Der Videobeweis ist ein Kraftakt für den Schweizer Fussball

Erst am Mittwoch hat die Super League grünes Licht erhalten: Der VAR darf eingeführt werden. Das neue System wird die Schiedsrichter fordern.

Fifa-Schiedsrichter Sandro Schärer erklärt, was sich auf diese Saison hin geändert hat. (Video: Anthony Ackermann, Adrian Panholzer, Fabian Sangines, Andrea Luca Späth)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

So also sieht der Beweis aus. Nein, nicht der Videobeweis. Der Beweis, dass auch modernste Technik, zehn Monate Vorbereitung und motivierte Mitarbeiter Fehler nicht verhindern können.

Sandro Schärer ist sich absolut sicher. «Ball am Kopf – Eckball!», ruft der Schiedsrichter in sein Headset, das ihn mit seinen Assistenten rund um das Feld und mit dem Video-Kontroll­zentrum (VOR) verbindet. Dort, 170 Kilometer Luftlinie vom Tourbillon entfernt, sitzen drei Männer vor fünf Bildschirmen in einem überraschend hell und luftig gestalteten Raum.

Ist es tatsächlich Eckball?

Eigens gezogene Glasfaserkabel jagen die TV-Bilder von Sitten zum Video-Assistenten (VAR). An dessen Seite sitzen der Assistent des Video-Assistenten (AVAR) und der Techniker, der die Bilder präsentiert. Ein frisch angeschafftes Kommunikationssystem sorgt dafür, dass sich auch alle akustisch verstehen. Also ist Schärers Ruf «Eckball!» glasklar zu hören in Volketswil, im Gebäude der Produktionsfirma von Teleclub, die von jedem Spiel der Super League Bilder liefert.

Und jetzt passiert, was laut Drehbuch nicht passieren sollte an diesem Besuchstag der Medien, an dem zugleich der Testlauf für das Tourbillon stattfindet. Der VAR überprüft die Situa­tion nicht. Er bestätigt bloss nach Blick auf die erste Wiederholung: «Ja, Kopf, Eckball.» Das ist falsch, aber das wird er erst später bemerken. Da ist es bereits zu spät. Die Einführung des Videobeweises ist ein Kraftakt für den Schweizer Profifussball. Liga-Präsident Heinrich Schifferle stellt bei seiner Präsentation irgendwann fest: «Jetzt habe ich sicher zehnmal das Wort ‹intensiv› verwendet.» Und gebraucht es dann gleich noch einmal.

1,5 Millionen jedes Jahr

Jedes der zehn Stadien der Super League muss vor dem Saisonstart mit einem Spiel über 90 Minuten abgenommen werden. 120 Partien hat die Swiss Football League seit Oktober 2018 durchgeführt. An gewissen Tagen spielten U-18-Teams pausenlos Testmatchs. Anders waren die sehr detaillierten Vorgaben nicht zu erfüllen, die der Weltfussballverband (Fifa) und das internationale Regelboard (Ifab) stellen, bevor sie einer Liga erlauben, den VAR einzuführen.

1,5 Millionen Franken hat der Schweizerische Fussballverband alleine für diese Einführungs­periode bezahlt. 1,5 weitere Millionen Franken wird der VAR die zehn Clubs der Super League in jeder Saison kosten.

Der Fall ist klar

Auch an diesem Mittwoch sitzen zwei Fifa-Vertreter in Volketswil, um zu prüfen, ob alles nach Vorschrift läuft. Sie wirken ungerührt, als schliesslich die Bilder der Hintertorkamera auf den Schirmen erscheinen. Zu sehen ist, dass der Ball den Verteidiger an der hochgestreckten Hand trifft – und das erst noch im Strafraum. Da gibt es keine zwei Meinungen: Es hätte einen Penalty geben müssen.

Elfmeter gehören zu den bloss vier Situationen, die der VAR überhaupt überprüfen darf. Beziehungsweise muss. Die anderen drei sind Tore, direkte Platzverweise (Gelb-Rote Karten fallen nicht darunter) und Fälle, in denen der Schiedsrichter dem falschen Spieler eine Karte zeigt.

In der Szene in Sion hätte der VAR dem Schiedsrichter zwingend eine Überprüfung vorschlagen müssen. Der Mann auf dem Platz hat zwar die letzte Entscheidungsgewalt. Und er kann einen «Check» ablehnen. Aber das dürfte kaum einmal vorkommen. Nein, Schärer hätte sich im optimalen Fall die Situation noch einmal an einem Bildschirm am Spielfeldrand angeschaut – und dann auf Elfmeter entschieden.

Auf den Entscheid von Fifa und Ifab hat das Malheur am Mittwoch keinen Einfluss. Die Liga hat bereits am Morgen grünes Licht für die Einführung des VAR erhalten. Immerhin etwas mehr als 48 Stunden vor der Premiere des Videobeweises beim Spiel Sion gegen Basel.

Am TV sieht der Fan mehr

Wenn der VAR dann wirklich ins Geschehen eingreift, wird der Zuschauer zu Hause am TV deutlich mehr Informationen erhalten als der Fan im Stadion. Während Teleclub und SRF in ihren Live-Übertragungen zeigen dürfen, was sich VAR und Schiedsrichter anschauen, werden im Stadion nur Grafiken angezeigt. Dort steht erst, was gerade überprüft wird – und danach, was entschieden wurde.

Möglich, dass die Liga in Zukunft dem Stadiongänger mehr bieten kann. Vorerst fehlen ihr dazu nicht zuletzt die finanziellen Mittel. Die knappe Kasse ist auch schuld daran, dass es in der Super League keine Torlinientechnologie gibt. Und keine kalibrierten Offside-Linien.

Wunder solle vorerst sowieso niemand erwarten, sagt Projektleiter Hellmut Krug: «Die neue Aufgabe ist für die VAR ein Stress. Wir tasten uns heran.»


Dritte Halbzeit – der Tamedia Fussball-Podcast

Die Premieren-Sendung ist zu hören auf Spotify, bei Apple Podcasts oder direkt hier:

Erstellt: 18.07.2019, 06:17 Uhr

Nur noch vier Plätze in Europa

Die miesen Schweizer Resultate in den europäischen Wettbewerben wirken sich auf die Super League aus. In der neuen Saison spielen die Clubs noch um vier statt um fünf Europacup-Plätze. Ausserdem darf nur noch der Meister in der Qualifikation zur Champions League starten, wo er im Sommer 2020 drei Qualifikationsrunden überstehen muss statt wie derzeit eine. Zudem ist der Cupsieger nicht mehr direkt für die Gruppenphase der Europa League gesetzt, sondern muss zwei Qualifikationsrunden überstehen. (fra)

Artikel zum Thema

Videobeweis kommt in der Schweiz ohne Torlinientechnik

Video Ab kommender Saison sind in der Super League Video-Assistenten im Einsatz. Die Liga nimmt aber aus finanziellen Gründen Abstriche in Kauf. Mehr...

VAR-Tests: Ohne Fleiss kein Video-Beweis

Video In Thun spielen Teenager zehn Stunden lang ohne Unterbruch vor leeren Rängen, aber mit voller TV-Abdeckung. So bereiten sich Schweizer Schiedsrichter auf die Video-Assistenten vor. Mehr...

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Haben Sie etwas Spannendes gesehen oder gehört?
Schicken Sie uns ihr Bild oder Video per E-Mail an webredaktion@zuonline.ch oder informieren Sie uns telefonisch unter der Nummer 044 854 82 14. Mehr...

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Haben Sie etwas Spannendes gesehen oder gehört?
Schicken Sie uns ihr Bild oder Video per E-Mail an webredaktion@zuonline.ch oder informieren Sie uns telefonisch unter der Nummer 044 854 82 14. Mehr...

Inserieren

Anzeigen online aufgeben
Inserate einfach online aufgaben

Kommentare

Bonus-Angebote

Bonus-Angebote

Alle Bonus-Angebote im Überblick.