«Ich habe riesige Angst davor, nicht mehr zu gewinnen»

Ski-Gesamtweltcupsiegerin Mikaela Shiffrin verrät, wie sie sich selbst provoziert, wie sie sich im Training quält, wie abhängig sie von ihrer Mutter ist.

Extrem ehrgeizig, extrem leidensfähig, extrem erfolgreich: Mikaela Shiffrin. Foto: Andrew White («The New York Times»)

Extrem ehrgeizig, extrem leidensfähig, extrem erfolgreich: Mikaela Shiffrin. Foto: Andrew White («The New York Times»)

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Sie wissen, wie man gewinnt. Wissen Sie auch noch, wie man sich freut?
Das verlernt man nicht. Es gibt eine gewisse Routine nach Siegen, ich bin im Ziel vielleicht weniger spontan als früher. Wenn einer nach einem guten Rennen jubelnd im Schnee liegen bleibt, heisst das aber nicht, dass er sich mehr freut als jener, der nur in die Kamera winkt und lächelt.

Sie wirken aber manchmal selbst nach Siegen unzufrieden.
Ich bin streng zu mir. Und strebe nach dem perfekten Lauf.

Haben Sie Angst davor, nicht mehr zu gewinnen?
Ich habe riesige Angst. Gerade jetzt, vor dem ersten Rennen. Ich frage mich: Gewinne ich jemals wieder? Irgendwie ist es verrückt: Je mehr ich gewinne, desto mehr Angst habe ich davor, es künftig nicht mehr zu tun. Es ist ein unheimliches Gefühl.

Arbeiten Sie deswegen mit einer Sportpsychologin?
Nein, das tue ich schon seit vier, fünf Jahren. Ich spreche mit ihr nicht nur über das Skifahren. Ich brauche diese Person, jemanden, der mich zwar gut kennt, mir aber nicht so nahe steht wie eine enge Freundin. Da entstehen andere Diskussionen. Es gab schwierige Momente bei mir, ich war früher vor einigen Rennen so nervös, dass ich erbrechen musste. Letzte Saison war alles besser, ich war ausgeglichener, hatte wieder mehr Spass in den Rennen.

Spüren Sie weniger Druck, weil Sie alles erreicht haben?
Nein. Ich brauche Druck! Und ich brauche Erfolg. Ich kann mich schlecht zurücklehnen, weil ich in allem die Beste sein will. Das wird sich wohl nie ändern.

«Würde es mir um Rekorde gehen, hätte ich schon aufgehört. Ich liebe das Skifahren, ich liebe es, eine Kurve perfekt zu fahren.»

Treibt Sie die Jagd nach Rekorden an?
Würde es mir um Rekorde gehen, hätte ich schon aufgehört. Als ich letzte Saison den Rekord für die meisten Slalom-Siege brach, fühlte es sich an, als sei es ein ganz normales Rennen gewesen. Natürlich will ich Kristallkugeln und Medaillen gewinnen, aber ich denke nicht ständig daran. Ich liebe das Skifahren, ich liebe es, eine Kurve perfekt zu fahren.

Fällt es Ihnen denn nie schwer, sich zu motivieren?
Es gäbe viele Ausreden: Immer früh aufstehen, immer hinaus in die Kälte, immer Ski schleppen. Die Versuchung, Nein zu sagen, ist gross. Ich werde oft gefragt, wieso ich so erfolgreich bin. Es ist simpel: Mir macht das alles nichts aus. Und ich kann mich selbst provozieren.

Wie machen Sie das?
Im Krafttraining rede ich mir ein: Das schaffst du unmöglich. Diese Einstellung kann ein Antrieb sein, es doch zu schaffen. Ich stelle mir die ultimative Herausforderung. Wenn ich sie meistere, ist das Gefühl umso befriedigender.

Mögen Sie es, sich zu quälen?
Auch mir ist nichts zugeflogen. Ich habe vielleicht früher als andere damit begonnen, extrem intensiv zu trainieren. Aber es ist nicht so, dass ich mich freue, wenn ich nach einem Workout Schmerzen habe. Ich habe einfach gelernt, damit zu leben.

Sie sollen ein Trainingstagebuch geführt, jede Einheit mit einer Zahl zwischen 1 und 10 auf der Leidensskala beurteilt und meistens eine 9 eingetragen haben.
Tiefer als eine 7 war es auf jeden Fall sehr selten. Eine 10 gab es nie, denn 10 hätte den Tod bedeutet. Ich weiss, dass ich leidensfähig bin. Einige Male war ich wirklich nahe am Limit.

Inwiefern nimmt Ihre Mutter Einfluss auf Sie?
Der Charakter verbietet es ihr, sich zurückzulehnen. Sie strebt nach dem Besten, in jeder Lebenslage. Ich habe als Kind zu ihr hochgeschaut und realisiert: Will ich etwas erreichen, geht es nur so. Mittlerweile sind die harten Trainings Normalität.

Ihre Mutter wird als Ihr Schatten bezeichnet, weil sie kaum von Ihrer Seite weicht. Wie war das Verhältnis in der Kindheit?
Vielleicht war es kein normales Mutter-Kind-Verhältnis. Sie musste mich als Coach oft und hart kritisieren, das war nicht einfach. Früher machten wir daheim Trockentraining, Stühle nutzten wir als Torstangen. (Überlegt) Aber seit ich denken kann, ist meine Mutter meine beste Freundin. Ich hatte nie den Drang, Freiraum zu verlangen.

Sie haben nicht vor, sich abzunabeln?
Dank meiner Mutter hebe ich mich von den anderen Fahrerinnen ab. Sie ist Freundin, Trainerin, Managerin, sogar Bodyguard. Sie sorgt dafür, dass ich im Winter nicht verrückt werde (lacht). Weil sie zu meiner kranken Grossmutter schauen muss, wird sie nun seltener an den Rennen dabei sein. Aber sie bleibt die wichtigste Person in meinem Team. Es geht nicht ohne sie.

Nicht mehr da sind die drei grossen Figuren, Lindsey Vonn, Marcel Hirscher und Aksel Svindal...
…das ist traurig. Als ich erstmals den Gesamtweltcup gewann, stand ich mit Marcel auf dem Podest, er hatte die Hände voller Kristallkugeln, ich hatte den Mund offen und himmelte ihn an. Er war eine Inspiration für mich. Dass er aufhören konnte, obwohl er noch der Beste wäre, ist vielleicht eine seiner grössten Leistungen. Ich könnte das nicht.

Sie nehmen vermehrt an Veranstaltungen teil, äussern Ihre Meinung, beweisen in den sozialen Medien Ihre Gesangskünste. Sind Sie offener geworden?
Ich lerne langsam, mein Leben neben dem Sport zu geniessen. Früher war ich schüchtern, überlegte lange, bevor ich etwas sagte. Nun ist es mir wichtiger, das Wort zu ergreifen. Aber ich will mich nicht zu einem Thema äussern, nur um Interesse zu generieren. Es ist heikel, sich zu positionieren. In den sozialen Medien gibt es nicht nur nette Kommentare. Die weniger schönen Beiträge gehen mir nahe.

Positive Reaktionen erhielten Sie im Sommer nach Ihrem Flug mit dem Air-Force-Kampfjet…
…das war der Wahnsinn. Ich konnte kaum atmen, hatte Mühe, etwas zu sehen. Nach diesen 45 Minuten fühlte ich mich, als hätte ich jedes richtig harte Konditionstraining in meiner Karriere an einem Tag absolviert.

Kurz darauf trafen Sie an einem Meeting eines gemeinsamen Sponsors Roger Federer. Was ist Ihnen davon geblieben?
Es ist beeindruckend, wie es Roger versteht, mit besonderen Niederlagen umzugehen. Ich hingegen habe riesige Mühe, über ein schlechtes Rennen hinwegzukommen. Spannend ist, welch grossen Respekt Roger seinen Gegnern entgegenbringt, welch gutes Verhältnis er mit ihnen hat.

«Viele geben dir das Gefühl, deine Freundin zu sein. Aber sie meinen es nicht ernst, es ist nur Fassade.»

Wie ist es unter Skifahrerinnen?
Viele geben dir das Gefühl, deine Freundin zu sein. Aber sie meinen es nicht ernst, es ist nur Fassade. Ich habe mit niemandem ein Problem. Aber enge Freundschaften sind selten.

Eine Ihrer grössten Konkurrentinnen ist Wendy Holdener. Sie hat es satt, Fragen zu Ihrer Dominanz zu beantworten.
Geht es um Wendy, können Sie das, was ich gesagt habe, vergessen. Bei ihr ist alles echt, bei ihr weiss man, woran man ist. Ich wünschte mir, dass sie von den Journalisten nicht mehr auf die Rivalität mit mir angesprochen würde. Es ist bitter, wenn du als Zweite ins Ziel kommst und dann gleich mit negativ behafteten Fragen konfrontiert wirst.

Was trauen Sie Holdener zu?
Bei Wendy denke ich manchmal: Heute killt sie mich! Vor ihr habe ich grossen Respekt. Sie kann einen Slalom gewinnen, auch wenn ich dabei bin und gut fahre.

Erstellt: 17.10.2019, 21:02 Uhr

Die grosse Figur im Skizirkus

Es ist fast wie beim Speeddating. Ein Gesprächspartner nach dem anderen sitzt Mikaela Shiffrin in Altenmarkt gegenüber. Der eine kriegt eine etwas längere Audienz, der andere muss sich mit ein paar Minuten begnügen. In seiner Fabrik nahe Salzburg stellt Skifabrikant Atomic zwei Wochen vor dem Weltcupprolog in Sölden (26./27. Oktober) seine Stars vor, wobei sich die Gäste fast ausschliesslich für die Amerikanerin interessieren. Mit 24 gehört diese bereits zu den Besten in der Geschichte. Zwei Olympiasiege, fünf WM-Titel, zuletzt drei Triumphe im Gesamtweltcup, 60 Weltcupsiege, Erfolge in allen Disziplinen – Shiffrin dürfte in absehbarer Zeit Bestmarke um Bestmarke aufstellen. Letzte Saison gewann sie als erste Skifahrerin über eine Million Franken Preisgeld. Die Slalom-Königin (40 Siege) trennte sich unlängst von ihrem Freund, dem französischen Riesenslalom-Spezialisten Mathieu Faivre. (phr)

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