Das Fest neben dem Fest in neuer Dimension

Zehntausende kommen auch ohne Arena-Ticket nach Zug. Das Angebot stimmt und ist gratis. Wie lange noch?

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Trifft er? Oder trifft er nicht? Konzentriert schwenkt ein älterer Mann seinen Arm, zielt und wirft die zusammengefaltete Schwinghose in eine der offenen Waschmaschinen, die zu einem Turm gestapelt sind. Er trifft, und zwar mehrmals. Und darf sich danach einen Preis aussuchen. «Nicht schlecht, er ist daheim wohl auch für die Wäsche zuständig», witzelt eine Zuschauerin.

Einige Meter weiter lädt ein Tankstellenbetreiber zum Bullenreiten. Am Stand der «Schwingerzeitung» tauschen Gross und Klein intensiv Bildchen fürs Schwingeralbum. An Glücksrädern sind Preise wie Brillen oder Taschen zu gewinnen.

Sport, aber nicht Schwingen, ist vor der Tribüne des Leichtathletikstadions angesagt. Hier tragen die Steinstösser ihre Qualifikationen aus. Und die Finals mit den kleineren Steinen als dem Unspunnen-Koloss.

«Jetzt Simon, gib alles», wird einer der Athleten am frühen Nachmittag angespornt. Das tut er. Simon Hunziker wirft den kleinen 20-Kilo-Stein gleich 9,24 Meter weit. 1500 Zuschauer sind Zeugen eines neuen Schweizer Rekords. Der Sieger wird frenetisch gefeiert.

Reichmuth auf dem Screen, Massen auf der Festmeile

Einige Hundert Meter Richtung Stadt ist wieder Sport zu sehen, auf einem grossen Screen. Nur ist hier die Stimmung gedämpfter. Zwar hat der einheimische Königsanwärter Pirmin Reichmuth eben seinen dritten Kampf gewonnen, doch die zahlreichen Zuschauer beim Public Viewing vor der Zuger Eishalle applaudieren nur verhalten. Der 23-Jährige hat schon am sieglosen Morgen alle Chancen auf den Titel verspielt.

Gleich vis-à-vis, auf dem Stierenmarkt, stehen die Besucher Schlange vor dem Gabentempel mit Siegermuni Kolin, weiter hinten zieht ein Chilbibetrieb die kleinen Festgäste an. Auf der Strasse dazwischen strömen am frühen Nachmittag weitere Menschenmassen vom Bahnhof Richtung Festmeile. Und laufen an der «Baragge» oder dem «Saustall» vorbei.

Am Freitag kamen 8000 zum Auftritt von Hecht, viele mussten draussen bleiben, die Public-Viewing-Arena war voll.

Daneben stehen das «Königs­huus», die Kolinbar, die Zelte der Verbände. Hier wird gegessen und getrunken. Einige Stände erinnern an eine Fast-Food-Strasse in einem grösseren Bahnhof, andere sind sehr kreativ und liebevoll hergerichtet. Nur weniges ist nicht öffentlich. Der VIP-Bereich im Eisstadion beispielsweise.

Keine Frage: Den Besuchern wird auf dem Festgelände in Zug viel geboten, sehr viel. Sport, Unterhaltung, Attraktionen, alles auf sehr hohem Standard. Ohne dass sie dafür zahlen müssen. Am Abend geht die Party weiter, Konzerte sind angesagt, mit Lo & Leduc etwa. Am Freitag kamen 8000 zum Auftritt von Hecht, viele mussten draussen bleiben, die Public-Viewing-Arena war voll.

Andere Dimensionen in Zug

Zug ist beim Rahmenprogramm im Vergleich zu Burgdorf und Estavayer nochmals in eine andere Dimension vorgestossen. Traditionalisten kritisieren diesen Gigantismus, den Besuchern gefällt es, die Zuschauermassen an den ersten beiden Tagen sprechen dafür.

Interessant dabei: In einer Studie der Hochschule Luzern nach dem Eidgenössischen 2013 in Burgdorf hatten fast 70 Prozent der befragten Festbesucher gar die Einführung eines Tickets für das Festgelände des Eidgenössischen befürwortet. Als fairen Preis nannten diese damals einen Wert von 13 Franken.

Eintrittsgebühr ist auch in Zug diskutiert worden

Bis heute haben der Schwingverband und die Organisatoren des Eidgenössischen davon abgesehen, diese zusätzliche Einnahmequelle anzuzapfen. Doch mit den laufend steigenden Kosten und dem enormen Kraftakt, ein 37-Millionen-Franken-Budget wie in Zug zu stemmen, dürfte die Option eines Tickets für das Festgelände in Zukunft zumindest diskutiert werden.

In Zug dürften sich an ­diesem Wochenende insgesamt 250 000 Zuschauer mit freiem Eintritt auf dem riesigen Festgelände aufhalten. Stattliche Einnahmen wären mit einem Ticketverkauf garantiert, ein Besucherschwund andererseits auch.

«Wir haben diesen Aspekt mehrmals diskutiert, haben uns aber dagegen entschieden», sagt Heinz Tännler. Dass ausgerechnet in Zug erstmals Eintritt für das Festgelände verlangt würde, hätte niemand verstanden, liefert der OK-Präsident als Begründung nach. Auch Gedankenspiele, die Konzerte nicht mit Gratiseintritt durchzuführen, waren verworfen worden. «Dann hätte es wieder geheissen, das sei Kommerz und gehöre nicht zum Schwingfest.»

Es sei gut möglich, sagt Tännler, dass diese Frage bei kommenden Eidgenössischen wieder aufgeworfen werde. «Was wir hier alles bieten, kostet.» In Zug sollte die Rechnung trotzdem aufgehen. Ob das auch in Zukunft möglich ist, wird sich weisen.

Erstellt: 24.08.2019, 22:26 Uhr

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