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«Sieh an, du elender dürftiger Madensack»

Goncourt-Preisträger Eric Vuillard plädiert mit seinem Helden Thomas Müntzer für Volksaufstände – damals und heute.

Er verdichtet Geschichte: Der französische Goncourt-Preisträger Eric Vuillard. Foto: Basso Cannarsa (Opale)
Er verdichtet Geschichte: Der französische Goncourt-Preisträger Eric Vuillard. Foto: Basso Cannarsa (Opale)

Es gibt wieder Historiker, die erzählen – wie Philip Blom. Aber sie fassen sich ungern kurz. Herfried Münkler etwa macht es beim Ersten Weltkrieg wie beim Dreissigjährigen Krieg nicht unter 1000 Seiten. Es müssen halt alle Details berücksichtigt werden, um ein Bild zu zeichnen, das der Wahrheit gerecht wird.

Eric Vuillard geht einen anderen Weg. Er wählt aus, konzentriert sich auf das, was er für das Wesentliche hält. Und er stellt sich selbst als Erzähler aus, gibt der Subjektivität Raum: Das Vergangene soll gedeutet und bewertet werden. Auch auf unsere Gegenwart hin. Die Vergangenheit will er nicht der Wissenschaft überlassen, sondern selbst Position beziehen.

Das Ergebnis sind schmale Bände, in denen etwa die Eroberung Perus oder die Französische Revolution verdichtet und interpretiert werden. 2017 erhielt Eric Vuillard den Prix Goncourt für «L’ordre du jour» (Die Tagesordnung), in der er die Förderung Hitlers durch die deutsche Grossindustrie thematisierte.

«Man soll die gottlosen Regenten töten»

Das neue Buch von Eric Vuillard ist novellenhaft schmal, es misst kaum 70 Seiten. Und es ist eine Art Biografie. Im Mittelpunkt: Thomas Müntzer, ein radikaler Reformator des 16. Jahrhunderts, der sich mit Luther überwarf und für die aufständischen Bauern Partei ergriff. Bei der Schlacht von Frankenhausen wurde er gefangen genommen, gefoltert und am 27. Mai 1525 enthauptet.

Müntzer war eine Lieblingsfigur sozialistischer Theoretiker und Autoren, von Friedrich Engels (als Anführer der ersten kommunistischen Bewegung) über Ernst Bloch («Theologe der Revolution») bis zu Dieter Fortes in den 1970er-Jahren viel, heute gar nicht mehr gespieltes Theaterstück «Martin Luther & Thomas Müntzer oder die Einführung der Buchhaltung». In der DDR schmückte Müntzer die 5-Mark-Banknote.

Eric Vuillard kennt das Nachleben seines Helden im Detail, en passant nennt er Kautsky, Bloch, Engels, wie um sein Bescheidwissen lässig zu belegen. Vor allem aber zitiert er Thomas Müntzer selbst, seine Schriften, Predigten und Briefe. Darin zeigt sich ein Polemiker, der bei seinen Angriffen keine Rücksicht nimmt – weder auf den Rang seiner Gegner noch auf taktische Klugheit. «Siehe an, du elender dürftiger Madensack», schreibt er kurz vor der entscheidenden Schlacht an den Grafen Ernst von Mansfeld, «wer hat dich zum Fürsten des Volks gemacht?» Und vor dem Rat der Stadt Allstedt, vor Bürgermeister und Herzog, die sich ein Bild von dem seltsamen Prediger machen wollten, sagt er: «Man soll die gottlosen Regenten töten.»

Reformator und Sozialrevolutionär: Thomas Müntzer (1489–1525)
Reformator und Sozialrevolutionär: Thomas Müntzer (1489–1525)

Dieser Satz steht bei Vuillard in Grossbuchstaben. Es ist der entscheidende Moment, wo aus Worten Taten folgen – die eigenen, der Aufstand, und die der anderen, die grausame Rache nach der Niederschlagung. «Haben auch alsbald die Stadt mit dem Sturme angegangen, die auch erobert, und was darin von Mannspersonen befunden, alles erstochen, die Stadt geplündert und also mit der Hilfe Gottes dieses Tages Sieg und Überlage erlangt, des wir dem Allmächtigen billig dankbar sein sollen, im Verhoffen, damit ein gut Werk ausgerichtet und vollbracht zu haben», zitiert Vuillard einen der Adelsanführer und ergänzt trocken: «Es gab viertausend Tote.»

Luthers Reformation gelang, weil der Reformator es sich wohl mit der katholischen Kirche, aber nicht mit der weltlichen Obrigkeit, den Landesherren verdarb. Müntzer scheiterte, so Vuillards Deutung, weil er das Christentum als Religion der Armen begriff, die Kirche und weltliche Herrschaft pervertiert hatten, und zum radikalen Umsturz aufrief. Vuillard interessieren die theologischen Feinheiten, die die Reformatoren entzweiten, überhaupt nicht. Er stellt Müntzer und den Bauernkrieg in eine Reihe von Volksaufständen, die zwei Jahrhunderte vorher in England begannen und kurz vor seinem Auftreten zuletzt in Böhmen auftraten.

Es ist die Ungerechtigkeit der Welt mit obszönem Reichtum hier und entsetzlicher Not, die Volkserhebungen und Bauernkriege fast automatisch hervorbringen muss. Aus vollem Recht, als geradezu objektive Bewegung der Geschichte: «die Fron, der Grundzins, der Zehnte, die Tote-Hand-Steuer, die Pacht, der Zehrpfennig, die Strohernte, das Recht der ersten Nacht, die abgehackten Nasen, die ausgestochenen Augen, die verbrannten, geräderten, gepeinigten Körper»: So resümiert Vuillard das Elend der Welt, vor Müntzer, mit Müntzer und bis in unsere Zeit, die der Autor direkt apostrophiert. In Frankreich wurde «La guerre des pauvres» denn auch auf die Gelbwestenbewegung projiziert, eine Analogie, der sich der Autor nicht entgegenstellte.

«Wünschenswert ist nur der Sieg »

Seine Haltung zu Müntzer erweist sich als ebenso ambivalent wie sein Stil, der zwischen Pathos und Ironie wechselt. Vuillard schmiegt sich seinem Helden an, ist ganz nah dran an ihm und distanziert sich dann wieder. Szenische, fast reportagehafte Direktheit wechselt ab mit einem Verdikt, fast von oben herab. Müntzer mag das moralische Recht auf seiner Seite haben, aber er zieht die falschen Schlüsse daraus, meint Vuillard.

Das liegt letztlich doch auch an der Theologie, die für Vuillard nur Nebensache ist. Für Müntzer erfährt man Gott nur im Schmerz und im Leiden. Deshalb trifft ihn seine Niederlage nicht im Kern des Rechthabens. Hier trennen sich die Wege des Autors und seines Helden endgültig. Die letzten Sätze dieses überaus merkwürdigen Buches lauten, und sie klingen fast drohend für die Herrschenden, die Vuillard heute im Visier hat: «Das Martyrium ist eine Falle für alle Unterdrückten, wünschenswert ist nur der Sieg. Ich werde von ihm erzählen.»

Eric Vuillard: Der Krieg der Armen. Aus dem Französischen von Nicola Denis. Matthes & Seitz, Berlin 2020. 70 S., ca. 27 Fr.