Der Künstler fordert Fleiss beim FCZ

Die Zürcher tun sich schwer, ihre hohen Ansprüche zu erfüllen. Sportchef Thomas Bickel erklärt die Probleme vor dem YB-Spiel.

Wohlfühlen beim Cappuccino im Ristorante: Thomas Bickel. Foto: Raisa Durandi

Wohlfühlen beim Cappuccino im Ristorante: Thomas Bickel. Foto: Raisa Durandi

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Als Ludovic Magnin Trainer des FC Zürich wurde, verkündete er: «Ich will unberechenbar sein, ich will, dass keiner weiss, wie wir spielen.»

18 Monate ist das her. Jetzt sitzt Thomas Bickel im Certo, eine knappe Zigarettenlänge von seinem Arbeitsplatz hinter dem Stauffacher entfernt. Er hat lange geredet, und es geht gegen Mittag zu, als er sagt: «Der FCZ ist unberechenbar. Wer ihm zuschaut, wird auf die Probe gestellt.»

Bickel ist seit gut drei Jahren Sportchef, er ist nach dem Abstieg des FCZ aus der Super League gekommen. Er bildet mit seiner kontrollierten Art das Gegengewicht zu Präsident Ancillo Canepa und Trainer Magnin. Das tut dem Verein gut, auch wenn Bickel für sich selbst noch immer die Balance sucht: Er will seinen kritischen Blick nicht verlieren und doch mehr Begeisterung zeigen. Seine Teenager-Kinder haben ihm schon gesagt, er könne einem die gute Laune verderben. Dabei will er nur, dass sie Regeln einhalten. Im Oktober wird er 56.

Ist Magnin der richtige Trainer? «Der Wunsch ist, dass er bleibt», sagt Bickel.

Der FCZ versteht sich als Spitzenclub. Ein Europacupplatz soll es diese Saison geben, auf jeden Fall. Darum hat die Führung um Canepa und Bickel an der Besetzung der Mannschaft gearbeitet und fünf neue Spieler geholt, die meisten für zentrale Positionen.

«Wir haben vor der Saison ein gutes Gefühl gehabt, wir sind von unseren Spielern überzeugt», betont Bickel. Genau darum ist die Kommunikation des Saisonziels mit Euphorie vorgetragen worden. «Es ist gut, eine mutige Erwartungshaltung zu haben», sagt Bickel, aber ihm, dem Realisten, ist auch bewusst: Die Fallhöhe ist entsprechend gross.

Der Fussball soll mutig sein

Der FCZ ist nicht wie ein Spitzenclub in diese Saison gestartet. Seine Resultate stehen für den Knorz: 0:4, 0:0, 1:3, 2:2, 2:1, 2:1. Dass der FCZ dreimal innert sechs Tagen nicht verloren hat, tut ihm schon gut. Er ist wenigstens nicht mehr Tabellenletzter und im Cup eine Runde weiter.

«Klar», sagt Bickel, «wir sind mit dem, was wir aktuell in der Meisterschaft erreicht haben, nicht zufrieden.» Die Zahlen sprechen nicht für den Trainer. Von den letzten 28 Meisterschaftsspielen seit dem vergangenen November hat der FCZ noch 7 gewonnen. Der November ist das Stichdatum, weil er damals beim 5:2 in Luzern zum letzten Mal überzeugend gewann, mit einem Fussball, wie ihn sich die Chefs vorstellen.

Mutig soll dieser Fussball sein, bewusst mit Risiken gespielt, offensiv, vertikal. Die Ballzirkulation soll gut sein. So sagt das Bickel. Das 1:0 von Marco Schönbächler gegen Xamax war ein Beispiel dafür. Bickel geht es ebenso um nüchterne Prinzipien, um das Verhalten in der Defensive, gerade bei stehenden Bällen, um das Umschaltspiel. Dem Künstler, der er einst als Nationalspieler war, geht es um die Arbeit, um den Fleiss auf dem Trainingsplatz. In dieser Beziehung bleibt für Magnin und Mannschaft viel zu tun.

Die Ausbildung ist ein Geschäftsmodell

Bickel will Fortschritte sehen, und wenn er das tut, kann er am Ende der Saison auch mit einem 4. Platz zufrieden sein. Vorerst gelten Sätze, wie sie typisch sind für ihn: «Die Mannschaft wird sich finden, das ist meine Überzeugung. Wir dürfen nichts schönreden, aber auch nichts dramatisieren. Wir dürfen nicht nervös werden.»

Der FCZ will seine Identität aus der Ausbildung beziehen. Er will für junge Spieler stehen, die er geformt und für gutes Geld verkauft hat. Dafür hat er genug Beispiele: Ricardo Rodriguez, Mehmedi, Dzemaili, Elvedi, Sow … Es sind Namen, die verpflichten. Die Jungen von heute heissen Rüegg, Charabadse, Mirlind Kryeziu, Sohm, Domgjoni oder Omeragic, der mit 17 der Jüngste von ihnen ist.

Die Ausbildung ist ein Geschäftsmodell. In dieser Beziehung ist der FCZ wie viele andere Clubs. Er hat Tradition, er hat einen Namen, der in den letzten zwei Jahrzehnten für drei Meistertitel und fünf Cupsiege steht. Aber auch er kann sich nicht schöner machen, als er ist. Er spielt nicht international und hat für Transfers kaum richtig Geld zur Hand.

Mentale Stärke versus fussballerische Klasse

Der FCZ muss sich die Schnäppchen suchen. International liegt Afrika noch in seiner Gewichtsklasse, hier fand er in den letzten Jahren Moussa Koné (heute in Dresden) und Stephen Odey (Genk). Oder die Regionalliga tut das, von Wolfsburg II übernahm er im Sommer Blaz Kramer. Der Stürmer ist gross, kräftig, jung. In sechs Einsätzen ist ihm noch kein Tor gelungen. Bickel übt sich bei ihm in Geduld. Für ein Urteil sei es noch zu früh.

Nathan, Denis Popovic und Mimoun Mahi sind von Erfahrung und Position her die drei gewichtigen Zuzüge. Nathan ist ein guter Verteidiger, jedoch verletzungsanfällig, Mahi ist ein feiner Techniker, der schon drei Tore erzielt, aber auch schon zwei Elfmeter verschossen hat. Und Popovic ist ein weiteres Beispiel für das Denken beim FCZ.

«Wir haben uns überlegt: In welche Richtung wollen wir gehen?», erzählt Bickel. Es gibt Spieler mit ausgeprägter mentaler Stärke oder Spieler mit mehr fussballerischer Klasse. Am besten wäre beides, aber weil beides nicht möglich war, fiel die Wahl auf «den verkappten Zehner», wie Bickel über Popovic schon sagte.

Was der Mannschaft darum fehlt, ist der Spieler, der auch einmal eine Portion Aggressivität auf den Platz bringt und in gewissen Phasen die Dynamik steuern kann. Von Mentalitätsspielern wird dann gerne geredet. «Ein solcher könnte uns guttun», sagt Bickel, «aber wir dürfen nicht das sehen, was wir nicht haben. Wir müssen unsere Stärken forcieren.»

Die Chance in Bern

Eine Woche hat der FCZ nun Ruhe und Zeit gehabt, um sich auf die Aufgabe von heute bei YB vorzubereiten. Bickel erwartet ein «sehr spannendes Spiel». Und: «Es ist ein Spiel, in dem sich der Trainer, der Staff und die Mannschaft profilieren können.» Die grosse Frage heisst: Hat Magnin die richtigen Schlüsse aus dem schwerfälligen Start gezogen?

Magnin trifft sich jede Woche zum Austausch mit der Sportkommission, in der auch Präsident und Sportchef sitzen. Da zählt nicht das Schulterklopfen, sondern die kritische Analyse. «Da kann es schon einmal emotional werden», sagt Bickel. «Es geht darum, dass wir alles für den Sieg machen.»

Der Vertrag von Magnin mit dem FCZ läuft Ende Saison aus. Er selbst kennt die Mechanismen: Ein Trainer ohne Erfolg hat es schwer, sich zu halten. Die NZZ hat jüngst geschrieben: «Magnin ist bereits angezählt in die neue Saison gegangen.» Im Ristorante hinter dem Stauffacher fragt Bickel: «Was heisst das?» Gegenfrage: Ist Magnin der richtige Trainer?

Bickel sagt: «Der Wunsch ist, dass er bleibt. Denn wir gehen von einer Entwicklung aus. Das ist die Überzeugung, keine ­Floskel.»

Erstellt: 24.08.2019, 16:08 Uhr

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