Sie hat sich alles so erträumt

Naomi Osaka eifert Serena Williams seit vielen Jahren nach. Das Duell, das die Japanerin schon im Schlaf beschäftigte, wird nun im Final von New York Wirklichkeit.

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Die Antwort kam ganz leise.

«Das tönt jetzt vielleicht schräg»,­ ­sagte Naomi Osaka nach ihrem gewonnenen Halbfinal, «aber ich dachte die ganze Zeit: Ich will unbedingt gegen Serena spielen.»

6:2, 6:4 – das klingt nach einer klaren Sache. Doch Osaka steht heute vor allem im US-Open-Endspiel, weil sie gegen Madison Keys in einem über weite Strecken hochklassigen Halbfinal alle 13 Breakbälle abwehrte. Und darum wollte Tom ­Rinaldi im Platzinterview von der 20-Jährigen wissen, wie sie das geschafft hatte.

Unbedingt gegen Serena spielen: Osakas entwaffnende Ehrlichkeit ist ein Markenzeichen der Aufsteigerin mit Wuschelkopf. Ihr Coach, der Deutsche Sascha Bajin, sagt denn auch: «Was ich an Naomi liebe, ist, wie sie ihre Unschuld erhalten hat. Wenn sie traurig ist, dann zeigt sie das. Wenn sie glücklich ist, dann zeigt sie das. Es gibt bei ihr keine ­vorgetäuschten Emotionen.» Das allein ist in der Scheinwelt ­Tenniszirkus bemerkenswert.

«Warum?», hakt der Inter­viewer im Arthur-Ashe-Stadion nach. «Weil sie Serena ist!»

Duell mit dem Idol

Heute kommt es in New York also tatsächlich zum Duell zwischen Serena Williams, die ihren 24. Grand-Slam-Titel anstrebt, und der furchtlosen Newcomerin. Damit schliesst sich ein Kreis, denn Naomi spielt nur wegen der Williams-Schwestern Tennis.

1999 sah ihr Vater, der Haitianer Leonard Francois, im Fernsehen, wie Venus und Serena am French Open die Doppelkonkurrenz gewannen. Und weil er hörte, dass Richard Williams seine Töchter als Autodidakt zu Champions formte, beschloss er, das auch zu machen. Damals lebte die Familie noch in Japan, doch die Eltern von Naomis Mutter ­Tamaki goutierten die Mischehe nicht. Als Naomi dreijährig und Schwester Mari viereinhalb war, beschloss das Paar, sein Glück in den USA zu versuchen. Es zog mit den Mädchen nach Long Island, wo deren Tenniskarrieren begannen, die ab 2006 nach dem Wechsel nach Florida mit er­höhter Intensität vorangetrieben wurden.

Schlappen gegen Schwester

Anfänglich schien Mari die Talentierte zu sein, doch die jüngere war vom Wunsch beseelt, die ältere Schwester zu bezwingen. «Ich weiss nicht, ob man von einer Rivalität sprechen kann, wenn dich jemand jeden Tag

6:0 besiegt», sagt die US-Open-Finalistin rückblickend. «Mit 15 schlug ich sie 6:2, ich weiss immer noch nicht, was an jenem Tag passierte.» Mari, die von Verletzungen zurückgeworfen wurde, ist derzeit die Nummer 367 der Welt und bestreitet diese Woche ein mit 60000 Dollar dotiertes Turnier in Montreux – weit weg vom Rampenlicht, das ihre kleine Schwester in New York ­illuminiert.

Naomi Osaka, schüchtern, aber durchaus mit Schalk, ist gross und kräftig wie viele der jungen aufstrebenden Amerikanerinnen. Sie glänzt mit Powertennis, wie es in den Akademien in Florida gelehrt wird. Sie spricht auch wie eine Amerikanerin, spielt aber seit knapp einem Jahrzehnt für das Land ihrer Mutter.

An den Medienkonferenzen kommt es jeweils zu speziellen Szenen, wenn japanische Vertreter im nationalen Teil Fragen stellen, die Osaka dann in Englisch beantwortet. Die Weltnummer 19 versteht Japanisch, weil sie sich aber nicht perfekt ausdrücken kann, traut sie sich nicht, es in der Öffentlichkeit

zu sprechen. Sei es wegen der sprachlichen Defizite oder des nur bedingt japanischen Aussehens: Osaka wird in Japan zwar immer populärer, aber es haben sie noch längst nicht alle ins Herz geschlossen. Zwei japanische Journalisten haben vor den Halbfinals jedenfalls unabhängig voneinander versichert, der ­Erfolg Kei Nishikoris verursache daheim mehr Aufregung.

Surreal

Naomi und Mari Osaka wurden zwar genau wie Serena und Venus Williams zu Tennisprofis erzogen. Doch ausser dem harten Aufschlag und den wuchtigen Grundschlägen gibt es wenig ­Parallelen. Die vom Vater eingeimpfte Wir-gegen-die-Welt-Einstellung, welche die Kalifornierinnen bis heute nicht abgelegt haben, ist Naomi Osaka fremd.

Coach Bajin, der auch lange Serenas Sparringspartner war, berichtet, die beiden heutigen Gegnerinnen seien «ganz unterschiedliche Menschen, die einzige Ähnlichkeit ist das Haar. Während Serena auf dem Platz sehr aggressiv ist, muss ich ­Naomi pushen, dass sie ab und zu die Faust ballt.»

Nun tritt Naomi Osaka also tatsächlich in einem Grand-Slam-Final gegen ihr Idol an, ­genau so, wie sie sich das als Mädchen oft erträumte. Etwas surreal sei das schon, gibt sie zu. «Und, wie sind diese Begegnungen ausgegangen?», wird sie von einem US-Reporter gefragt. Die Rechtshänderin lächelt, als sie sagt. «Sie fragen mich zwar, ­kennen aber die Antwort schon. Ich träume doch nicht von ­Niederlagen.»

(Berner Zeitung)

Erstellt: 08.09.2018, 09:33 Uhr

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