Robo-Pöstler Robbie darf in die Gewerkschaft

Neue Verkehrsregeln könnten die Schweiz zum Eldorado für selbstfahrende Roboter machen.

Für die Kritiker ein «Inkubator auf sechs Rädern»: Der Roboter Robbie, hier auf einer Testfahrt in der Zürcher Innenstadt. Foto: Urs Jaudas

Für die Kritiker ein «Inkubator auf sechs Rädern»: Der Roboter Robbie, hier auf einer Testfahrt in der Zürcher Innenstadt. Foto: Urs Jaudas

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Mit einem leisen Pfeifen tritt Robbie in Aktion. Der kleine Roboter surrt das Trottoir entlang, bleibt vor einer Ampel stehen, wartet auf Grün. Bis er im Schritttempo weiterrollt, springt das Lichtsignal bereits auf Orange, die andere Strassenseite erreicht er bei Rot. «Defensiv» nennt man bei der Post diesen Fahrstil.

Der kleine Androide schlägt sich noch mit anderen Problemen herum. Eine Testfahrt geriet ins Stocken, als mitten auf dem Trottoir eine Gruppe von Passanten stand. Sie bemerkten nicht, dass Robbie vor ihnen stehen blieb und sich ruckartig hin und her bewegte. Das tat nur der schwarze Pinscher. Er schaute den Roboter an, drehte sich wieder weg und sah sein Herrchen an: Echt jetzt?

Entwickelt wurde der elektronische Bote von der estnischen Firma Starship Technologies, die ihre selbstfahrenden Lieferroboter an Unternehmen weltweit vermietet und von Skype-Mitbegründer Ahti Heinla geführt wird. Er ist der Vater von Robbie, könnte man sagen. Aber Robbie ist nicht sein Sohn. Seine Vorfahren waren Taschenrechner, Rasenmäher und Gabelstapler.

Sie haben den Robbie entwickelt: Janus Friis und Ahti Heinla (r.) aus Estland.

Schon bald sollen seine Roboter zu Tausenden unterwegs sein, kündigte Heinla in Interviews an. Schwer zu sagen, wie das aussehen wird, aber das ist der Plan. Die Mini-Maschinen, sagt Heinla, seien billiger als Lieferwagen, die ständig irgendwo Parkplätze suchen müssten und Unmengen Sprit verbrauchten. Sein Roboter verbrauche gerade mal so viel Strom wie eine Glühbirne.

Zu den Starship-Kunden gehört auch die Schweizer Post. Sie schickte Robbie, der seinen Namen von Kunden bekam, in mehreren Städten und Gemeinden mit Testfahrten auf die Piste. Er schnurrte durch das solothurnische Biberist und Zuchwil, lieferte in Bern und Köniz BE Pakete aus, brachte Kunden in Zürich und Dübendorf das Onlineshopping bis vor die Haustür. Mit mehreren Medienmitteilungen und einem Schaulaufen vor der Presse stimmte die Post die Mitwelt auf den elektronischen Boten ein. Die Rede war von «regem Interesse» und «Wohlwollen» bei den Passanten. Und von Velofahrern, die eher «zögerlich» reagierten. Man könnte womöglich auch sagen: genervt.

Denn Robbie hat nicht nur Freunde. Er ist vor allem auch ein Problem, verkehrstechnisch gesehen. Nicht nur für Radler, die unschlüssig sind, sollen sie jetzt links oder rechts vorbeifahren. Oder besser gleich absteigen. Das kompakte Rollwägelchen, das die Post als «kofferartig» und miesepetrige Kritiker als «Inkubator auf sechs Rädern» beschreiben, fordert auch die Behörden.

Schon heute herrscht auf den Trottoirs zu viel Dichtestress

Knackpunkt ist die Schweizer Verkehrsregelnverordnung, ein verbales Monstrum und kompliziertes, organisatorisches Riesenpuzzle, das alles Denkbare regelt. Aber einen selbstfahrenden Roboter wie Robbie sieht sie nicht vor. Damit beim Testbetrieb alles seine Ordnung hatte, verliehen ihm die Behörden mit verblüffender Flexibilität kurzerhand den Status eines «motorisierten Handwagens». Geregelt in Artikel 44 der Verkehrsregelnverordnung, Kapitel «Tierfuhrwerke und Handwagen». Und hier beginnt das Kernproblem. Die Verkehrsregelnverordnung befindet sich derzeit in der Vernehmlassung, unter anderem schlägt der Bund die Streichung von Artikel 44 vor. Ein überfälliger Verwaltungsakt, könnte man meinen, wer ist heute schon in einem Tierfuhrwerk unterwegs, und bei Handwagen denkt man auch nicht unbedingt an ein Massenphänomen, das dringend der Regulierung bedarf. Aber in Artikel 44 gibt es den Absatz 3, man könnte ihn den «Robbie»-Passus nennen: «Handwagen müssen stets von einer zu Fuss gehenden Person geführt werden.» Das bedeutet, dass der Robo-Pöstler stets mit einem menschlichen Begleiter unterwegs ist. Bisher. Aber das könnte sich jetzt ändern.

Kommt der Streichungsantrag durch, werde das Trottoir zum Eldorado für selbstfahrende Roboter, fürchtet die Fussgängerlobby. Dann dürften sie unbegleitet auf den Gehflächen verkehren, eine Zustimmung der Gemeinden brauche es auch nicht mehr, warnt der Verein Fussverkehr Schweiz. Eine wichtige Schranke für den Einsatz von Robotern auf Schweizer Trottoirs falle weg – und dort herrsche schon heute mit Velos, Kinderwagen, Elektro-Trottinetts und anderen Spassfahrzeugen zu viel Dichtestress.

Robbie beschäftigt auch Verband Angestellte Schweiz

Bisher bremst sich Robbie noch selber aus. Sein Akku reicht nur für rund zwei Stunden. Manche Forscher überlegen, ob eine Maschine wie Robbie Sehnsucht nach einer Steckdose entwickeln könnte, wenn die Energie nachlässt. Und wissen doch: Wir werden nie erfahren, was für ein Gefühl es ist, an einer Ladestation zu hängen.

Die putzigen Maschinen beschäftigen auch den Verband Angestellte Schweiz. Vor einer Woche nahm er als wohl weltweit erste Gewerkschaft einen Roboter als Mitglied auf. Auch Robbie ist hier willkommen. Man sei zwar «kein Roboterverband», sagt Geschäftsführer Stefan Studer. «Aber wenn er sich bei uns um eine Mitgliedschaft bewirbt, sind wir offen.»

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 08.12.2018, 20:40 Uhr

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Haben Sie etwas Spannendes gesehen oder gehört?
Schicken Sie uns ihr Bild oder Video per E-Mail an webredaktion@zuonline.ch oder informieren Sie uns telefonisch unter der Nummer 044 854 82 14. Mehr...

Abo

Eine für alle. Im Digital-Abo.

Den Zürcher Unterländer digital ohne Einschränkung nutzen. Für nur CHF 24.- pro Monat.
Jetzt abonnieren!

Kommentare

Newsletter

Die Woche in der Region.

Endlich Zeit zum Lesen! Jeden Freitagmorgen Leseempfehlungen fürs Wochenende. Den neuen Newsletter jetzt abonnieren!