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Wer hat hier die Macht?

Eine Netflix-Dokuserie zeigt, wie die Politik Popstars vereinnahmt. Und das bis in unsere Gegenwart.

Bob Marley zwang am One Love Peace Concert 1978 den Politiker Edward Seaga auf die Bühne. Bild: Getty
Bob Marley zwang am One Love Peace Concert 1978 den Politiker Edward Seaga auf die Bühne. Bild: Getty

Er wurde benützt. Eingespannt von einer politischen Partei, die ihn brauchte – um der Opposition eins auszuwischen, um den Wahlsieg einzufahren und um zu zeigen: Seht her, der berühmteste Popstar des Landes steht auf unserer Seite. Auf der Seite der Macht.

Aber nicht, dass man nun an die Tweets denkt, die Kanye West unlängst absetzte und in denen der US-Rapper genau das schrieb: Dass er, der Trump vor noch nicht allzu langer Zeit im Weissen Haus umarmt und die rote «Make America Great Again»-Mütze als «Superkraft» angepriesen hatte, dabei benützt wurde. Dass er die Schnauze voll habe von der Politik und sich künftig auf seine Kunst konzentrieren wolle.

Vielmehr geht es hier um Bob Marley, der sich der Benützung und dem Verrat ausgesetzt sah: 1976 war das, als er vom jamaikanischen Premierminister Michael Manley als Wahlkampflokomotive eingespannt wurde. Gegen den Willen des Reggae-Weltstars. Marley hatte eigentlich nur seinen Auftritt an einem Benefizkonzert zugesagt, das die Bevölkerung Jamaikas einen sollte. Ein Konzert, das wie ein vorgezogenes Weihnachtsgeschenk wirken und Frieden stiften sollte – was im Nachhinein fast schon naiv anmutet. Denn die karibische Insel war damals geprägt von eskalierenden Bandenkriegen und von Armut.

Benützt und angeschossen: Bob Marley haut ab

Das einzige einigende Element war auf Jamaika der Rastafari Bob Marley, dessen Haus an der Hope Road 56 der Hauptstadt Kingston so etwas wie eine neutrale Zone für die verfeindeten Gangs und die ebenso verfeindeten Parteien war. Am 3. Dezember 1976 wurde diese neutrale Zone zerstört: Bewaffnete Männer drangen in das Haus, Bob Marley wurde angeschossen – zwei Tage vor dem angesetzten Konzert und zwölf Tage vor dem Wahltag. Dieser Urnengang wurde von Premier Manley erst nach Marleys Konzertzusage anberaumt, damit er sich gegen seinen Rivalen Edward Seaga auch wirklich durchsetzt. Nach dem Konzert, das er trotz seiner Verletzung noch spielte, verliess Marley Jamaika – und kehrte nur einmal wieder zurück.

Diese Geschichte um Politiker, welche die Nähe zu Popstars suchen, damit sie die Macht behaupten oder sie überhaupt erringen können, ist im Auftaktfilm «Who Shot the Sheriff» der Netflix-Dokuserie «Remastered» nachgezeichnet. Die Serie dokumentiert geschickt Mysterien der Musikgeschichte, in denen Blut eine nicht unerhebliche Rolle spielt. Denn weitere Folgen der ersten Staffel, die vom Streamingdienst nach und nach freigeschaltet werden, behandeln unter anderem die Morde an Jam Master Jay – dem virtuosen DJ der Rap-Pioniere Run DMC –, an Soulstar Sam Cooke oder dem chilenischen Folkmusiker Victor Jara. Man wird auch Robert Johnsons mythisches Treffen mit dem Teufel an der Kreuzung sehen können, dort, wo der Bluesmusiker der Legende nach seine Seele verkaufte – und mit dem die erste «Remastered»-Staffel beendet wird.

Aber interessanter als der Blutzoll und die Mordfälle mit verschwörungstheoretischem Unterbau sind jene Fragen, die «Remastered» nach dem Bob-Marley-Film auch in der zweiten bereits verfügbaren Folge stellt: Wie soll man sich als Künstler verhalten, wenn einen die Mächtigen der Welt vereinnahmen wollen?

Johnny Cash greift zu den Waffen eines Musikers

Wie man sich solchen Versuchen wirkungsvoll widersetzen kann, daran erinnert «Tricky Dick & The Man in Black». Die Folge erzählt vom damaligen US-Präsidenten Richard Nixon, der Johnny Cash 1970 für ein Konzert ins Weisse Haus einlud, was den gottesfürchtigen Country-Outlaw in die Bredouille brachte.

Einerseits war da der Respekt des Patrioten vor dem Präsidentenamt – Cash musste die Einladung annehmen. Andererseits war da der Vietnamkrieg, der es einem wie Cash unmöglich machte, die von Nixon gewünschten reaktionären Trällercountrysongs wie «Okie from Muskogee» aufzuführen. In einer Ansage beim Konzert im Weissen Haus erinnerte sich Cash daran, wie er auf einer Basis der Luftwaffe bei Saigon gespielt hatte, wie er kritisiert und als Falke verschrien wurde. Und wie er dann geantwortet hatte: «Wenn man die Verwundeten in den Helikoptern landen sieht, wird aus einer Taube vielleicht eine Taube mit Krallen.» Johnny Cash stimmte darauf «What Is Truth» an, ein Song, in dem ein kleiner Bub seinen Vater fragt, was denn eigentlich Krieg sei. Und der Papa antwortet: «Sohn, da kämpfen Menschen und sterben.»

«Da kämpfen Menschen und sterben»: Johnny Cash und Richard Nixon 1970. Bild: Getty
«Da kämpfen Menschen und sterben»: Johnny Cash und Richard Nixon 1970. Bild: Getty

Der Versuch der Vereinnahmung, des Sich-Schmückens mit einem Popstar ging bei diesem Treffen schief. Nixon schien es – so erinnern sich Zeugen im Film, der sonst mit Archivmaterial glänzt – auf seinem Platz in der ersten Reihe sichtlich unwohl zu sein. Denn hier wehrte sich ein Musiker mit den Waffen, die ihm zur Verfügung stehen: mit seiner Gitarre, seinen Texten, seiner Ausstrahlung. Das Charisma und die Präsenz des Stars, die Nixon nutzen wollte, überstrahlten den US-Präsidenten.

Das Spiel zwischen Politik und Pop kann also auch zugunsten der Musiker ausgehen, die in der narrenähnlichen Rolle mehr sagen können als Normalsterbliche. Und es hängt auch damit zusammen, dass man hinter die Fassaden von Stars nicht wirklich blicken kann, etwa hinter jene von Taylor Swift, die vor ihrer Parteinahme für die Demokraten als Trump-Anhängerin verdächtigt wurde.

Trump-Wähler hören ­«Anti-Trump-Musik»

Kommt dazu, dass Popsongs so viele Lesarten zulassen – und damit Anlass für Missverständnisse bieten. Vor den Midterm-Wahlen in den USA wehrten sich zwei Schwergewichte des Showbusiness gegen die Vereinnahmung ihrer Hits: Rihanna untersagte es Präsident Trump, ihre Songs bei Wahlkampfveranstaltungen weiter zu spielen. Und Axl Rose attackierte via Twitter die Republikaner, als er sich über Trump-Wähler, die im Wahlkampf die «Anti-Trump-Musik» seiner Band Guns N’ Roses hörten, amüsierte: «Ich kann mir nicht vorstellen, dass viele von ihnen das verstehen.» Was Erinnerungen an die Reagan-Ära weckt, als Bruce Springsteens «Born in the USA» – ein Abgesang auf den American Dream – als Heldenhymne benützt wurde.

Natürlich setzen Popstars die Politiker auch für ihre eigene Message ein. So, wie das Beyoncé in einem Instagram-Post machte, für den sie sich als Supporterin des Demokraten Beto O’Rourke ablichten liess. Und wie das Bob Marley zelebrierte, als er 1978 noch einmal nach Jamaika zurückkehrte – und im Rahmen des One Love Peace Concert die politischen Widersacher Edward Seaga und Michael Manley auf die Bühne nötigte – ähnlich, wie die Politiker ihn zwei Jahre zuvor überrumpelten. Er zwang sie zu einer Geste der Versöhnung und des Friedens, der für diesen kurzen Moment möglich schien.

Die dritte «Remastered»-Folge «Who Killed Jam Master Jay» ist ab dem 3. Dezember auf Netflix abrufbar

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