Brasilien kämpft mit seinen Obsessionen

Am Freitag beginnt die 46. Copa America. Der verletzte Neymar beherrscht die Schlagzeilen, Gastgeber Brasilien ist Favorit.

Es läuft gerade miserabel für Neymar: Zum schlechten Image kam eine Knöchelverletzung hinzu. Foto: AFP

Es läuft gerade miserabel für Neymar: Zum schlechten Image kam eine Knöchelverletzung hinzu. Foto: AFP

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Es gibt rund um das Fussball-Nationalteam ein paar Obsessionen in Brasilien, wo mindestens jeder zweite der rund 210 Millionen Einwohner selbst ernannter Nationalcoach ist. Vor Turnieren etwa werden stets leidenschaftlich die Nominationen der Toptalente gefordert. Dieses Jahr war das besonders ausgeprägt, weil die 18-Jährigen die besten der Geschichte sein sollen. Die Stürmer Vinicius Junior (seit 2018 bei Real Madrid), Rodrygo (im Sommer von Santos zu Real Madrid) sowie Lincoln (noch bei Flamengo) jedoch fehlen an der Copa America im eigenen Land.

Dann gibt es Neymar. Der Mann befeuert die Fantasien vieler Menschen mit seiner spektakulären Spielweise, seit er vor zehn Jahren mit 17 den Durchbruch realisiert hat. Neymar ist nicht dabei, weil er sich im Test gegen Katar (2:0) letzte Woche mal wieder schwer verletzte, diesmal am rechten Knöchel. Er beherrscht die Schlagzeilen gleichwohl wegen Vergewaltigungsvorwürfen. Zu einer Anhörung bei der Polizei in Rio de Janeiro erschien er an Krücken und mit leidgeplagter Miene.

In die Seele eingebrannt

Und es gibt die Seleção sowie das Maracanã, Mythen sind sie beide, gegenseitige Liebe aber existiert nicht. Im Gegenteil. Bald fünf Jahre ist es her, als Brasilien an der Heim-WM den Final im legendären Stadion in Rio verpasste: 1:7 gegen Deutschland im Halbfinal in Belo Horizonte. Ohne den gesperrten Captain Thiago Silva. Und ohne Neymar. Verletzt, weil ihn Kolumbiens Juan Zuniga im Viertelfinal kurz vor Schluss brutal gefoult hatte.

Die Blamage gegen Deutschland hat sich tief in die Seele des Fussballlandes eingebrannt. Wie die schwerste Niederlage, dieses 1:2 gegen Uruguay zum Abschluss der WM 1950. Weltmeister Uruguay, Brasilien im Schock. Im Maracanã vor offiziell 173'850, inoffiziell rund 200'000 Zuschauern. Es war das bestbesuchte Spiel der Geschichte.

Ohne Neymar setzt Trainer Tite auf den 160-Millionen-Franken-Mann als zentrale Figur: Coutinho.

Ohne Superlative geht es selten bei Neymar, dem Maracanã, der Seleção. Brasilien ist Rekordweltmeister, der fünfte Triumph liegt allerdings 17 Jahre zurück, an der Copa America triumphierte die Auswahl letztmals 2007. Erst acht Mal gewann Brasilien das älteste Turnier der Welt, ausgetragen seit 1916, Uruguay (15) und Argentinien (14) haben deutlich mehr Titel geholt, zuletzt siegte zweimal Chile.

Dieses Jahr ist der Druck im politisch und wirtschaftlich schwer kriselnden Riesenland besonders ausgeprägt. Und all die Obsessionen vermischen sich gerade: die Talente, Neymar, die Endspielarena Maracanã. Wie an den Olympischen Spielen 2016, als Brasilien den Final gewann. Im Maracanã. Gegen Deutschland im Penaltyschiessen. Neymar verwandelte den entscheidenden Elfmeter – und begann sofort zu weinen.

Das Staraufgebot

Am Freitagabend startet der Gastgeber auch ohne Neymar als Topfavorit gegen Bolivien in die 46. Copa America. «Brasilien ist immer Favorit», sagt Tite, der offizielle Nationaltrainer (immerhin schon seit genau drei Jahren). Der 58-Jährige ist ein kompetenter, aber konservativer Coach. Er verzichtete im Aufgebot auf Vinicius Junior, Rodrygo, Lincoln. Und als es am Wochenende um den Ersatz von Neymar ging, beförderte er Willian. Weil der 30-Jährige Ideen und System Tites bestens kennt. Und mit Europa-League-Finalist Chelsea lange im Trainingsrhythmus steckte. «Es ist der falsche Zeitpunkt für Experimente», sagt Tite.

Rekordweltmeister Brasilien gewann die Copa America erst acht Mal – ­zuletzt vor 12 Jahren.

Dem Coach steht trotz des Ausfalls von Neymar eine edle Belegschaft zur Verfügung. Torjäger Gabriel Jesus (Manchester City) wird flankiert von Richarlison (Everton) und David Neres (Ajax Amsterdam), alle sind sie vor kurzem erst 22 geworden. Roberto Firmino von Champions-League-Sieger Liverpool ist dabei. Und ohne Neymar setzt Tite auf ein 4-2-3-1-System mit Coutinho, dem Freund Neymars, als zentrale Figur. Beim 7:0 im Test gegen das harmlose Honduras klappte das vorzüglich. Coutinho, seit Mittwoch 27 wie Neymar, ist hinter dem Superstar Brasiliens zweitteuerster Fussballer der Geschichte, beim grossen FC Barcelona aber enttäuschte der 160-Millionen-Franken-Fussballer letzte Saison schwer.

Brasiliens Kader ist ein Mix aus Routine und Jugendlichkeit, für die Erfahrung stehen die Verteidiger Thiago Silva und Dani Alves, im Tor ist Liverpools Alisson, den zentralen Aufbau bilden Casemiro von Real Madrid und Barcelonas Arthur. «Es gibt keinen Grund, warum wir nicht gewinnen sollten», sagt Tite.

Schwalben und Skandale

Vielleicht gibt es doch einen: Neymar. Er steht immer im Mittelpunkt. Selbst wenn er fehlt. Trotz beispielloser Verletzungsmisere ist er unterwegs, Rekorde zu brechen. 60 Tore hat er in 97 Länderspielen erzielt, es sind globale Bestwerte für einen Jahrgänger 1992. In Brasilien haben einzig Pelé (77) und Ronaldo (62) öfter getroffen. Legenden und Weltmeister sind sie beide.

Neymar ist es nicht. Und langsam läuft ihm die Zeit davon. Sein Image könnte wegen seiner theatralischen Art und allerlei Skandalen wie der Vergewaltigungsaffäre schlechter nicht sein, Sponsoren wenden sich ab, bei Paris Saint-Germain ist er angeblich unglücklich. Weltfussballer ist er nie geworden, nicht mal die Copa America hat er bei zwei Teilnahmen gewonnen. Vor vier Jahren beendete eine Rote Karte in der Vorrunde sein Turnier.

Neymars WM-Bilanz wiederum ist trotz sechs Toren und drei Assists in zehn Einsätzen bitter – obwohl er Brasilien am Heimturnier 2014 auf seinen schmalen Schultern in den Halbfinal trug. Auch letztes Jahr in Russland überzeugte er nach monatelanger Verletzungspause, die Welt aber sprach über seine Flugeinlagen. Brasilien scheiterte als vielleicht bestes Team bereits gegen Belgien. 1:2 im Viertelfinal. Wie 2010 in Südafrika gegen Holland. Damals war Neymar nicht dabei. Obwohl die Nomination des 18-jährigen Ausnahmetalents von Medien und Millionen Nationaltrainern vehement und sogar mit Petitionen gefordert worden war.

Erstellt: 14.06.2019, 11:19 Uhr

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Messis nächster Anlauf zu einem Titel mit Argentinien

«Vibra Continente» heisst der Song zur Copa America, der Kontinent vibriert der Südamerika-Meisterschaft entgegen. Meist­genannter Favorit ist Gastgeber Brasilien, der heute gegen Bolivien das Startspiel bestreitet und sich gegen die weiteren Gruppengegner Venezuela und Peru gemütlich einspielen kann.

Argentinien wartet schon seit 1993 auf einen Turniersieg und könnte mit einem Erfolg zu Rekordsieger Uruguay (15 Titel) aufschliessen, befindet sich aber in einem grossen personellen Umbruch. «Dieser Prozess benötigt Zeit», sagt Superstar Lionel Messi schon mal vorsorglich. «Wir gehören diesmal nicht zu den Favoriten.» So schlecht ist das Kader der Argentinier vor allem in der Offensive allerdings nicht, dabei sind unter anderem Angel di Maria, Paulo Dybala und Sergio Agüero. Messi wartet immer noch auf seinen ersten Titel mit der Nationalmannschaft, zuletzt gingen die Copa-America-Finals gegen Chile 2015 und 2016 verloren. Ein Triumph im Land des Rivalen Brasilien wäre besonders süss.

Chile könnte als erstes Team seit 72 Jahren zum dritten Mal in Folge die Copa America gewinnen, während Kolumbien und Uruguay gewohnt unangenehme Aussenseiter sind. Gäste am Turnier sind diesmal Katar, WM-Gastgeber 2022, sowie Japan, das mit Takefusa Kubo, ausgebildet beim FC Barcelona und seit kurzem 18-jährig, vom FC Tokio eines der aufregendsten Talente des Weltfussballs mitbringt. (fdr)

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