Das Nationalteam hat sein Versprechen noch nicht eingelöst

Die Schweiz ringt um Anerkennung – dabei hat sie an den letzten Turnieren eine Konstanz gezeigt, wie nur wenige andere Teams.

Fühlen sich stark: Die Schweizer Nationalspieler – hier Remo Freuler, Renato Steffen und Stephan Lichtsteiner (von links). Foto: Salvatore Di Nolfi (Keystone)

Fühlen sich stark: Die Schweizer Nationalspieler – hier Remo Freuler, Renato Steffen und Stephan Lichtsteiner (von links). Foto: Salvatore Di Nolfi (Keystone)

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Der Dienstagabend im Stade de Genève präsentierte ein paar Momente, die einen Einblick in die Seele des Nationalteams gaben.

Der sehr erlösende Jubel nach dem 1:0 gegen Irland. Die grosse Erleichterung nach dem 2:0 mit dem Schrei von Yann Sommer in die Genfer Nacht. Wie Granit Xhaka dem ausgewechselten Stephan Lichtsteiner die Captainbinde nach der Partie überstreift.

Den passenden Sound zu diesen Bildern lieferten die Nationalspieler später vor den Mikrofonen. Xhaka sagte: «Wir haben uns endlich belohnt.» Haris Seferovic sagte: «Auch die Leistungen zuvor waren meistens stark. Leider sprachen danach alle von den späten Gegentoren.» Sommer sagte: «Es war toll, wie wir bei diesen schwierigen Platzbedingungen aufgetreten sind und dem Druck standgehalten haben.»

Likes gibt es nicht so schnell

Zu sehen, zu hören und zu spüren war bei allen Fussballern eine eigentümliche Mischung aus Stolz und Genugtuung, Zufriedenheit und Erleichterung. Lichtsteiners Aussage, die Mannschaft habe gelitten und sei in diesen schwierigen Zeiten gewachsen, drückte all diese Empfindungen angemessen aus. Und der bald 36-Jährige sprach einen Satz aus, den man als Ankündigung verstehen konnte – oder als Drohung für die Gegner: «Wir werden davon profitieren, dass wir so viel Druck verspürt haben und nicht mit acht Siegen durch die Qualifikation spaziert sind.»

Die Beziehung zwischen Nationalteam und Öffentlichkeit ist kompliziert. So zumindest wäre der Facebook-Status. Likes gibt es nicht mehr so schnell, zu viele Nebenschauplätze und Eitelkeiten, verlorene Achtelfinals und Kommunikationspannen haben zur schleichenden Zerrüttung geführt. Es ist, wie so oft, eine Frage der Wahrnehmung. In den Medien, in den Wohnzimmern und an den Stammtischen hat die Auswahl an Kredit verloren. Ein letztlich zwar souveränes, aber eben dennoch irgendwie ­erzittertes 2:0 gegen das biedere Irland ändert daran nichts.

Die Spieler ringen deshalb um Anerkennung, sie finden sich besser als weite Teile der Beobachter. Und es gibt ja Statistiken, die belegen, wie erfolgreich ­diese Auswahl ist.

Keine andere europäische Nation hat an der WM 2014 und an der Euro 2016, an der WM 2018 und an der Nations League die Vorrunde überstanden. 21 Vertreter aus Europa erreichten an den letzten drei Turnieren den Achtelfinal – aber nur Frankreich, Belgien und die Schweiz dreimal. Das schaffte nicht Deutschland. Nicht Italien. Nicht Holland und nicht Spanien, Portugal, England. Und schon gar nicht all die anderen.

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Die tolle Heimbilanz

Die Nationalmannschaft hat sich auf respektablem Niveau etabliert. Sie gibt sich in Pflichtspielen keine Blösse gegen Aussenseiter. Sie fasziniert an guten Abenden mit spektakulären Auftritten wie beim 5:2 gegen den Weltranglistenersten Belgien. Und sie ist an normalen Abenden in der Lage, die unbequemen Iren trotz Hochdrucklage zu bezwingen. «Die Mentalität und die Moral des Teams», und das sagt nun Trainer Vladimir Petkovic, «sind bemerkenswert. Es hat seine Leistung immer gebracht, wenn es wirklich darauf ankam.»

So kann man das sehen. Wenn man Nationaltrainer oder Nationalspieler ist. Man kann aber genauso gut sagen: Das Nationalteam hat sein Versprechen, ­endlich einen Achtelfinal zu ­gewinnen, noch nicht eingelöst.

Denn wahr ist eben auch: Gleich 13 europäischen Nationen gelang das an den letzten drei Turnieren. Darunter nicht nur prominenten Fussballländern. Sondern auch Wales, Island, Polen, Schweden, Russland. Und einen Lauf wie die Portugiesen an der EM 2016 oder die Kroaten an der WM vor einem Jahr legten die Schweizer erst recht nicht hin.

Darum sind sie erstaunliche Meister der Konstanz. Darum stehen sie in der Weltrangliste seit langem in den Top 12 – vor Ländern wie Deutschland und Italien. Aber darum sie sind auch weiter im Mittelmass gefangen.

Die Schweiz ist zäh und nur schwer zu bezwingen. Aber es fehlt der Ausreisser, der historische Auftritt. Der Sieg im Achtelfinal.

Es ist dieser Widerspruch, mit dem die Auswahl kämpfen muss. Bei niemandem zeigt sich das mehr als beim Chef. Petkovic ist mit einem immer noch aus­gezeichneten Punkteschnitt von 1,83 der beste Schweizer Nationaltrainer der Geschichte.

Er verlor zwar gleich das erste Spiel 0:2 gegen die Engländer, das war vor fünf Jahren in der EM-Qualifikation 2016. Seither aber blieb die Schweiz in 15 Pflichtpartien zu Hause bei 13 Siegen und dem Torverhältnis von 50:9 ohne ­Niederlage. Sie erreichte unter Petkovic an der Euro 2016 gegen Frankreich ein 0:0 und an der WM 2018 gegen Brasilien ein 1:1. Sie ist zäh und nur schwer zu bezwingen. Aber es fehlt der Ausreisser, der historische Auftritt. Der Sieg im Achtelfinal.

Polen und Schweden hiessen dort die Gegner unter Petkovic, diese zwei verlorenen Partien stehen wie Mahnmale für die ­talentierte Belegschaft. «Wir sind noch lange nicht fertig», sagte Lichtsteiner letzte Woche. Er klang sehr entschlossen.

Spieler als Trainer-Anwälte

Mit Wut und mit Mut spielten sich die Schweizer am Dienstag schon mal interessante Perspektiven frei. Viele Leistungsträger sind noch im besten Fussballeralter oder sogar entwicklungsfähig. Unselige Debatten über Doppeladler oder Captainamt jedoch schweben über dem Team. Befreien davon kann es sich nur mit einem Coup an der Euro 2020.

Das gilt auch für Petkovic. Gleich alle vier grossen Medienhäuser des Landes warfen letzten Samstag die Frage auf, ob es nicht besser wäre, sich nach dann nach sechs Jahren Zusammenarbeit von Petkovic zu trennen.

Das war zufällig. Und doch kein Zufall. Am Dienstag in Genf exponierten sich die Nationalspieler als Anwälte Petkovics. «Ich habe mich noch nie mit einem Trainer so gut verstanden», sagte Xhaka. «Er ist im Team sehr beliebt.» Und Lichtsteiner meinte, er verstehe nicht, wieso der Trainer so negativ bewertet werde. «Man muss seinen Vertrag unbedingt verlängern.»

Das sehen nicht alle so. Aber dass sich Coach und Spieler gerade derart unverstanden fühlen, muss kein schlechtes Zeichen sein. Vielleicht war der Abend in Genf vorgestern nur ein Vorgeschmack auf die Euro im nächsten Sommer – wenn Petkovic und seine Mannschaft mit all der Kraft und Energie aus ihrer ­zuweilen merkwürdigen Wagenburgmentalität den ganz ­grossen Wurf landen wollen.


Dritte Halbzeit – der Tamedia Fussball-Podcast

Die Sendung ist zu hören auf Spotify, bei Apple Podcasts oder direkt hier:

Erstellt: 16.10.2019, 22:02 Uhr

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