«Die Leute wissen es vielleicht nicht, aber ich bin recht witzig»

Eishockey-Nationalcoach Patrick Fischer sorgte für Aufbruchstimmung und setzt im Hinblick auf die Heim-WM 2020 eine klare Linie durch.

Immer noch geübt im Umgang mit dem Puck: Nationalcoach Patrick Fischer. (Bild: Gian Marco Castelberg)

Immer noch geübt im Umgang mit dem Puck: Nationalcoach Patrick Fischer. (Bild: Gian Marco Castelberg)

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Funktioniert das Nationalteam ähnlich wie ein Clubteam? Sind da die gleichen Charaktere gefragt, die gleichen Werte?
Grundsätzlich sind Hockeyteams immer ähnlich. Es gibt verschiedene Typen in der Kabine: den Clown, die Ruhigeren, den Verrückten. Das ist auch gut so. Es wäre extrem langweilig, wenn wir alle gleich wären. Jede Mannschaft lebt von ihrer Diversität. Der Unterschied zum Club ist: Die Motivation ist bei uns immer extrem hoch. Die Spieler wollen es ins Team schaffen, und wenn sie im Kader sind, geht es um die Ehre, um Medaillen, um ihre Rolle. Ich höre manchmal, ich könne die Spieler gut motivieren. Aber das muss ich gar nicht. Im Club ist das anders: Wenn der Oktober kommt, der November, die Spiele Nummer 25 bis 35 anstehen, ist es nicht einfach, das Level hochzuhalten. Da wird gewitzelt, in der Vorweihnachtszeit seien die Spieler mehr damit beschäftigt, Geschenke zu kaufen.

Apropos Geschenke: Sie dürften diesmal einige Weihnachtsgeschenke mehr erhalten. Von Spielern, die sich für die Heim-WM aufdrängen wollen.
Nein. Ich bekomme bestimmt keine Weihnachtsgeschenke von Spielern. Wir brauchen keine Schleimer. Und wir haben auch keine. Die Spieler haben es selber in den Händen, ob sie es an die WM schaffen – mit ihren Leistungen. Wir sagen immer: Die Verantwortung liegt bei euch.

Sie haben keine schlaflosen Nächte, bevor Sie jemanden aus dem Kader streichen?
Schlaflose Nächte nicht. Aber die letzten Schnitte sind immer die mit Abstand schwersten. Vor diesen Gesprächen habe ich schon ein mulmiges Gefühl. Denn die betreffen meistens Spieler, die drei, vier Wochen dabei waren, eine gute WM-Vorbereitung gemacht haben. Ich erwähne gerne das Beispiel von Tristan Scherwey: Ich schickte ihn vor Moskau und vor Paris jeweils als letzten Stürmer nach Hause. Ich wusste: Ich zerstöre ihm damit einen Traum. Umso schöner, dass er es dann im folgenden Jahr schaffte.

«Nach jedem Spiel wird der geehrt, der am härtesten gearbeitet hat.»

Wann beginnen Sie mit dem Teambuilding?
Als ich als Nationalcoach begann, forcierten wir dieses Thema sehr. Es hatte zu viele Absagen gegeben. Vor Moskau versuchten wir, das Verständnis dafür zu wecken, dass wir Vorbilder sind, unser Land vertreten. Inzwischen hat sich die Situation zum Guten gewandelt. Vor einer WM gehen wir jeweils vor Ort zusammen essen, trinken da auch ein, zwei Bier. In dieser lockeren Atmosphäre bestimmen wir, welchen Goalsong wir wollen, was in der Kabine ablaufen soll. Nach jedem Spiel wird der geehrt, der am härtesten gearbeitet hat. In Kopenhagen zirkulierte ein Militärhelm, in Paris ein Tomahawk.


Fischers grösster Erfolg mit dem Nationalteam: der WM-Finaleinzug gegen Kanada 2018. (Video: SRF)


Was für eine Rolle spielten Sie, als Sie noch Spieler waren?
Ich sprach als Junger schon gut Englisch, weil ich ein Jahr die Highschool in Kanada besucht hatte. So konnte ich in Zug nicht nur mit den Schweizern reden, sondern auch mit den Kanadiern. Ich war ziemlich frech. Die Leute wissen es vielleicht nicht: Aber ich bin recht witzig. Ab und zu gelingt mir ein Scherz. (lacht) Auch als Captain sagte ich immer: Die anderen haben keine Maschinengewehre. Es ist ein Spiel, lasst uns Spass haben.

Sie wurden schon früh Captain, als Sie mit 23 nach Davos kamen. Hat Sie das geprägt?
Als ich 1999 von Lugano nach Davos wechselte, nach der berühmten Tessiner Finalissima, kam ich zu Arno Del Curto. Ich kannte ihn von der U-20, er hatte mich begeistert und wusste, wie er mich nehmen muss. Ich hatte ein gewisses Talent, aber ich war nicht berühmter als der, der die Seriosität erfunden hat. Arno sagte zu mir: «Hör zu Fischi, wenn du nach Davos kommen willst, musst du Verantwortung übernehmen.» Er erkannte das richtig. So wurde ich einiges professioneller.

«Ich hatte nie Angst, zu entscheiden und auch hinzustehen, wenn es nicht gut gekommen ist.»

Waren Sie schon als Jugendlicher ein Alphatier?
Ich bin einfach gerne mit Menschen zusammen. Ich hatte eine unglaublich schöne Jugend. Wir hatten im Quartier viele Sportplätze, ich spielte Unihockey, Eishockey, Fussball, Squash, Tennis, Badminton. Und die Schule gab es auch noch. Da ging ich auch gerne hin. Alphatier? Ich weiss nicht. Ich hatte nie Angst, zu entscheiden und auch hinzustehen, wenn es nicht gut gekommen ist.

Sie spielten auch in der NHL, in Russland. Funktionieren Teams überall nach gleichem Muster?
Ich befürchtete, in Russland könnte die Stimmung angespannter sein. Aber die Russen überraschten mich extrem. Die haben auch Schalk, da gab es ab und zu ein Spässchen. Der Unterschied ist am grössten zwischen einem Profi- und einem Juniorenteam. Bei den Jungen gibt es noch mehr Gockelkämpfe. Wenn du 18 bist, hast du nur das Ziel, in ein National-League-Team hineinzukommen. Du bist ganz auf dich fokussiert. Später merkst du: Ah, da gibt es ja noch eine Mannschaft! Du wirst allmählich zum Teamspieler, dein Blickwinkel öffnet sich. Bei einigen geschieht das früher. Wie bei Nico Hischier. Der hat den Teamgedanken schon total verinnerlicht, hilft den anderen immer.


Die wohl bitterste Niederlage für Nationalcoach Patrick Fischer: Der WM-Final 2018 geht gegen Schweden im Penaltyschiessen verloren. (Video: SRF)


Sie strichen Bodenmann, Herzog, Kukan, Malgin und Schlumpf für die Heim-WM, weil sie einmal abgesagt hatten. Ein schwieriger Entscheid?
Nein, es war ein einfacher Entscheid, diese Regel durchzusetzen. Es ist das Nationalteam, und wir spielen kein Schülerturnier, sondern die WM. Da sollte jeder Feuer und Flamme sein, wenn er die Chance erhält. Wir wissen auch, dass einige Termine attraktiver sind als andere. Aber wir können keine Rosinenpickerei zulassen. Das ist nicht fair für jene, die immer kommen. Ich glaube, die Spieler schätzen das. Sie sind in der Schweiz ausgebildet worden, verdienen ihr Geld mit diesem Sport, und auf diese Weise geben sie etwas zurück.

Ein gutes Team ist grösser als die Summe der Einzelteile. Wie können Sie das fördern?
Indem wir ein Team zusammenstellen mit guten Menschen. Solchen, die respektvoll umgehen miteinander, aber auch mit den Gegnern, den Schiedsrichtern. Wir wollen auf Deutsch gesagt keinen Sauhaufen. Wir haben starke Werte. Das sieht man auch. Selbst in Moskau, wo wir tauchten, hatten wir einen guten Teamgeist, kämpften bis zum Schluss, obschon wir noch weit weg waren von unserem Potenzial. Wir gingen da zusammen durch. Auch in Pyeongchang. Wir wussten: Wir haben nicht performt; aber wir suchten keine Ausreden. Das zeigt mir, dass wir die richtigen Charaktere hatten.

Die Schweiz ist ein kleines Land, alle Spieler kennen sich. Ist das ein Vorteil?
Zu 100 Prozent. Beim Teambuilding geht es darum, Verbindungen zu schaffen unter den Spielern. Ein Beispiel: Sie haben ja auch eine engere Bindung zu Ihrem Bruder als zu anderen Menschen. Weil Sie ihn schon lange kennen, Sie auch seine Geschichten kennen. Das gibt einen ganz anderen Zusammenhalt. Deshalb ist es für uns ein Vorteil, dass sich die Spieler so gut kennen. Wir haben jetzt einen Kern, der ein paar Jahre zusammen war. Ich weiss, diese Spieler freuen sich darauf, sich wiederzusehen. Und das gibt Kraft.

«Wir behandeln die Spieler wie erwachsene Menschen.»

Bestimmen Sie, wer an der WM das Doppelzimmer teilt?
Das können die Spieler selber sagen. Wir behandeln sie wie erwachsene Menschen. Bei uns gibt es auch keine Nachtruhe, keine Zimmerstunde. Sie wissen, wann sie ins Bett gehen und wie sie sich verhalten müssen.

Sie hatten nie Probleme mit Spielern, die bis zwei Uhr morgens im Ausgang waren?
In meinen vier Jahren habe ich nichts dergleichen gehört. Vielleicht schlich der eine oder andere ab. Aber das Team war an der WM immer hellwach bis zum Schluss. Wir konnten unser Energielevel stets hochhalten. Wir geben den Spielern an der WM auch immer einen freien Abend. Und es ist schön, zu sehen, dass sie alle zusammen essen gehen. Da gibt es keine Gruppen.

Müssen Sie die Spieler an der Heim-WM mehr abschotten als sonst? Nach Hause zu gehen, ist ja wohl nicht erlaubt, oder?
Das ist ein Thema, das wir noch genau besprechen werden. Es wird auch da wieder Zeitfenster geben, in denen die Spieler die Freundinnen oder die Familie treffen können. Aber geschlafen wird bei uns im Hotel. Wir wissen: Die Ablenkung ist eine grosse Herausforderung. Nebst den ganz vielen positiven Dingen, die eine Heim-WM mit sich bringt.


Eisbrecher – der Hockey-Podcast von Tamedia

Im Rahmen dieses Artikels ist der neue Teil des Tamedia-Eishockey-Podcasts «Eisbrecher» entstanden. Das ganze Gespräch mit Patrick Fischer kann hier nachgehört werden:

Auf Spotify sowie auf Apple Podcast. Oder direkt hier:

Erstellt: 07.12.2019, 14:27 Uhr

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