Wangen-Brüttisellen

Das Gewissen des Vereins

Walter Remy gibt seit unzähligen Jahren bei Brüttisellen-Dietlikon die Richtung an.

Walter Remy hat in den vergangenen 56 Jahren als Spieler, Trainer, als Mitglied der Rettungs- und Sportkommission, Platzwart sowie Sport- und Pressechef auf dem Brüttiseller Lindenbuck extrem viel erlebt – das meiste scheint ihm, nach diesem Bild zu urteilen, sehr gut gefallen zu haben.

Walter Remy hat in den vergangenen 56 Jahren als Spieler, Trainer, als Mitglied der Rettungs- und Sportkommission, Platzwart sowie Sport- und Pressechef auf dem Brüttiseller Lindenbuck extrem viel erlebt – das meiste scheint ihm, nach diesem Bild zu urteilen, sehr gut gefallen zu haben. Bild: David Kündig

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«Schön braun bist du. Das ist schon mal gut», sagt der Fotograf. «Ich komme gerade aus den Ferien», antwortet ihm Walter Remy und fügt fast entschuldigend an: «Es ist das erste Mal überhaupt, dass ich während einer Saisonvorbereitung verreise.» Es hat einen erfreulichen Grund: Tochter und Sohn schenkten ihm und seiner Frau Carla zum 70. Geburtstag zwei Wochen Urlaub in Italien – am Ort, wo sie einst regelmässig gemeinsam in den Sommerferien weilten. Dafür machte sogar der langjährige Funktionär des FC Brüttisellen-Dietlikon gerne einmal eine Ausnahme.

Schon seit 56 Jahren ist er Mitglied im Verein und erlebte Hochs und Tiefs in den verschiedensten Rollen. Remy zählte 1968 als zäher Aussenverteidiger zum Team, das erstmals in der Clubgeschichte den Sprung in die 2. Liga schaffte. Als sogenannter Manndecker war sein Handlungsraum nach vorne allerdings eingeschränkt. «Spiel ab. Du darfst nicht über die Mittellinie», pflegte sein damaliger Trainer bei allzu viel Offensivdrang auf dem Platz zu schreien. «Es war halt noch ein anderer Fussball damals», erzählt Remy unaufgeregt. Er bezeichnet sich als mittelmässigen Zweitliga-Fussballer.

Aufschwung und Absturz

Schon früh engagierte er sich als Juniorentrainer und erlebte so aus naher Distanz die «berühmt-berüchtigte Zeit» (Remy) seines Stammvereins in der Nationalliga B. Die Brüttiseller feierten im Herbst 1989 einen denkwürdigen Sieg im Letzigrund gegen den grossen FCZ, im Rückspiel kamen weit über 2000 Besucher auf den Lindenbuck. Dennoch folgte sogleich der Wiederabstieg. «Der erste Aufschwung mit vielen Eigenen wäre gar nicht so schlimm gewesen», ist Remy überzeugt. Doch statt sich hinterher wieder in der 1. Liga zu konsolidieren, nahm der Dorfclub sogleich einen neuen Anlauf in die NLB und leistete sich zwischenzeitlich sogar zwei chilenische Söldner. «Es war die Zeit des Baubooms, in der von Unternehmern viel Geld reingesteckt wurde. Das war nicht gut. Und nach dem zweiten Abstieg waren all diese Sponsoren weg», erinnert er sich.

«Walter ist ein Krampfer mit enormem Wissen.»FC Brüttisellen-Dietlikon-Vorstandsmitglied Roman Hangarter über seinen Vereinskollegen Wanlter Remy.

Der Verein geriet in arge Schieflage. Eine Kommission musste gegründet werden, in der auch Remy Einsitz nahm – mit dem damaligen Gemeindepräsidenten von Wangen-Brüttisellen und Leuten aus Dietlikon als externe Unterstützung. «Da wusste man noch gar nicht, wie viele Leichen im Keller liegen», berichtet er. Remy spricht von harten Zeiten, in denen schon für die Rasenmarkierungsfarbe das Okay des Finanzverantwortlichen nötig war. Der FC Brüttisellen fiel in die 2. Liga durch, und die Remys wirbelten an allen Fronten. Sie mähten den Rasen («einen Platzwart konnten wir uns nicht leisten»), putzten Garderoben – Remys Frau war Vereinssekretärin und führte auch jahrelang den Kiosk. «Es gab schon Momente, wo ich mich fragte, weshalb ich mir das eigentlich antue. Ohne Carla hätte ich es nicht geschafft.»

Der damalige NLB-Spieler Roman Hangarter kennt Remy von Kindesbeinen an – er sagt: «Ohne ihn würde es den FC Brüttisellen vielleicht in dieser Form nicht mehr geben.» Der 51-Jährige bezeichnet Remy als eigentliches Gewissen des Vereins. «Walter ist ein Krampfer mit enormem Wissen», betont Vorstandsmitglied Hangarter, der noch heute mit ihm in der vierköpfigen Sportkommission des Clubs sitzt.

Fast täglich in Kontakt mit Remy steht auch Coach Robert Merlo. «Walter hält einem den Rücken frei. Er ist ein Vollprofi.» Tatsächlich ist der Leiter Aktive an den Trainingstagen der Zweitliga-Mannschaft stets bereits eine Stunde vor Beginn mit Merlo auf dem Platz, um sich auszutauschen. «Ich habe neben Röbi die beste Trainingspräsenz im Team», sagt Remy und lacht.

Damit ist klar: Auch als Pensionär bestimmt noch immer der FC Brüttisellen-Dietlikon seine Freizeit. Die Nachwuchsabteilung liegt ihm besonders am Herzen. Gerne liest er zudem Biografien, spaziert mit seiner Frau um den Pfäffikersee oder geht zu den Heimspielen des SC Freiburg – bei dem er zwei Saisonkarten besitzt. Begleitet wird er oft von Sohn Roger, der sich ebenso beim FCB engagiert – als Goalietrainer. «Ich gehe schon einige Jahre zum SC. Mir hat es sofort gefallen. Das alte Stadion, die Nähe zum Rasen», sagt Remy. Entstanden ist die Liebe zum Bundesliga-Verein vor Jahren aufgrund seiner berufsbedingten Besuche im süddeutschen Raum.

Früher war nicht alles besser

Wie lange er sich bei Brüttisellen noch engagieren will, lässt er trotz seiner 70 Jahre offen. «Das Feuer ist noch da. Und ich habe einen guten Kontakt zu den Spielern.» Schon seit geraumer Zeit besteht das Brüttiseller Fantionteam fast ausschliesslich aus Eigengewächsen. Bewährt hat sich dies auch beim letzten Abstieg im Jahr 2016, als die Mannschaft nahezu geschlossen zusammenblieb. «Die Spieler verbringen auch sonst viel Zeit zusammen. Daher gibt es bei uns nicht jedes Jahr zehn Wechsel.» Die Mär, dass früher alles besser war und die Jungen schwieriger sind, teilt er nicht. «Wir waren doch auch ‹Vögel› und kamen hie und da erst um 3 Uhr nachts vor dem Spiel nach Hause.»

Erstellt: 17.08.2019, 09:32 Uhr

Infobox

Gruppeneinteilung 2. Liga regional, Gruppe 2

Brüttisellen-Dietlikon, Diessenhofen, Dübendorf, Effretikon, Gossau, Greifensee, Oerlikon/Polizei, Phönix Seen, FC Schaffhausen 2, SV Schaffhausen, Uster, Wallisellen, Wetzikon, Wallisellen.

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