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Naturschützer schlagen AlarmSo stark schrumpfen die Bestände von Süsswasserfischen

Wandernde Arten wie Forelle und Lachs sind vor allem in Europa bedroht. Die Schweiz steht in einem Punkt sogar an der Spitze.

Gehört zu den gefährdeten Arten, die in Bächen und Flüssen leben: Eine Forelle beisst bei einem Köder an.
Gehört zu den gefährdeten Arten, die in Bächen und Flüssen leben: Eine Forelle beisst bei einem Köder an.
Foto: David E. Klutho (Getty Images)

Es ist ein lautloses Drama, das sich schon lange unterhalb der Wasseroberfläche abspielt: Zahlreiche Bestände wandernder Süsswasserfische sind seit 1970 massiv geschrumpft. Weltweit liegt der Rückgang bei 76 Prozent. Dies geht aus dem ersten globalen Bericht hervor, den die Naturschutzorganisation WWF gemeinsam mit der Zoological Society of London und der World Fish Migration Foundation veröffentlicht hat.

In Europa ist die Lage besonders schlimm. Hier reduzierten sich die Bestände in den letzten knapp fünfzig Jahren um 93 Prozent. Auch Lateinamerika und die Karibik liegen über dem Durchschnitt, der höher ist als bei wandernden Arten im Meer und auf dem Land. Süsswasserfische seien noch stärker bedroht als bisher angenommen, schreiben die Studienautoren – und warnen vor den Folgen der besorgniserregenden Entwicklung.

Vielerorts sind wandernde Süsswasserfische eine wichtige Nahrungsquelle und Lebensgrundlage. Zudem spielen sie eine entscheidende Rolle im Ökosystem von Flüssen, Seen und Sumpfgebieten, indem sie wichtige Nährstoffe transportieren. «Der katastrophale Verlust bei diesen Schlüsselarten wird immense Konsequenzen für Mensch und Natur auf der ganzen Erde haben», sagte Arjan Berkhuysen von der World Fish Migration Foundation.

Für die Untersuchung wurden Daten zu 1400 Populationen von 247 Fischarten ausgewertet. Beinahe die Hälfte aller Fischarten weltweit lebt in Süsswasser, und die meisten von ihnen sind darauf angewiesen, zum Laichen weite Strecken in Flüssen zurückzulegen. Einige davon, wie der Lachs oder der europäische Aal, leben auch zeitweise im Meer.

Die Verbauung von Flüssen ist der Hauptgrund für den massiven Artenrückgang: Lachse werden auf dem Weg zum Laichen aufgehalten.
Die Verbauung von Flüssen ist der Hauptgrund für den massiven Artenrückgang: Lachse werden auf dem Weg zum Laichen aufgehalten.
Foto: Yichuan Cao (Getty Images)

Veränderung, Verlust und Zerstörung des Lebensraums sind die Hauptgründe für den extremen Rückgang. Feucht- und Sumpfgebiete, die für viele Tiere unentbehrlich sind, verschwinden dreimal schneller als Wälder. Gleichzeitig beeinträchtigen immer mehr Dämme, Wasserkraftwerke und andere Verbauungen in Bächen und Flüssen die Wanderung der Fische und stören ihren Lebenszyklus.

Auch invasive Arten, Krankheiten und Überfischung sowie Verschmutzung etwa durch Rückstände aus Düngemitteln und Pestiziden sind laut den Naturschützern grosse Bedrohungen. Viele Ursachen sind menschengemacht. Ausserdem wird der Klimawandel, der momentan noch eine untergeordnete Rolle spielt, für die Fische zunehmend zum Problem.

Allein in Europa gibt es mindestens eine Million Verbauungen, die verhindern, dass Fische zu ihren Laichplätzen wandern, vor Fressfeinden fliehen und bei hohen Temperaturen in kühle Seitengewässer ausweichen können. Mehr als 170’000 davon stehen hierzulande. Bezogen auf ihre Grösse, hat die Schweiz neben Holland europaweit die höchste Dichte an Hindernissen.

Viele von ihnen könnten laut WWF Schweiz problemlos zurückgebaut werden, da sie heute keine Funktion mehr für den Hochwasserschutz, die Energiegewinnung oder die landwirtschaftliche Bewässerung erfüllen. «Wenn wir nicht wieder für vernetzte Gewässer sorgen, werden zahlreiche Fischarten schlicht aussterben», warnt Christian Hossli von der Umweltschutzorganisation Aqua Viva. Bereits heute steht mehr als die Hälfte der schweizerischen Fischarten auf der Roten Liste des Bundes: 24 Prozent werden als gefährdet beurteilt, 9 Prozent als stark gefährdet. Über ein Viertel ist vom Aussterben bedroht oder bereits ausgestorben, darunter der Atlantische Stör und der Lachs.

Gemäss Zahlen des Bundesamtes für Umwelt kommt es in der Schweiz durchschnittlich alle zwei Tage zu einem Fischsterben aufgrund akuter Gewässerverunreinigungen. Drei Viertel der Fälle werden durch Menschen verursacht, bei unsorgfältigem Handeln, fehlendem Bewusstsein für die Giftigkeit von Jauche oder durch Aktivitäten auf Baustellen. Natürliche Ursachen, wie zum Beispiel extreme Trockenheit, spielen nur eine geringe Rolle.

Eine gute Nachricht des globalen Berichts ist, dass sich die Population oft erholt, wenn wandernde Süsswasserfische keinen Bedrohungen mehr ausgesetzt sind. Der Rückgang der Bestände seit 1970 ist in Nordamerika auch deshalb tiefer ausgefallen als in Europa, weil mehr Dämme und Hindernisse entfernt wurden. Es gibt also Hoffnung, dass der negative Trend mit entsprechenden Schutzmassnahmen gestoppt werden kann.

26 Kommentare
    Felix Kuster

    Der Tagesanzeiger bringt einen Bericht über das Fischsterben und einen Tag vorher dass Fliegenfischen jetzt absolut in ist und ganz viele Schweizer das machen müssen. Wieso muss ich fischen, wenn ich den Fisch nicht esse, sondern ihn nur stressen will?

    Vielleicht wäre es einfach mal an der Zeit den Fischen Ruhe zu gönnen und sich zu überlegen, wo wir welche Möglichkeiten an welchen Flüssen und Seen haben. Auch hier nützt Panik genauso wenig wie der WWF oder gar Greenpeace.