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«Menschen können sich ändern – auch zum Guten!»

Angeprangert, nun wieder vorerst rehabilitiert. Zu Recht? Gedanken zum früheren ZSC-Meistercoach Marc Crawford.

Illustration Kornel Stadler.
Illustration Kornel Stadler.

Vielleicht war das der Grund, warum Marc Crawford so oft und so gerne über dieses Thema sprach. Darüber, wie sich die Beziehungen zwischen Coaches und Spieler verändert haben in den letzten Jahren. Wie du als heutiger Coach den Jungen immer wieder Fragen beantworten musst, nicht nur das Was, sondern auch das Warum zu erklären hast. Zuletzt kamen wir auf das Thema im Oktober 2018 zu sprechen.

Marc Crawford, der Stanley-Cup-Champion 1996 mit den Colorado Avalanche als erst 35-jähriger Jungcoach. Crawford, der Meistertrainer in Zürich, nach einer Odyssee durch die NHL. Und Crawford, nach seiner Rückkehr nach Nordamerika, der Assistenztrainer in der besten Eishockeyliga. Und nun vor allem Marc Crawford, der nach Enthüllungen von ehemaligen Spielern wegen fragwürdigen Coaching-Methoden von den Chicago Blackhawks, seinem aktuellen Arbeitgeber temporär Beurlaubte. Eine Untersuchung musste er über sich ergehen lassen. Das Resultat: Crawford bleibt «gesperrt», darf nach Silvester indes zurück zum Team. Weil er sich in Chicago nichts zu Schulden kommen lassen hat. Und weil er Reue zeigt, zum Beispiel gemeinsam mit den Blackhawks dieses Statementhierveröffentlichte. Dort steht auch drin, dass er schon seit 2010 in Therapie sei, um sich zu bessern.

Stetige Änderungen. Im Leben, im Coaching. Natürlich war dies wieder ein Thema, als sich unsere Wege vor 14 Monaten kreuzten, in Denver, der Heimat der Avalanche, am Ort seines Triumphes. Es wurde kein normales Interview, weil es im Pepsi Center begann, dem Stadion der Avalanche, aber in einer Hotellobby in Downtown Denver endete, dazwischen lag eine 20-minütige Busfahrt. Wir hatten ein paar Tage vorher abgemacht, der eine (der hier Schreibende) war dort wegen Colorados damaligem Schweizer Stürmer Sven Andrighetto, der andere als Assistenztrainer des Gegners Ottawa, seinem ersten Arbeitgeber nach dem Ende der Amtszeit bei den ZSC Lions. Nach dem Morgentraining der Senators wollte Crawford reden, er brach dafür die teaminterne Regel Ottawas, die besagt, dass am Matchtag vom Trainerstaff nur der Headcoach mit Medien reden darf. Doch als er dann trotzdem nicht am abgemachten Ort erschien, schien das Interview geplatzt.

Das wäre nichts Besonderes gewesen, als europäischer Journalist wird man in den NHL-Stadien nicht selten mit Nichtbeachtung beschert, das gehört dazu. Aber zu Crawford hätte es irgendwie dennoch nicht gepasst. Es gibt viele nordamerikanische Coaches, die in die Schweiz kommen, ihre Arbeit erledigen, sich ihrer temporären Heimat aber nicht wirklich annähern. Crawford war nicht so, er war nicht nur besonders offen in Interviews, er war auch interessiert an Land und Leuten. Er nutzte fast jede freie Minute für Ausflüge mit Ehefrau Helene.

Plötzlich klingelte das Handy, Crawford rief an («Wo bist du?»), er wartete beim Ausgang der Tiefgarage, wo der Teambus schon bereit stand für die Fahrt zurück zum Hotel. Crawford hatte unseren Termin kurz vergessen, weil er einen langen Rundgang durch die Halle gemacht hatte, um alle Hände jener Stadionangestellten zu schütteln, die auch über 20 Jahre nach dem Stanley-Cup-Triumph mit «seinen» Avalanche immer noch hier arbeiteten. Auch neben dem Bus traf er sie noch, jeder strahlte, als er Crawford sah. Wir begannen sogleich mit dem Gespräch, doch nach nur einer Frage winkte schon der Chauffeur: Abfahrt! Aber Crawford wollte unbedingt reden, über die vielen jungen Spieler in Ottawas Mannschaft, über die Veränderungen im Leben des Coaches, über Zürich, die Zeit in der Schweiz. Dafür brach er noch eine Regel: «Komm mit in den Teambus, wir machen das Interview auf der Fahrt ins Hotel!»

Als die Anschuldigungen gegen Crawford vor ein paar Wochen publik wurden, war das mein erster Gedanke: Das Interview im Bus, der fröhliche und so respektvolle Crawford, der keine Erinnerung an die Schweiz unerzählt lassen wollte, wie jene an die Lieblingsbäckerei in Winkel. War das wirklich derselbe Marc Crawford, der Spieler auf der Bank nach Fehlern getreten und mit cholerischen Wutanfällen psychisch malträtiert haben sollte? Kann man sich derart täuschen und einlullen lassen?

Was ein ehemaliger Spieler meint …

Ein Telefongespräch mit einem früheren Spieler ein paar Tage später half ein wenig bei dieser Frage. Er hatte für Crawford gespielt und als junger Bursche und Neuling in der grossen Liga hatte er einen Riesenrespekt vor Crawford, der ihm nicht immer geheuer gewesen sei. Bis er «Craw» vor ein paar Jahren zufällig wieder getroffen habe. Ganz erstaunt sei er gewesen, wie anders dieser geworden sei, freundlich und angenehm, wie ausgewechselt. Der Spieler riet zum Abschied dies: «Pass also auf, was du über die Trainer schreibst! Menschen können sich ändern, auch zum Guten.»

… und was der aktuelle Goalie sagt

«Das sind keine bösen Menschen! Gebt Leuten eine zweite Chance, verurteilt sie nicht pauschal für Dinge, die viele Jahre zurückliegen!» Das forderte kürzlich in einem bemerkenswert offenen Interview Robin Lehner, der Goalie Chicagos – er meinte damit nicht nur, aber auch Crawford. Ohne zweite Chance wäre er selber auch nicht mehr in der NHL, sagte Lehner. Er, der noch vor gut einem Jahr mit psychischen, Suchtmittel- und noch ganz viel anderen Problemen kämpfte und mit 27 Jahren vor dem Karrierenende stand. Heute spielt er besser denn je: «Weil ich eine zweite Chance erhielt.» Crawfords Entschuldigungsbrief beschreibt Lehner nun als ehrlich genug, er habe darum keine Probleme, den Assistenztrainer bald wieder im Team begrüssen zu dürfen.

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