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Schweizerin in Weissrussland im GefängnisSie forderte Freiheit – und sitzt nun in Haft

Natallia Hersche ist seit Wochen in Minsk inhaftiert. Inzwischen setzt sich auch Aussenminister Ignazio Cassis für sie ein. Bisher vergeblich. Jetzt spricht Herrsches Partner über Angst, Ohmacht und ein erstes Lebenszeichen.

Natallia Hersche, 51 Jahre alt, sitzt seit bald acht Wochen im Gefängnis.
Natallia Hersche, 51 Jahre alt, sitzt seit bald acht Wochen im Gefängnis.
Foto: PD

«Ich weiss eigentlich nur, dass ich nichts weiss», sagt Robert Stäheli. Stäheli, 55 Jahre alt, ein schmächtiger Mann mit kahl rasiertem Kopf, sitzt in seinem Wohnzimmer in einem St. Galler Dorf in der Nähe des Bodensees. Stäheli trinkt ein Glas Sauser, schaut durch die grossen Fenster hinaus ins Grüne. Schafe weiden auf der Wiese vor dem Haus. Draussen ist es still, friedlich. Der Aufruhr ist drinnen, im Wohnzimmer. Im Kopf von Robert Stäheli.

Seit bald acht Wochen harrt Stähelis Partnerin Natallia Hersche in Weissrussland im Gefängnis aus. Es ist ungewiss, wann sie freikommt. Der Fall hat die höchste politische Ebene erreicht. Aussenminister Ignazio Cassis und mehrere Nationalrätinnen setzen sich für Hersche ein. Und Stäheli fragt sich: Was, wenn Natallia für Jahre weggesperrt bleibt?

Am 9. August hatte sich Alexander Lukaschenko bei der Präsidentenwahl in Weissrussland zum Sieger erklären lassen, mit angeblich 80,1 Prozent Stimmen. Tausende Weissrussinnen und Weissrussen protestieren seither immer wieder auf den Strassen. Sie kämpfen gegen den autokratischen Staatschef Lukaschenko, der sich seit 26 Jahren an der Macht hält. Sie demonstrieren für faire Wahlen, Demokratie und Freiheit.

Natallia Hersche, 51 Jahre alt, schweizerisch-weissrussische Doppelbürgerin, ist im September in ihre Heimat Weissrussland zurückgekehrt. Für sie war es, als habe sich ihr Land aus seiner bleiernen Erstarrung gelöst. Endlich. Sie wollte beim Aufbruch dabei sein. Live, vor Ort.

Robert Stäheli, der Lebenspartner von Natallia Hersche, sagt über sie: «Sie war mitgerissen. Sie war im Feuer.»
Robert Stäheli, der Lebenspartner von Natallia Hersche, sagt über sie: «Sie war mitgerissen. Sie war im Feuer.»
Foto: Samuel Schalch

«Du musst dabei sein», hat ihr Partner Robert Stäheli zu ihr gesagt. Als die Aufstände in Weissrussland angefangen hatten, telefonierte Natallia Hersche ständig mit ihrem Bruder, der in der Hauptstadt Minsk lebt. Sie verfolgte die News auf dem russischen Facebook, tauschte sich mit Freunden in Chats aus. Sie sass in Stähelis Wohnzimmer und war in Gedanken schon fort. Robert Stäheli sagt: «Sie war mitgerissen. Sie war im Feuer.»

Bevor Natallia Hersche nach Minsk flog, sprachen sie und Stäheli darüber, was mit ihr geschehen könnte. Ein, zwei Tage in Haft, dachten sie, Worst Case. Sie hätten die Gefahr kleingeredet, sagt Stäheli heute. Sie wussten, dass die weissrussische Polizeieinheit Omon mit Schlagstöcken gegen die Demonstrierenden vorgeht, Wasserwerfer einsetzt, Tränengas, Lärm- und Blendgranaten, Gummigeschosse. Dass die Polizei jedes Wochenende Hunderte Menschen verhaftet, auch Frauen. Es gibt viele Videos davon.

Natallia Hersche, die vor 17 Jahren ihr Land in Richtung freier Westen verliess, musste jetzt den umgekehrten Weg gehen.

Ihr Leben war bescheiden, der Job monoton

Natallia Hersche war damals 34 Jahre alt, Mutter von zwei kleinen Kindern, bei der Regierung angestellt. Ihr Leben war bescheiden, der Job monoton, die Ehe am Ende. Natallia Hersche, die von Möglichkeiten träumte, fragte sich: Muss ich mich wirklich mit so wenig abfinden? Und sie verliess Weissrussland.

Für junge Leute, für Studentinnen und Studenten gibt es in Weissrussland wenig Perspektiven. Die meisten wollen ins Ausland. Der Bruder von Natallia Hersche, einst Chirurg, reiste in seinen Ferien jeweils nach Deutschland und arbeitete als Handlanger. So verdiente er Geld für eine kleine Wohnung in Minsk. Als Chirurg lebt er von weniger als 400 Euro im Monat. Robert Stäheli sagt: «In Weissrussland schwimmen die Menschen mit dem Strom. Natallia wagte den Sprung ins Ungewisse.»

In der Schweiz fand Natallia Hersche eine Wohnung und holte ihre Kinder nach. Sie fand eine Stelle in einer Fabrik in St. Gallen, Abteilung Qualitätssicherung. Natallia Hersche hatte in Minsk studiert und war überqualifiziert, aber die Bezahlung war gut. 2016 wurde sie eingebürgert.

Bis zu fünf Jahre Haft

Natallia Hersche und Robert Stäheli haben sich vor zwei Jahren über Parship kennen gelernt, seither sind sie ein Paar. Im vergangenen Jahr waren sie zum ersten Mal zusammen in Weissrussland, Stäheli hat Freunde und Familie seiner Lebenspartnerin getroffen, er versteht jetzt besser, warum Natallia Hersche ausgewandert ist. Er sagt, dass sie in der Schweiz gern essen gehe, in die Ferien, ins Casino. Sie möge den Glamour. «Natallia feiert das Leben.»

Natallia Hersche flog am 11. September nach Minsk, am 12. September nahm sie zum ersten Mal an einer Demonstration teil, an einer Frauendemo. Am nächsten Tag fand eine Demonstration für alle statt, Hersche war wieder dabei. An einer weiteren Frauendemonstration, am Samstag, 19. September, lief Natallia Hersche vorn mit. Robert Stäheli sagt: «Wie ich sie kenne, rannte sie nicht weg, als die Polizei kam.» Hinter ihm, in der Küche, hängt ein Foto von Natallia. Sie lacht, streckt die Zunge raus.

Natallia Hersche an einer der Demonstrationen in Minsk.
Natallia Hersche an einer der Demonstrationen in Minsk.
Foto: PD

An ihrer dritten Demonstration wurde Hersche festgenommen. Aus der Zelle im Polizeitransporter schrieb sie eine Whatsapp-Nachricht an Stäheli: «Ich bin verhaftet.» Sie schickte ein Video von der Zelle, die Aufnahme ist wacklig und schwarz. Es ist nichts zu erkennen. Wenige Minuten später schrieb Hersche: «Alles wird gut.»

Robert Stäheli dachte in jenem Moment: Morgen kommt sie frei. Oder übermorgen. Aber Hersches Gerichtstermin verzögerte sich. Die Untersuchungshaft wurde von 15 Tagen auf zwei Monate ausgeweitet, Natallia Hersche in ein anderes Gefängnis verlegt. Ihr wird vorgeworfen, einem Polizisten während der Demonstration die Sturmhaube vom Gesicht gerissen zu haben. Für «gewaltsamen Widerstand gegen Strafverfolgungsbeamte» drohen in Weissrussland bis zu fünf Jahre Gefängnis. Hersche sagte zu ihrer Anwältin, sie habe nichts getan. Wochen vergingen.

Für die deutsch-schweizerische Menschenrechtsorganisation Libereco ist Natallia Hersche eine politische Gefangene. Libereco-Präsident Lars Bünger sagt, Hersche erfülle alle Kriterien: Sie wurde festgenommen, als sie das Menschenrecht auf freie Meinungsäusserung und Versammlungsfreiheit wahrgenommen hatte. Sie habe nicht Gewalt angewendet. Sie befinde sich unverhältnismässig lange in Haft. Und sie könne nicht mit einem fairen Verfahren rechnen, sie sei politischer Willkür ausgesetzt.

Von den Zehntausenden Demonstrierenden, die seit August verhaftet wurden, kamen die meisten nach wenigen Tagen frei. Die weissrussische Menschenrechtsorganisation Viasna in Minsk weiss aber auch von mehr als 120 Langzeitinsassen, unter ihnen sind Oppositionelle, Journalisten, Blogger. Und Natallia Hersche.

Robert Stäheli hörte in den ersten Wochen Geschichten von Folter und Gewalt in den weissrussischen Zellen, wurde zerrieben von Angst und Ohnmacht. Die Anwältin von Natallia Hersche ist mit dem Bruder in Kontakt, er leitet die Informationen an Stäheli weiter, auf Russisch via Telegram. Stäheli übersetzt die Nachrichten im Internet auf Deutsch. Wenn er antworten will, übersetzt er das Deutsche zuerst für sich auf Englisch, um zu kontrollieren: Drücke ich mich verständlich genug aus? Dann lässt er den deutschen Text online ins Russische übersetzen und schickt ihn dem Bruder. Es ist zermürbend.

Stäheli sagt: Er müsse mit allem rechnen

Für Robert Stäheli änderte sich etwas Entscheidendes, als Lars Bünger von Libereco anrief und seine Unterstützung anbot. Stäheli sagt: «Lars hat sich nach Hoffnung angefühlt.» Bünger organisierte eine Mahnwache, gewann mit der St. Galler SP-Nationalrätin Barbara Gysi eine politische Fürsprecherin, lancierte auf Campax eine Petition, die mehr als 9400 Personen unterzeichnet haben. 18 National- und Ständerätinnen wendeten sich kürzlich mit einem offenen Brief an die weissrussische Regierung.

Vergangene Woche hat sich Barbara Gysi mit dem weissrussischen Botschafter in der Schweiz getroffen und ihn gebeten, sich für die Freilassung von Natallia Hersche einzusetzen. Aussenminister Ignazio Cassis hat vor ein paar Tagen mit seinem weissrussischen Amtskollegen telefoniert und dasselbe gefordert. Das Aussendepartement schreibt: «Die Bundesbehörden werden sich weiterhin für die Freilassung von Natallia Hersche einsetzen.»

Lars Bünger sagt, dass solche Aktionen und Gespräche wichtig seien. Sie würden der weissrussischen Regierung zeigen, dass die Schweiz den Fall Natallia Hersche kennt, sich für sie einsetzt und genau beobachtet, was geschieht. Erschwerend für den diplomatischen Einsatz ist, dass Weissrussland die Doppelbürgerschaft nicht anerkennt. Natallia Hersche wird als Weissrussin behandelt.

Bemerkenswert ist, dass Natallia Hersche im Gefängnis bereits zum zweiten Mal vom schweizerischen Botschafter in Minsk besucht wurde. Gemäss dem Botschafter geht es ihr den Umständen entsprechend gut.

Stäheli sagt, er habe akzeptiert, dass er mit allem rechnen müsse. Im besten Fall damit, dass Natallia plötzlich vor der Tür stehe. Im schlimmsten Fall damit, dass sie im Gefängnis misshandelt werde und als gebrochene Frau heimkehre. Falls überhaupt.

Vor kurzem hat Stäheli einen Brief bekommen. Es ist das erste Lebenszeichen von Natallia Hersche. Sie schreibt: «Wenn ich damit anfange, die Haftbedingungen zu beschreiben, dann wird dieser Brief nicht verschickt. Momentan ist alles einigermassen in Ordnung, damit kann man leben, es ist warm.» Sie und die anderen Insassinnen würden sich Geschichten erzählen, debattieren, manchmal Lieder singen. Sie male Porträts von den anderen. «Ich bitte dich, mach dir keine Sorgen. Es ist nicht so schlimm, wie du wahrscheinlich denkst. Ich weiss ganz genau, dass alles gut wird.»

Robert Stäheli sagt, er könne nur auf sein Gefühl hören. Und der Brief sage ihm: Natallia geht es gut.

20 Kommentare
    Heinz Luder

    Einfach unglaublich, wie sich hier einige Kommentarschreiber über allfällige Kosten für die paar Telefonate der schweizerischen Botschaft in Minsk echauffieren. Der Botschafter ist ja dafür angestellt, dass er sich für die Belange unserer Landsleute in Belarus einsetzt. Frau Hersche hat ihr Herz auf dem rechten Fleck, hat Engagement und zeigt grossen Mut. Vorbildlich!