Wenn der Spieler sich auch harsche Kritik wünscht

Luca Hischier ist das erste Davoser «Spezialprojekt» des neuen Trainers Christian Wohlwend. Dabei kann es auch einmal laut werden.

Er hat einen Lauf: Davos-Stürmer Luca Hischier.

Er hat einen Lauf: Davos-Stürmer Luca Hischier. Bild: Gian Ehrenzeller/Keystone

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In diesen Tagen werden Eishockeycoaches ja besonders beäugt. Dies nach den Vorwürfen von ehemaligen Spielern in Nordamerika wegen verbalen oder gar physischen Übergriffen, wegen Psycho-Spielchen und grundsätzlichem Machtmissbrauch. Da macht auch dieses knapp drei Wochen alte Video eine kleine Runde in sozialen Medien: Wie Davos-Trainer Christian Wohlwend während eines Time-Outs Luca Hischier heftig zusammenstaucht, während dieser stoisch auf der Bank sitzt.

Da geht's kurz ab: Christian Wohlwend und Luca Hischier. (Quelle Twitter/MySports)

Für Aussenstehende kann diese Szene irritierend wirken und im ersten Augenblick genau jene Vorwürfe bestätigen, mit denen sich die Trainer gerade auseinandersetzen müssen. Auf den zweiten Blick hingegen ist es auch ein gutes Beispiel, um über die Frage zu diskutieren, wo bei Vorwürfen eine Linie gezogen werden sollte oder gezogen werden muss, sprich ab wann es wirklich um Machtmissbrauch und Übergriffe geht. Hischier und auch Wohlwend, er nach etwas Skepsis zunächst, sind bereit, um über dieses Thema zu reden.

«So etwas kann passieren»

Der Spieler selbst ist zunächst perplex, dass das überhaupt ein Thema sein soll. «Es war völlig legitim, was da passierte», sagt Hischier. «Ich hatte einen sehr dummen Fehler gemacht, war selber genervt über mich und rechnete mit einem ‹Zusammenschiss›.» Dass es zu diesem Ausbruch Wohlwends kam, erklärt dieser in der «Kurzfassung» so: «Luca reagierte in jenem Moment komisch, da hat es mich kurz ‹verjagt›. Wenn du besonders viel Energie und Zuneigung in einen Spieler investierst, kann auch so etwas passieren.» Das alleine reicht kaum zum Verständnis, es braucht die «Langfassung» und einen kurzen Rückblick.

Luca Hischier, 24, Walliser, ist ausserhalb der Eishockey-Insider-Szene vorerst vor allem bekannt für seinen Nachnamen: Er ist der ältere Bruder von Nico Hischier, dem ersten NHL-Nummer-1-Draft der Schweiz und Topspieler bei den New Jersey Devils. Dennoch ist Luca das Vorbild Nicos, er trägt in der NHL wegen des Bruders die Rückennummer 13.

Brüder: Nico und Luca Hischier beim Empfang in Naters am 30. Juni 2017, nachdem Nico von den New Jersey Devils im NHL-Draft als Nummer 1 gezogen worden war. Rechts ist Mutter Katja zu erkennen. (Bild Dominic Steinmann/Keystone)

Luca wechselt 2018 nach Davos vom SC Bern, wo er acht Jahre lang bleibt, zunächst Nachwuchsspieler ist und die letzten drei Jahre im NLA-Team stürmt. Einer der Hauptgründe für den Transfer: Arno Del Curto, der damals noch den HCD trainiert. Weil Hischier, wie er sagt, all das hier wollte: «Gepusht werden. Ich wollte raus aus der Wohlfühl-Oase, in der du in einem Club als eigener Junior oft steckst. Das ist überhaupt nichts gegen den SCB – es gefiel mir sehr gut in Bern.»

Diese Vergleiche bringen nichts

Wohlwend kennt Hischier bereits aus früheren Zeiten in Junioren-Auswahlen, als er noch für den Verband arbeitete. Und schon vorher, als Wohlwend in Lugano Assistenztrainer war, hätte er den Walliser Stürmer gerne in seinem Team gesehen. Weil: «Luca ist ein Riesentalent. Aber er gilt auch als ewiges Talent, eines, das sein Potenzial nicht abrufen kann.» Und Wohlwend sagt auch dies: «Ich weiss, dass Luca unter den ständigen Vergleichen mit seinem Bruder Nico leidet. Die Leute vergleichen gerne, obwohl das gar nichts bringt. Ich kenne das ja auch: Alle vergleichen mich ständig mit Arno.»

Erste Station im Profihockey: Luca Hischier im Dress des SC Bern. (Bild Peter Schneider/Keystone)

Als Wohlwend zu Del Curtos Nachfolger in Davos wird und die beiden wieder zusammenfinden, wird Hischier zu einer Art «Spezialprojekt» des Trainers. Das stösst auch bei der ganzen Familie des Wallisers auf offene Ohren: Als sich die Wege Wohlwends im Sommer mit Rino und Nico Hischier kreuzen und das Gespräch auf Luca kommt, ist es ganz im Sinne von Vater und Bruder, dass der Davoser Trainer sich intensivst Luca annimmt.

Zu oft zu streng mit sich selbst

Wohlwend nutzt gleich die lange Zeit zu Saisonbeginn, als Luca wegen einer Gehirnerschütterung zehn Wochen lang ausser Gefecht ist: «Ich habe sehr viel Zeit und Aufwand investiert, mit ihm immer wieder über Themen wie Einstellung, Denkweise und Negativität gesprochen.» Hischier formuliert es so: «Ich bin oft zu streng mit mir selbst.»

Und weil Wohlwend im Spieler so viel Potenzial sieht, geht er von Anfang an andere und weitere Wege als üblich. Als Hischier endlich sein Comeback geben kann, bringt ihn der Coach sofort neben Enzo Corvi und Mattias Tedenby, zwei der besten Davoser Stürmer. «Das war ein Vertrauensbeweis», sagt Hischier, der seinen Platz in dieser Linie behält und zuletzt Match für Match sein vielleicht bestes Eishockey der Karriere spielt. Er blüht richtig auf. Wohlwend habe auch bezüglich seiner Einstellung etwas aus ihm herausgekitztelt, sagt Hischier: «Dass ich auch dann alles geben und kämpfen muss, wenn es mir nicht so läuft.»

«Ich hatte eine gute Zeit in Bern»: Luca Hischier (links) mit Thomas Ruefenacht bei der Meisterfeier des SCB am 16. April 2016 auf dem Bundesplatz in Bern. (Bild Peter Klaunzer/Keystone)

Hischier sagt: «Ich mag Coaches, die sehr ehrlich sind, viel reden und dir alles sehr direkt sagen, auch wenn das bedeutet, dass du harsch kritisiert wirst.» Wohlwend meint indes auch: «Ich glaube nicht, dass Luca einen Trainer braucht, der ihm ständig in den Hintern tritt. Ich bin auch nicht bereit, das zu tun.» Einmal sei dies nun halt passiert. Doch das sei eine Sache zwischen ihnen beiden: «Nur wir zwei können wirklich verstehen, was da geschehen ist. Luca weiss, dass ich ihn mag. Sein nächster Schritt muss nun sein, dass er die Leistung auch abrufen kann, ohne meine spezielle Aufmerksamkeit.»


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Erstellt: 05.12.2019, 18:05 Uhr

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