Julia Roberts, hatten Sie je mit Drogensucht zu tun?

In ihrem neuen Film kämpft die Schauspielerin um einen drogensüchtigen Sohn. Die ernste Rolle steht ihr gut. Eine Begegnung.

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Julia Roberts, Sie sind eine Legende . . .
Was haben Sie gesagt, ich sei eine Lady?

Legende, ich habe Legende gesagt.
Ach, Lady hätte mir besser gefallen. Legenden sind tote Menschen. Oder scheintote. Ich dagegen fühle mich äusserst lebendig.

In diesem Augenblick glaubt man zu wissen, was kommen muss. Man erwartet es geradezu. Gleich wird sie lächeln, mit breitem Mund und blendenden Zähnen. Das berühmteste Lächeln Hollywoods, mit dem Julia Roberts ein Millionenpublikum verzaubert, seit ihrem allerersten Film vor über 30 Jahren. Wie sagte doch der Regisseur Garry Marshall, der sie mit «Pretty Woman» in die Weltöffentlichkeit katapultierte: «Ihr Lächeln geht über alles hinaus, was das Leben sonst zu bieten hat.»

Kaum vorstellbar, dass sie damit geizt. Schliesslich ist alles sonst so, wie man es zu kennen glaubt. Das Interview findet in einem Hotel in der Innenstadt von Toronto statt, einem riesigen Ballsaal, kühl und fast leer. Nur zwei Tische stehen darin, in weit auseinanderliegenden Ecken des Raums. Der eine ist für Peter Hedges reserviert, den Regisseur des Films «Ben Is Back», er ist schon da und erklärt, wie er auf seine Geschichte gekommen ist über eine Mutter – eben Julia Roberts –, die in der Weihnachtsnacht um ihren drogensüchtigen Sohn kämpft.

Sie aber, die dieses schwere Thema mit behänder Leichtigkeit bewältigt, lässt noch ein wenig auf sich warten. Lange kann es nicht mehr gehen, jetzt trifft ihre Entourage ein, fünf, sechs Menschen, die sich auf Stühle setzen, die der Wand entlang aufgestellt wurden. Und dann betritt sie den Raum, und es geschieht das, was unzählige Male beschrieben wurde: Sobald sie auftritt, auf Filmsets, bei Meetings, auf Partys, scheint die Temperatur zu steigen. Hier geht sie schnell zum Regisseur, sagt ihm etwas ins Ohr. Dann schäkert sie kurz mit ihren Leuten. Anschliessend durchschreitet sie den Raum, es geht lange und ganz kurz, bis sie da ist: «Hi, ich bin Julia. Was kann ich für Sie tun?»

Vielleicht erklären, ob Sie diese Rolle ebenso gut hätten spielen können, wenn Sie nicht Mutter von drei Kindern wären?
Die Schauspielerin in mir möchte natürlich sofort rausschreien, dass meine Leistung genau gleich wäre. Ist ja schliesslich mein Beruf. Aber ich weiss auch, dass es nicht so ist, weil Kinder alles verändern und neu definieren. Sollten sie das nicht tun, gibst du sie sowieso am besten zurück.

Was hat Sie an «Ben Is Back» gereizt?
Dass es die Geschichte einer normalen Familie ist. Man liebt sich, man hat Verständnis füreinander. Aber an Weihnachten steht dieser Ben da, der in einer Klinik sein sollte. Alle reagieren unterschiedlich, alle geben sich Mühe. Aber am Ende sind die Mutter und ihr Sohn auf sich alleine gestellt.

Ihr Sohn ist elf, ihre Zwillinge sind drei Jahre älter. Macht es Ihnen nie Angst, was mit ihnen geschehen könnte?
Doch, klar. Aber damit ist jede Familie im 21. Jahrhundert konfrontiert. Man darf sich einfach nicht verrückt machen lassen. Wenn man sich wirklich vorstellen würde, was jedem zustossen könnte, würde man ja wahnsinnig. Dann müsste man sich zu Hause einschliessen und niemanden rein- oder rauslassen.

Hatten Sie je mit Drogensucht zu tun?
Das ist wohl unvermeidlich, in meinem Alter. Jeder kennt jemanden, einen Nachbarn, einen Schulkollegen, ein Familienmitglied.

Sie ist jetzt 51 Jahre alt. Verheiratet mit dem Kameramann Daniel Moder, zwei Jungs, ein Mädchen. Zur Welt kam Julia Roberts in Atlanta, ihre Eltern trennten sich früh, sie wuchs bei der Mutter auf. Zur Schauspielerei brachte sie ihr neun Jahre älterer Bruder Eric Roberts, der gleich zu Beginn seiner Karriere Erfolg hatte und zum Beispiel in «Runaway Train» (1986) für einen Oscar nominiert wurde. Die Jungschauspielerin galt zu Beginn einfach als «Eric Roberts jüngere Schwester». Bis sie ihn rasant überholte, er mit persönlichen Problemen zu kämpfen hatte – gut möglich, dass sie mit dem süchtigen Familienmitglied ihn meinte – und Julia eben zur Legende, pardon Lady wurde.

Gelächelt aber hat sie noch nicht in diesem Interview. Vielleicht ist das Thema einfach zu ernst. Man muss wissen: Filme wie «Ben Is Back» können in den USA nur entstehen, wenn jemand wie Julia Roberts dabei ist. Regie führt zwar Peter Hedges, ein respektierter Mann, der die Romanvorlage und auch das Drehbuch zu «What’s Eating Gilbert Grape» schrieb. Die zweite Hauptrolle, den süchtigen Ben, spielt der Sohn des Regisseurs Lucas Hedges, ein Jungstar, der in Filmen wie «Manchester by the Sea» brillierte.

Und doch war die Finanzierung erst gesichert, als Julia Roberts zusagte. «Es war der 11. September 2017, als ihre Textnachricht eintraf», sagt Peter Hedges. Der Regisseur wollte sie unbedingt, weil sie, wie er sagt, zerbrechlich wie Glas sein könne und hart wie Stahl. «Erst mit ihrer Teilnahme bekam der Film die Chance, von vielen Leuten gesehen zu werden. Und sie passt wunderbar zu meinem Sohn. Auch wenn sie mich davon überzeugen musste.»

Julia Roberts, wieso mussten Sie den Regisseur überreden, seinen Sohn zu engagieren?
Ach, die beiden haben sich irgendwie vorgenommen, nie miteinander zu arbeiten. Es gibt eine lange Version der Geschichte, die kurze geht so: Ich habe dem Regisseur ein Foto mit meinem eigenen Sohn geschickt und geschrieben: Sieh mal, wie gut ich es mit Rothaarigen kann.

Machen Sie das öfter?
Nein. Aber ich engagiere mich immer ganz. Da gehören gewisse Vorschläge dazu.

Wollen Sie mit diesem Film und der Serie «Homecoming» ihre Karriere neu definieren?
Sehen Sie das so? Meine letzte romantische Komödie habe ich doch vor gefühlt zwanzig Jahren gespielt. Das ist eher ein Journalistending: Es stimmt, dass ich seltener spiele, weil ich einfach gerne zu Hause bin, dort auch genug zu tun habe. Wenn ich dann mal rauskomme, heisst es gleich, dass ich die Karriere neu lanciere. Ich sehe das als Kontinuum.

Auch wenn Sie erstmals die Hauptrolle in einer Serie spielen?
Für mich ist es das Gleiche. Es gibt ja dieses neuenglische Wort, platform agnostic, das heisst, es spielt keine Rolle, in welcher Form gute Geschichten erzählt werden. Darüber hat man ja sowieso keine Kontrolle mehr, Spielfilme schauen viele auf dem Handy, und gestern wurden hier die ersten Folgen unserer Serie «Homecoming» in einem riesigen Kinosaal vorgeführt.

«Homecoming» ist tatsächlich sensationell, Julia Roberts spielt in den zehn Folgen von 30 Minuten eine Therapeutin, die aus dem Krieg heimkommende Soldaten in einem neuen Programm behandelt. Aber es gibt eine zweite Ebene, in der dieselbe Frau nichts mehr weiss von ihren Erfahrungen und selber traumatisiert zu sein scheint. Die auf einem Podcast beruhende Geschichte vereint Thriller-Elemente, Humor, Charakterstudien, alles in kompakter Form. Inszeniert wurden alle Folgen von Sam Esmail, dessen Name für einen anderen Serienerfolg steht: «Mr. Robot».

Die Erzählformen in einer Serie sind aber schon anders, oder?
Für mich gibt es wirklich keinen grossen Unterschied. Klar, man muss den Rhythmus beachten, aber das ist weniger mein Problem. Ich habe es gedreht wie einen Film. Und habe auch darauf bestanden, dass Sam Esmail bei allen Folgen Regie führt. Die Geschichte ist sonst schon verrückt genug.

Also machen Sie Ihren Einfluss auch hier geltend.
Natürlich, ich wäre ja blöd, wenn ich das nicht tun würde. Aber ich hoffe stark, dass ich es nicht aus egoistischen Gründen mache. Sondern weil ich wirklich das Gefühl habe, der Sache zu dienen.

Wie gehen eigentlich Ihre Teenage-Kinder damit um, dass Sie Julia Roberts sind?
Sie wissen es, sie sind ja nicht blind. Und doch bringen sie den Namen nicht mit der Person zusammen, mit der sie täglich zu tun haben. Im Alltag, in der Schule und so, werde ich Frau Moder genannt, nach meinem Mann. Julia Roberts ist mein Künstlername, er ist nicht vertraut in unserem Haushalt. Klar ruft ab und zu jemand auf der Strasse «Miss Roberts». Aber selbst bei mir dauert es in dieser Situation eine ganze Weile, bis ich merke: Das bin ja ich.

«Das bin ja ich.» Als sie dies sagt, kontrolliert sie, ob man das lustig findet. Und übertrifft dann das Journalisten-Schmunzeln mit ihrem eigenen Pretty-Woman-Lachen, einnehmend, ansteckend. Kurz: legendär.

Ach übrigens, als Garry Marshall «Pretty Woman» drehte, sollte der Film «3000» heissen, nach dem Preis in Dollar, den Richard Gere für seine Woche mit der Prostituierten bot. Das Studio schlug dann aber vor, den Film – wie damals Mode – nach einem Songklassiker zu benennen. Zur Auswahl stand neben «Pretty Woman» auch «She’s a Lady».

Auf Wiedersehen, Lady Roberts. Es war kurz, aber schön.

«Ben Is Back» ab Donnerstag im Kino, «Homecoming» gibts auf Amazon Prime

* Dieses Interview erschien erstmals am 9. Dezember 2018 in der SonntagsZeitung.

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 11.12.2018, 15:01 Uhr

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