24'000 erleben die grosse Nino-Schurter-Show

Der weltbeste Mountainbiker muss hart für seinen siebten WM-Titel arbeiten, bis auch der letzte Gegner distanziert ist. Auf der Lenzerheide trägt das Publikum den Schweizer zum Triumph.

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Zuletzt wird es kitschig. Aber am Ende dieses Tages ist Kitsch okay. Hinter der Ziel­linie wird dem alten und neuen Mountainbike-Weltmeister Nino Schurter die Tochter über die Absperrbande gereicht, vor der Menschenwand, die sich am Zielhang gebildet hat, jubeln sie gemeinsam. Viel weiss die bald Drei­jährige ihrem Papa noch nicht zu sagen, ausser: Sie habe während des Rennens auch Hopp gerufen.

Sie ist damit nicht alleine, ­Lenzerheide ist am Samstag Nino-Land. Schon beim Frauenrennen zur Mittagszeit ist die Bikearena gut gefüllt, um halb vier ist sie voll. Beim Weltcup vor einem Jahr ­standen rund 10'000 Zuschauer entlang des gut vier Kilometer langen Parcours. «Wir dachten, das seien viele», sagt OK-Chef Christoph Müller. Doch an diesem Samstag reisen 24'000 hoch auf die Lenzerheide, lassen sich auch durch den Rückstau bis hinunter nach Chur nicht entmutigen – und sorgen für eine enorme Stimmung. Noch nie erlebten mehr eine Mountainbike-WM mit.

Dabei verblüfft, wie gut durchgängig die Situation in der Zielarena bleibt. Hier gibt es zwar den Blick auf eine Grossleinwand und unzählige Verpflegungsstände. Doch die Leute sind wegen der Mountainbike-Rennen gekommen, nicht ­wegen des Events. Sie tragen Wander- oder zumindest Turnschuhe und bevölkern jeden Streckenteil, egal, wie steil dieser auch ist. Selbst im Wald drin, wo der Trail gefühlt senkrecht zwischen den Bäumen runterführt, gibt es auf den Trampelpfaden Stau, weil die meisten Fans die Rennfahrer an mehreren Orten anfeuern wollen.

«Meine Ohren! Das war brutal.»

Zusammen sorgen sie für eine Atmosphäre, die die Protagonisten nie vergessen werden. Bei niemandem zeigt sich das deutlicher als bei Florian Vogel. Mit 36 Jahren fährt er seine 20. und letzte WM. Es wird ein Abgang durch das grosse Tor: Einen Monat lang hat er sich spezifisch auf dieses Rennen vorbereitet, wird am Schluss Fünfter und zweitbester Schweizer und sagt: «Das war eines der besten Rennen meiner Karriere.»

Vogel, sonst ein zurückhaltender Zeitgenosse, spricht im Ziel viel lauter als üblich: «Meine Ohren! Das war brutal. Sie pfeifen, ich höre kaum etwas – wie nach einem Rockkonzert! Was hier abging, so etwas habe ich noch nie erlebt.»

Mit dem Eindruck ist er nicht alleine. Mathias Flückiger (Rang 6) greift sogar zu drastischen Massnahmen. Um sich aufs Rennen konzentrieren zu können, fährt er mit Ohropax. Schurter erzählt, dass er die Zurufe seiner Betreuer nicht hören konnte ob des Lärms, den die Fans veranstalteten. Doch das haben die Swiss-Cycling-Betreuer antizipiert, an zwei Stellen stehen sie mit Tafeln, auf denen sie dem Leader die Rennsituation schriftlich mitteilen können.

Video: Die letzten Meter von Nino Schurters Triumph-Fahrt

Der Favorit zeigt es allen: Nino Schurter bringt im Heimrennen seinen 7. WM-Titel souverän ins Ziel. (Video: SRF)

Das ist Schurters Glück. Ansonsten liefe er Gefahr, sich eine Halskehre einzuhandeln. Ab dem ersten Meter übernimmt er das Renndiktat, setzt sich bald schon ab und fährt ein gutes Stück vor der gesamten Konkurrenz. Einzig Gerhard Kerschbaumer wagt es, im langen Aufstieg vorzufahren. Schurter insistiert nicht, auch wenn der Südtiroler zuletzt sein grösster Herausforderer war. «Aber gegen ihn hätte ich mich auch in einem Sprint im Vorteil gesehen», so Schurter.

So dreht das Duo vorne seine ­Runden, während hinten eine Verfolgergruppe mit mehreren Schweizern den Rückstand zu kontrollieren versucht. Sie alle können bis zur Rennhälfte auf Bronze hoffen – doch dann distanziert das holländische Supertalent Mathieu van der Poel alle.

«Nino ist Nino»

Schurter streut derweil immer ­wieder kleine Sprints ein, will so Kerschbaumer zermürben – scheinbar ohne Erfolg. Doch auf der vorletzten Runde bringt er den Italiener derart ans Limit, dass der kurz aus dem Pedal rutscht – es ist die Entscheidung. Der 27-Jährige hat Schurter dieses Jahr im Weltcup zwar einmal besiegt und immer wieder gefordert. Nun kann er nur feststellen: «Nino ist Nino.»

Alle verneigen sich nach dieser Leistung vor Schurter, der diesen Sieg an der Heim-WM direkt hinter dem Olympiasieg von Rio einreiht. So sagt Vogel, ein ehemaliger Teamkollege: «Er war schon zuvor ein absolutes Ausnahme­talent. Aber was er heute geleistet hat: Es ist für niemanden nachvollziehbar, was das für ein Druck sein musste. Ich weiss nicht, wie man das kann.» Nationaltrainer Bruno Diethelm sagt: «Beeindruckend. Nicht nur, was er im Rennen brachte, sondern auch seine mentale Stärke, diesen Druck auszuhalten. Das finde ich unglaublich.»

Schurter selber ist nach der Siegerehrung längst wieder der Alte, der nüchtern Analysierende, spricht von «ziemlich viel Druck», der auf ihm gelastet habe. Zudem habe er anfänglich nicht die besten Beine gehabt, auch den Staffeleinsatz vom Mittwoch noch gespürt. Dann will er los, denn: «So einen Titel, den muss man feiern.» (SonntagsZeitung)

Erstellt: 09.09.2018, 00:16 Uhr

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