AFP

Ein Unbekannter hat die Gedenkstätte von Oradour-sur-Glane verschmiert, einem Dorf im westlichen Zentrum Frankreichs. Aus dem «village martyr» wurde ein «village mentir», die Märtyrer zu Lügnern umgedeutet. Empörung in Frankreich Unruhe in anderen Ländern.

150 SS-Soldaten aus der zweiten SS-Panzerdivision «Das Reich» umzingelten das Dorf am frühen Nachmittag. Es war der 10. Juni 1944. Wenige Tage zuvor waren die Alliierten in der Normandie gelandet und hatten den Durchbruch gegen den Atlantikwall der Deutschen geschafft. Der Krieg war für die Deutschen absehbar verloren.

Das hinderte die Nationalsozialisten weder an der Fortführung des Holocaust noch an der Durchführung von Vergeltungsaktionen. Für jeden toten deutschen Soldaten musste ein Vielfaches an französischen Bürgerinnen und Bürger sterben. Dem Bürgermeister der Ortschaft wurde jeweils befohlen, die Todgeweihten zu bestimmen.

Von Handgranaten zerfetzt

In Oradour-sur-Glane hatten die Nazis anderes vor. Der Befehl an die Führung lautete, die ganze Dorfbevölkerung umzubringen. Dies als Rache für die Angriffe französischer Partisanen auf deutsche Truppen, die Richtung Normandie unterwegs gewesen waren.

Nur die wenigsten wurden später gerichtlich belangt.

Die SS-Truppen trieben die Leute auf dem Dorfplatz zusammen, trennten die Männer von den Frauen und Kindern. Die Männer wurden erschossen, Frauen und Kinder in eine Kirche eingesperrt, die dann angezündet wurde. Wer ins Freie entkam, wurde erschossen oder von Handgranaten zerfetzt. 642 Menschen starben, darunter 247 Kinder; es war das grösste Massaker in Westeuropa während des Zweiten Weltkriegs. Nur 36 Menschen überlebten die meisten schwer verletzt. Die Deutschen brannten das Dorf nieder. Nur die wenigsten wurden später gerichtlich belangt.

Wozu dienen Gedenkstätten? Und was geschieht, wenn Gräueln der Vergangenheit nicht gedacht, sondern diese geleugnet werden? Genau so operieren Verschwörungstheoretiker und Schönschreiber des nationalsozialistischen Terrors. Ausgerechnet die grössen Antisemiten stellen den Holocaust in Abrede: Entgegen aller historischen Belege reden sie Massaker der SS und der Wehrmacht klein – für sie bleibt Adolf Hitler der Mann, der den Deutschen Autobahnen baute.

Man kann Deutschland nicht vorwerfen, es habe sich seiner Vergangenheit nicht gestellt es tut es bis heute. Das kann bis zur Frage gehen, ob Schulkinder auf dem Holocaust-Mahnmal von Berlin ihre Pausenbrote verzehren dürfen oder ob das unangebracht sei. Tatsache ist, dass in Berlin das Mahnmal gleich neben dem Reichstag steht. Dass die Berliner ihm «Kranzabwurfstelle» sagen, ist keine Diffamierung, sondern Humor im Wissen um das Grauen.

Verklärung von Sklavenhaltern

Was passiert, wenn das Gedenken vergessen geht oder gar nicht erst einsetzt, lässt sich im amerikanischen Süden nachprüfen. Bis heute stehen in Städten wie Nashville, Memphis und anderswo Büsten und Statuen von Offizieren der Armee der Konföderierten Staaten. Etwa das Abbild von Nathan Bedford Forrest in Nashville, einem Sklavenhalter und Mitbegründer des Ku-Klux-Klans. Er hatte im Sezessionskrieg 200 afroamerikanische Soldaten aus dem Norden erschiessen lassen, obwohl sie sich bereits ergeben hatten. Mehrere solcher Statuen wurden erst in den Achtzigerjahren aufgestellt, und jeder Versuch, sie zu demontieren, wurde von der republikanischen Mehrheit in Gliedstaaten wie Georgia, Virginia oder North Carolina abgelehnt. Allerdings häuften sich in letzter Zeit – auch unter dem Druck der «Black Lives Matter»-Bewegung – die Proteste gegen solche Verklärungen.

Das Einzige, was man der Gedenkstätte von Oradour-sur-Glane vorwerfen kann: Die Opfer des Massakers waren keine Märtyrer, die für ihren Glauben sterben mussten. Es waren Bürgerinnen und Bürger, die leben wollten.