Fussball

Der Präsident, der wieder geniessen kann

Für das letzte Spiel seines Abstiegsjahres fährt der FC Zürich am Montag zum FC Winterthur. Er tut es als unangefochtener Leader und wird erwartet von 9400 Zuschauern.

Im Letzigrund hat Ancillo Canepa schon einige Höhen und Tiefen erlebt; nächstes Jahr will er seinen FCZ wieder in der Super League spielen sehen.

Im Letzigrund hat Ancillo Canepa schon einige Höhen und Tiefen erlebt; nächstes Jahr will er seinen FCZ wieder in der Super League spielen sehen. Bild: Keystone

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Die erste Hälfte des Jahres 2016 war für Präsident Ancillo Canepa und seinen FCZ eine Pein: Sie stiegen in die Challenge League ab, von sehr viel medialer Häme begleitet. Nicht mal den Cupsieg konnten sie wirklich geniessen. Jetzt, ein halbes Jahr später, sind sie auf dem besten Weg zurück in die Super League, ungeschlagen in 20 nationalen Pflichtspielen und selbst international überraschend gut. Gestern Freitag allerdings kehrten Canepa und seine Delegation von ihrer letzten Europacupreise des Jahres zurück, der türkische Meisterschaftssiebte Osmanlispor stand ihnen in Ankara vor der Qualifikation für die Sechzehntelfinals der Europa League.

Dennoch durfte Canepa danach sagen: «Es war ein Finalspiel. Allein schon das hat man uns nicht zugetraut.» Er sei «stolz, was unsere Mannschaft und unser Trainerstab in dieser Europacupsaison erreicht haben». Wenig fehlte und Canepa hätte sein Jubiläum mit einem grösseren Erfolg feiern können: Morgen Sonntag ist es zehn Jahre her, dass er als Nachfolger von Sven Hotz zum Präsidenten gewählt wurde. Aber neben Meistertiteln und Cupsiegen in dieser Zeit gab es eben auch diesen Abstieg.

Doch davon scheinen sich Ancillo und seine Ehefrau Heliane, die Mehrheitsaktionäre des FCZ, genauso erholt zu haben wie die Mannschaft. Natürlich soll der Umweg durch die Challenge League nicht mehr als ein Jahr beanspruchen, aber sie wollen in dieser Zeit auch geniessen – die Atmosphäre, die ihnen so anders vorkommt als in der Super League. Sie sagen, trotz ein paar «heikler Tage» ums Abstiegsspiel im Mai gegen den FC Vaduz hätten sie im Alltag fast nur positive Reaktionen erfahren. «Zu 99 Prozent», sagt Canepa, seien sie «aufgemuntert» worden.

Der FCZ in der Challenge League – das ist natürlich auch etwas Besonderes. Fast 10 000 Zuschauer kamen zu seinen Heimspielen, und in Winterthur werden am Montagabend so viele da sein wie nie mehr seit dem März 1974. Damals durften noch bis zu 13 000 auf die Ränge der Schützenwiese. 12 000 kamen, als der . . . FCZ in seinem ersten Meisterjahr unter dem aus Winterthur gekommenen Trainer Timo Konietzka erschien. 1:1 ging das Spiel zwischen dem Sechsten und dem Leader aus, damit könnten am Montag wohl alle leben.

So blickt Ancillo Canepa aufs turbulente 2016 zurück – und voraus auf eine Zukunft, selbstredend in der Super League.Ancillo Canepa, was ist heute ­Ihre Erinnerung an den Dezember vor einem Jahr? Im Europacup war der FCZ längst nicht mehr, in der Meisterschaft hatte er sich gerade noch auf Platz 9 geschoben, im Cup immerhin war er noch drin.
Ancillo Canepa: Die Stimmung war nicht gut. Aber es herrschte doch die Zuversicht vor, dass wir da hinten noch rauskommen. Das Vertrauen in den Trainer Sami Hyypiä war gross, in seine gute Arbeit und die personellen Mutationen, die vorgesehen waren.

Also hielten Sie damals noch nicht für möglich, was dann kommen sollte – der Abstieg?
Nein.

Ab wann fühlten Sie sich dann wirklich bedroht? Wann begannen Sie zu spüren, dass es mit Hyypiä nicht geht?
Langsam Sorgen machte ich mir sicher ab März, als wir auch Spiele verloren, die man nicht verlieren durfte; als wir uns immer wieder mit Eigenfehlern schlugen und immer mehr in eine Negativspirale gerieten.

Aber an Hyypiä glaubten Sie auch da noch . . .
Ich bin noch immer der Meinung, er ist ein sehr guter Trainer. Die Spieler schätzten ihn. Vom Charakter her war er einer, der von sich aus ging, denn er hatte als Spieler viel in Eigenverantwortung übernommen. Und als ehrliche Haut, die er ist, stellte er dann die Vertrauensfrage. Aber es ist schon so: Die Kommunikation ist einfacher, wenn man beispielsweise mehrere Sprachen spricht.

Als es dann immer schwieriger wurde, haben Sie oft festgehalten, es störe Sie die Häme in mancher Kritik, es werde zu sehr auf den Mann gespielt. Wenn Sie zurückblicken, was fanden Sie berechtigt an der Kritik – ­beispielsweise, Sie seien ein ­Alleinherrscher?
Das mit dem Alleinherrscher war die dümmste Behauptung. Das Gegenteil ist der Fall, wir arbeiteten immer im Team. Im Nachhinein muss ich gar sagen, ich hätte vermehrt auf mich selber hören sollen, was Transfer- und Kaderplanung betraf.

Und zum Thema fehlender Sportchef?
Wir haben uns 2013, nach dem Abgang Fredy Bickels, neu strukturiert. Da wurde Massimo Rizzo auch Sportmanager. Später wurde Marco Bernet vom Talentmanager zum sportlichen Direktor befördert. Nach einigen Monaten mussten wir dann allerdings erkennen, dass er in diversen Themen des Profifussballs überfordert war. Als wir ihm offerierten, wieder eine wichtige Funktion im Nachwuchs zu übernehmen, empfand er dies als grosse Erleichterung. Als er dann nach einigen Wochen plötzlich absagte, war ich schon sehr überrascht.

Zurück ins Frühjahr – der ­Abstieg und der Cupsieg gleich ­danach. Was waren die ­härtesten Momente?
In den letzten paar Wochen der Saison gab es schon einige Tiefpunkte, etwa die klar verlorenen Spiele in Thun und vor allem in St. Gallen. Eigentlich sind wir nicht erst in der letzten Runde gegen Vaduz abgestiegen, sondern schon ein paar Tage vorher in St. Gallen. Und auch der Cup­final, der trotz allem noch ein Höhepunkt hätte werden sollen, wurde wegen eines Teils der Fans zu einem Stimmungskiller.

Was sind die wichtigsten Lehren aus dieser Abstiegserfahrung?
Dass ich mich in Personalfragen wieder vermehrt auf mein eigenes Bauchgefühl verlassen muss. Und dass das richtige Timing von Entscheidungen immer wichtiger wird.

Was waren in diesen Tagen die wichtigsten Entscheide?
Am Tag nach dem Abstieg bin ich mit meiner Frau zusammengesessen, um die Strategie zu bestimmen. Wir haben beschlossen, den sofortigen Wiederaufstieg anzustreben. Das haben wir sofort kommuniziert. Das brachte Ruhe und Sicherheit in den Verein zurück. Als Nächstes besetzten wir die wichtigsten Positionen, nämlich die des Cheftrainers mit Uli Forte und des Leiters Sport mit Thomas Bickel.

Und wie gings weiter?
Dann gingen wir gemeinsam an die Kaderplanung. Wir wollten nur Spieler halten beziehungsweise holen, die das Projekt «sofortiger Wiederaufstieg» bedingungslos unterstützen wollten. Die Neuen haben wir nach spezifischen Kriterien ausgesucht: fussballerische Kompetenz, Professionalität, Charakter und Erfahrung.

Das kostet aber auch Geld. An jener Pressekonferenz zwischen Abstieg und Cupfinal sprachen Sie von einem Aufstiegs- und nicht von einem Super-League-Budget. Das Budget 2016/17 konnte also höher sein als das 2015/16. Ist es das?
Der Aufwand in diesem und im vergangenen Jahr ist plus/minus gleich. Allerdings sind die Einnahmen in dieser Saison bedeutend tiefer.

Haben Sie damals für möglich gehalten, wie schnell sich die Stimmung um den FCZ und Sie wandeln kann? Heute ist ja fast alles wieder in Minne . . .
Dass wir spielerisch und auch mit dem komplett neuen Staff eine gute Ausgangslage geschaffen hatten, ahnte ich schon. Forte hat die Mannschaft auch schnell erreicht. Und wie schnell die Stimmung im Umfeld des FCZ dann kehrte, ist vielleicht auch darauf zurückzuführen, dass wir eben sofort wieder aufgestanden sind und rasch ein Motto «Jetzt erscht rächt» kommuniziert haben.

Also ist festzustellen, ein ­Abstieg habe, so schmerzhaft er auch sein mag, nicht nur ­negative Seiten?
So eine Situation gibt natürlich auch Raum für tiefgreifende Veränderungen. Und diese Chance haben wir genutzt.

Und Sie persönlich – sind Sie nicht etwas gelassener geworden, haben Sie zuvor nicht doch zu wenig Kritik zugelassen?
Es zeigt einem, dass es noch anderes gibt als Fussball. Und was die Kritik betrifft: Wie gesagt, werde ich bei Personalfragen oder bei der Kaderplanung vermehrt auf mein Bauchgefühl hören. Immerhin wurden wir während meiner Präsidialzeit zweimal Schweizer Meister, zweimal Cupsieger, spielten einmal in der Champions League und mehrmals in der Europa-League-Gruppenphase. Auch im Nachwuchs und im Frauenfussball haben wir zahlreiche Titel geholt. Und klar ist: Ohne uns, meine Frau und mich, gäbe es den FCZ in dieser Form nicht mehr.

Wo soll dieser FCZ in einem Jahr stehen?
Wieder in der Super League. Und dort wollen wir uns nach oben orientieren.

Wo soll dieser FCZ in fünf, zehn Jahren stehen?
Wir werden uns weiterhin hohe Ziele setzen. Wo wir dann genau stehen werden, weiss ich natürlich nicht. Aber ich hoffe, weit oben . . .

Und das mit einem auch durch diesen Zwischenhalt in der Challenge League ­geläuterten Präsidenten?
Zumindest mit einem an Erfahrung reicheren Präsidenten. Die Challenge League ist insofern auch eine gute Erfahrung, als dass die Stimmung bei allen unseren Spielen – ob zu Hause oder auswärts – ausgesprochen positiv ist.

Zum letzten Spiel eines turbulenten Jahres fahren Sie nun erstmals als FCZ-Präsident nach Winterthur . . .
Ich komme extrem gerne nach Winterthur, denn nach dem FCZ war der FCW als Bub immer mein Lieblingsklub Nummer 2. Aus Rüti kommend, bin ich dann auch ab und zu auf die Schützenwiese gegangen, vor allem dann, wenn der FCZ dort spielte.

Erstellt: 09.12.2016, 23:18 Uhr

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