«Ich konnte den Sieg nicht geniessen»

Früher war Jasmine Flury (25) trainingsfaul, doch im letzten Winter ging der Stern der Bündnerin mit dem Super-G-Sieg in St. Moritz auf.

Jasmine Flurys Wunsch: «Das Hirn einmal ausschalten und einfach drauflosfahren.

Jasmine Flurys Wunsch: «Das Hirn einmal ausschalten und einfach drauflosfahren. Bild: Jean-Christophe Bott/Keystone

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War Ihr Sieg im Super-G von St. Moritz vor einem Jahr mehr Fluch denn Segen?
Es wäre falsch, von einem Fluch zu sprechen. In erster Linie ging ein Kindheitstraum in Erfüllung, ich empfand wahnsinnig positive Emotionen. Allerdings wurde ich komplett überrumpelt, obwohl ich solch ein Ereignis visualisiert hatte. Nach dem Rennen ist nicht alles perfekt gelaufen.

Was würden Sie anders ­machen?
Ich konnte den Sieg nicht geniessen. Ich hatte das Gefühl, mit beiden Füssen auf dem Boden bleiben und alles unter Kontrolle ­haben zu müssen. Es wäre wohl tatsächlich besser gewesen, zuerst einmal so richtig mit meinen Freunden und der Familie zu feiern – den Verarbeitungsprozess hätte dies beschleunigt, und ich hätte besser mit den Konsequenzen des Sieges umgehen können.

Hat Sie der Erfolg belastet?
Es war danach längst nicht alles schlecht: In Bad Kleinkirchheim wurde ich Sechste, in Åre verpasste ich als Fünfte das Podest knapp. In St. Moritz war es mir nicht gelegen gekommen, dass der zweite Super-G abgesagt wurde. Eine Woche später schied ich in Val-d'Isère nach guter Zwischenzeit aus, das raubte mir die Stabilität. Danach lief es nicht im Training, auch ein Ski ging kaputt. Wenn etwas nicht passt, tendiere ich dazu, unsicher zu werden. Ich lasse es dann nicht mehr zu, befreit zu fahren.

Wie äussert sich das?
Es genügt ein Blick auf meine Körperhaltung: Wenn alles stimmt, sieht es dynamisch aus, dann bin ich der Chef auf den Ski. Bin ich nur ein wenig verunsichert, fehlt die Lockerheit, dann zieht der Ski nicht – und ich werde zum Passagier.

«Früher war ich ein totaler Bauchmensch, dann bin ich auf die andere Seite gekippt.»Jasmine Flury

War dies in den Rennen nach St. Moritz öfter der Fall?
Sicher, ja. Ich konzentrierte mich nicht mehr aufs Wesentliche, studierte zu viel. Ich habe den Drang, alles zu hinterfragen und genau so machen zu wollen, wie ich es mir vorstelle. Ich bin sehr selbstkritisch; das treibt mich an, bremst mich aber auch. Früher war ich der totale Bauchmensch. Ich war eher trainingsfaul, eine Wildsau auf der Piste, die nicht viel überlegte. Dann bin ich auf die andere Seite gekippt. Mir würde es guttun, das Hirn einmal auszuschalten und einfach draufloszufahren. Das fehlte ein wenig in Lake Louise.

In Kanada wirkten Sie nach den Rängen 20, 20 und 26 geknickt.
Ich wusste nach den guten Trainings im Herbst, was möglich sein könnte. Dementsprechend hoch waren meine Erwartungen – zu hoch. Ich verkrampfte mich und achtete nur noch darauf, keine Fehler zu machen.

Sind höhere Erwartungen die Folge Ihres Siegs?
Ja, wobei die Veränderung schon 2015 eingesetzt hatte, als ich wegen Hüftproblemen keine Rennen fahren konnte. Mir wurde klar: Entweder gebe ich das Hinterletzte für diesen Sport, oder ich höre auf. Ich baute mir eine Struktur auf, zu der das Material gehört, die Trainings, die Vorbereitung. Das gibt mir Sicherheit. Aber es kann sein, dass ich mich in dieser Struktur verfange.

Was geschieht dann?
Ich habe keine Ticks. Aber es gibt diese fixe Idee, wie ich beispielsweise bestimmte Passagen fahren will. Und weil ich mich daran klammere, lasse ich den Ski nicht mehr laufen.

Ihr Sicherheitsdenken steht im Widerspruch zu Ihrem unschweizerischen Werdegang: Sie setzten alles auf eine Karte, machten keine Ausbildung.
Da war viel Risiko dabei. Aber die Leute in meinem Umfeld haben mir den Rücken gestärkt und Mut gemacht. Ich wollte mir nicht später einmal vorwerfen müssen, nicht hundert Prozent für meine Leidenschaft gegeben zu haben.

Würden Sie heute nochmals so entscheiden?
Gute Frage. (überlegt) Die Person, die ich heute bin, würde wohl anders handeln.

Der Weg, den Sie einschlugen, ist umso erstaunlicher, als Sie als Schülerin nie für ein ­nationales Leistungszentrum berücksichtigt worden waren…
...der Leistungssport war zwar mein Ziel, aber ich wollte das Skifahren in erster Linie geniessen. Ich liebte das Skifahren und fühlte mich im Bündner Verband wohl. Vor allem aber gefiel es mir, mit den Kollegen unterwegs zu sein. Damals galt es als uncool, wie ein Streber zu trainieren. Ich verdankte es dem Talent, dass ich es mit 16 gerade so ins C-Kader schaffte. Im ersten Konditionstraining kam ich auf die Welt.

Inwiefern?
Ich traf auf Michelle (Gisin), Wendy (Holdener), Joana (Hählen) und dachte: Hoppla, ich habe riesigen Aufholbedarf. Vorher war ich fast nie in den Kraftraum gegangen. Dann machte es klick im Kopf. Ich merkte, dass ich endlich Gas geben muss.

364 Tage nach Ihrem ­Premierensieg findet in St. Moritz ein Super-G statt. Mit welchem Ergebnis wären Sie zufrieden?
Ich denke nicht an einen bestimmten Rang. Es geht um den Weg, wie ich zu guten Resultaten gelange. Ich muss stärker im Moment leben. Im mentalen Bereich habe ich viel unausgeschöpftes Potenzial. Wenn es im Kopf funktioniert, funktioniert es auch in den Beinen.

Erstellt: 08.12.2018, 08:58 Uhr

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Eine Piste für die Schweizerinnen

Der Heimvorteil ist in St. Moritz besonders ausgeprägt: Vor Jahresfrist gewann Jasmine Flury den Super-G vor Michelle Gisin, Letztere war an der WM 2017 bereits Zweite in der Kombination geworden. Gar Gold und Silber holte damals Wendy Holdener, wenig überraschend spricht sie von einem «fantastischen Ort mit wunderschönen Erinnerungen». Lara Gut siegte im Engadin erstmals im Weltcup (2008), nach kompliziertem Saisonauftakt mit Rang 8 als Bestergebnis wünscht sie sich, dass «es im Ziel endlich einmal grün aufleuchtet». Cheftrainer Beat Tschuor erwartet im heutigen Super-G einen Podestplatz – bei 6 Athletinnen in den Top 20 der Weltrangliste ist die Vorgabe berechtigt. Die anspruchsvolle Piste sollte den Schweizerinnen liegen. (phr)

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