Der einzig richtige Entscheid

Der Abgang von GC-Präsident Stephan Anliker ist die letzte Chance, den Club vielleicht noch zu beruhigen, um den Abstieg aus der Super League zu verhindern.

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Nach ein paar Minuten braucht Stephan Anliker einen Schluck Wasser. Er «schnorre» zu viel, sagt er, «ich habe einen trockenen Mund». Er hat auch viel zu sagen an diesem Montagnachmittag in einem Saal des vornehmen Kaufleuten. Draussen ist es frostiger geworden. Drinnen muss und will Anliker erklären, warum er umgehend als Präsident der Grasshoppers zurücktritt und einem neuen Mann Platz macht, der am Mittwoch vorgestellt wird. «Ich bin nicht mehr der richtige Mann», betont er.

Selten hat Anliker besser gelegen als mit dieser Einschätzung. Unter ihm haben sich die Grasshoppers Schritt für Schritt mehr verirrt – bis sie das geworden sind, was sie jetzt sind: ein einst grosser Club, der ein desaströses Bild abgibt und in der aktuellen Verfassung auf direktem Weg in die Challenge League ist.

Anliker, mit der kräftigen Figur des Diskuswerfers und Kugelstössers, der er einst war, hat immer sein Bestes gegeben, seit er am 12. Februar 2014 definitiv die Nachfolge von André Dosé antrat. Er war nie der glänzende Verkäufer seiner selbst wie der frühere Swiss-Chef, dafür fehlt ihm die rhetorische Geschmeidigkeit. Den Club wollte er «wie ein sozialer Patron» führen. Es ist ihm nicht gelungen, zumindest nicht mit spürbarer Wirkung. In seiner Zeit sind die personellen Rochaden zu einem konstanten Begleiter geworden. Er verbrauchte vier Sportchefs, und Tomislav Stipic ist bereits der sechste Trainer. Dazu gingen 71 Spieler, und 96 kamen. Von Kontinuität redete er gerne, aber sie ist unter ihm immer ein Fremdwort geblieben.

Den Club nicht fallen lassen

Obwohl Architekt in Langenthal, fühlt er sich den Grasshoppers emotional verbunden. Er hat darum viel gemacht für sie, vor allem viele Millionen Franken gezahlt. Zuletzt waren es allein wieder 3 Millionen, um zusammen mit Peter Stüber, dem anderen 47-Prozent-Aktionär, die dringend nötig gewordene Kapitalerhöhung von 6 Millionen zu tragen. Es ist sein Bekenntnis zu seiner Rolle als Aktionär, er will den Club nicht fallen lassen. «Wir Aktionäre bekennen uns zu GC», sagt Anliker, «wir würden auch bei einem Umweg über die Challenge League an GC glauben.»

Abstieg – es ist das schlimmste Szenario, das es für einen Verein wie die Grasshoppers gibt. Was die Perspektiven für den Club dann seien, wird Anliker gefragt. Das könne er im Moment nicht sagen, antwortet er und schiebt nach: «Die Perspektive ist Challenge League.» Vielleicht ist das auch nur ein Versprecher.

Um den drohenden Fall noch abzuwenden, geht er. Er setzt auf eine «andere, frische Person», er sagt: «Es braucht eine Person, die es besser machen kann als ich.»

Es ist noch so ein Satz von bemerkenswerter Offenheit, und er steht für die Erkenntnis, dass er in dieser Situation nicht mehr geeignet ist für dieses Amt. Er hat nicht mehr die Kraft, um sich den Angriffen auszusetzen, die aus seiner Sicht «teilweise berechtigt» gewesen sind und «teilweise nicht». Er ist nicht mehr so belastbar, wie er das einmal war. Er fühlt die Verantwortung gegenüber seiner Firma, seiner Familie und sich selbst. Darum kann er auch nicht hinstehen und den Spielern sagen: «Kommt Giele! Gottfriedstutz, wir steigen nicht ab!» Gut, sagen könnte er es schon, aber nicht mit der nötigen Überzeugung. Die Bilanz ist schlecht

Anliker, 61-jährig, ist ein freundlicher Mann, aber er ist ein erfolgloser Präsident geworden. Da mag er noch lange auf das Ja des Stimmvolkes für ein neues Fussballstadion im vergangenen November hinweisen, auf die interne Organisation, auf die finanzielle Sicherheit, die dank ihm und dem schwerreichen Autohändler Stüber bis mindestens zum Ende der kommenden Saison gewährleistet sei.

Fakt ist: Die sportliche Bilanz ist so schlecht wie die Aussendarstellung von GC. Zu Anlikers Amtszeit gehören die zerstörerischen Machtkämpfe vor einem Jahr genauso wie die Pyroattacken eines Mobs, der sich im Schlepptau von Blau-Weiss bewegt, vor zehn Tagen in Sitten. Darum ist Anliker auch zur Belastung geworden für den Verein und selbst zur Einsicht gelangt, sein Rückzug könnte die Lage beruhigen.

Vor einem Monat wollten Tagesanzeiger.ch und 20min.ch in einer Umfrage wissen, wer denn bei GC in der Krise das grösste Problem sei: Präsident Anliker, CEO Manuel Huber, Sportchef Mathias Walther oder Trainer Thorsten Fink. Über 4600 Personen machten innert kurzer Zeit mit, das sind nicht viel weniger, als durchschnittlich bei einem Heimspiel im Letzigrund auftauchen. «Alle müssen weg!», forderten 47 Prozent.

Treuebonus für Huber

Inzwischen hat der personelle Umbruch bereits stattgefunden – und das mitten im Abstiegskampf. Walther und Fink mussten vor drei Wochen als erste Verantwortliche für ein konfus zusammengestelltes Kader und für eine Serie an Misserfolgen gehen. Mit Anlikers Entscheid verbunden ist auch der Abschied von Huber auf das Saisonende.

Am ersten Tag von Anliker als Präsident wurde Huber zum CEO befördert. Anliker drückte zudem gegen interne Widerstände durch, dass Huber nach fünf Jahren einen Treuebonus von 250'000 Franken erhält. Seither hat er sich in seiner Nibelungentreue zu ihm verloren. Selbst im Communiqué vom Montag betont Anliker, der Club sei unter Huber gut geführt.

Vor gut zwei Wochen verloren die Grasshoppers daheim gegen die Young Boys durch einen Treffer in allerletzter Sekunde. Anliker redet im Rückblick von seinem «Knackpunkt». Denn damals fragte er sich: «Ziehe ich das Pech an?» Und kam zur Antwort: «Jetzt muss etwas geschehen.» Darum wird am Mittwochvormittag am gleichen Ort, an dem Anliker seinen Entscheid erklärte, der Nachfolger vorgestellt. Das wird, so der Club in seiner Mitteilung, «ein erfahrener Wirtschaftsführer mit umfangreichen Kenntnissen als CEO und Verwaltungsrat» sein.

Das deutet nicht unbedingt darauf hin, dass ein Fussballkenner einsteigt. Waghalsig muss er jedenfalls sein, GC in einer solchen Situation zu übernehmen. Sein wichtigster Mitarbeiter wird bis Ende Saison Huber sein.

Erstellt: 25.03.2019, 12:18 Uhr

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