Winterthur

Gewonnen ist erst ein Kampf

Der vom Konkurs bedrohte FC Wil konnte den Kopf gerade noch aus der Schlinge ziehen. Jetzt gilt nur noch eines: diese Arbeit nicht gleich wieder zumindest teilweise zunichte ­zumachen, indem man aus der Challenge League absteigt.

Mit Maurizio Jacobacci als neuem Trainer versucht der FC Wil, den Ligaerhalt zu schaffen.

Mit Maurizio Jacobacci als neuem Trainer versucht der FC Wil, den Ligaerhalt zu schaffen. Bild: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Die Welt des FC Wil war noch völlig in Ordnung, als er am vergangenen 23. Oktober, einem kühlen Herbstsonntag, das Derby gegen den FCW 5:1 gewann. Martin Rueda, erst seit gut einem Monat Trainer des FC Wil und mit einem 0:3 in . . . Winterthur gestartet, fühlte sich auf gutem Weg. Er rühmte die Bedingungen in Wil, wie er im stadionnahen Hotel logierte; und als Tabellenzweiter wirkte die Mannschaft nun auch einigermassen auf dem Weg, die überreichlich fliessenden türkischen Geldquellen halbwegs vernünftig zu nutzen. Die Leistung der Winterthurer des Sven Christ war an jenem Tag zwar sehr bescheiden, aber noch immer lagen sie auf Platz 5, konnte sich kaum einer vorstellen, wie die Fortsetzung sein würde.Sie war so: Christ gewann acht weitere Spiele nicht und wurde im Februar entlassen. Und unter der Führung seiner Nachfolger Umberto Romano und Dario Zuffi darf sich der FCW nun zwar auf einen Cup-Halbfinal gegen den FC Basel freuen, aber aus der Perspektive eines Vereins, der als Tabellenletzter nominell der Abstiegskandidat Nummer 1 ist.

13 Spiele ohne Sieg

Doch das ist nichts im Vergleich zu dem, was sich in Wil zutrug – wo nichts weniger als die Existenz des Vereins in höchste Gefahr geriet. Das überschattete das sportliche Wirken, und wenn die Wiler heute auf die Schützi kommen, beginnt mit Maurizio Jacobacci schon Ruedas zweiter Nachfolger sein Wirken. Immerhin, er kann sich ganz auf den sportlichen Abstiegskampf konzentrieren, denn seit ein paar Tagen steht fest, dass die Wiler den finanziellen Existenzkampf gewonnen haben. Mitten im sportlichen Abstiegskampf aber sind sie, weil sie seit jenem 5:1 gegen Winterthur kein Spiel mehr gewonnen, neben vier 0:0 aber neun verloren haben.

Also ist der FC Wil zurzeit aus zweierlei Perspektiven zu beurteilen – der finanziellen und der sportlichen.

Der Kampf um die Existenz

Er begann am 8. Februar und dauerte «48 Tage», wie es Roger Bigger (kleines Bild) im Tonfall des Mannes sagt, der jeden dieser schweren Tage gezählt hat. Ende Jahr hatte der türkische Investor Mehmet Nazif Günal ohne Ankündigung seine Zahlungen eingestellt und sich unerreichbar gemacht, nachdem er in anderthalb Jahren sage und schreibe 18 Millionen Franken ins «Projekt FC Wil» investiert hatte. Und man sich dort in der Meinung bestärkt gefühlt hatte, mit dem manchenorts angezweifelten Deal Mitte 2015 richtig gehandelt zu haben.

Roger Bigger, auch im Verwaltungsrat von Günals FC Wil, vorher aber über ein Jahrzehnt lang Wiler Vereinspräsident, trat mit einer Taskforce an, die Rettung zu bewerkstelligen. Als Erstes waren zwingend die ausstehenden Januarlöhne zu begleichen. Das glückte mal in letzter Minute, allerdings unter Umständen, welche die Swiss Football League veranlassten, dem Verein drei Punkte abzuziehen. Der hat dagegen inzwischen Rekurs eingelegt.

Der Kampf, den die Taskforce führte, war hart. Es waren mit allen Spielern und sonstigen Angestellten, also rund 70 Personen, «Lösungen zu finden», wie es offiziell stets hiess, auf dass der Verein mit einem Notbudget von gegen 2,5 Millionen Franken durch den Rest der Saison kommen konnte. Auch das glückte schliesslich, im Schnitt auf rund 60 Prozent belief sich der Lohnverzicht der Spieler. Aber die Topsaläre etwa der Spieler Remi Gomis und Nduka Ozokwo sollen sich auf 50 000 und 70 000 Franken belaufen haben. Und Bigger sprach mal davon, dass doch einer mit einem – reduzierten – Angebot von 7500 Franken die nächsten Monate durchs Leben kommen müsste . . . 5000, 6000 Franken hat auch jetzt wohl jeder der Fussballer.

Der entscheidende Umschwung kam, als sich «regional verwurzelte Unternehmen», wie sie Bigger nannte, bereit erklärten, den Verein «massgeblich zu unterstützen». Einer von ihnen ist, wie er öffentlich kundtat, der Wiler Verleger Rolf-Peter Zehnder. Was für die Leute um Bigger eine Genugtuung war: Sie schafften es ohne Hilfe der Stadt. In «Schweizerhand», wie sie es in der Taskforce sagen, sind jetzt auch wieder sämtliche Aktien.

Bigger selbst allerdings geriet nicht wenig in die Kritik, kurz gesagt als jener Mann, der sich beim Verkauf des Vereins persönlich bereichert habe und nun um die Hilfe Dritter bettle. Dagegen hat er sich entschieden verwahrt, denn die 7 Millionen Franken, die ehedem von Günal für die Aktien flossen, seien auf zehn Aktionäre verteilt worden. Auf gut 600 000 Franken soll sich damals Biggers Anteil belaufen haben.

Natürlich müssen sich die Wiler um Bigger auch vorwerfen lassen, sie hätten sich vom Geld und den von den Türken grossspurig genannten Zielsetzungen blenden lassen. Heute sagt Bigger – und spricht von Günal: «Wenn jemand nicht integer und ehrlich ist, nützen die besten Verbindungen, die besten Namen nichts.» Und: auch nicht die Kontrollen durch noch so prominente Anwälte. Bigger weist aber auch auf die inzwischen markant veränderte politische Grosswetterlage um die Türkei des Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan hin. Ob dies beim Rückzug eine Rolle spielte oder ob sich Investor Günal und seine Emissäre im Fürstenland zu wenig wertgeschätzt fühlten – wer weiss es schon.

Biggers (Neben-)Rolle. Es geriet auch Biggers Rolle als Finanzchef der Liga ins Zwielicht. Er sei, zumal wenn es um den FC Wil gegangen sei, stets «im Ausstand» gewesen, sagt er. Dass er in Wil anders gesehen wird als wohl manchenorts draussen im Land – darauf weist doch hin, dass ihm und seinen Mitstreitern gelang, den Verein zu retten. Am Ende einer Zeit des ausgesprochen ungesunden Luxus, von dem viele profitierten – wie etwa Klubs, die Spieler (viel zu) teuer nach Wil verkaufen konnten. Wie der FC Aarau für über 700 000 Franken den Nachwuchsmann Marvin Spielmann.

Das Frühjahr ist finanziell also gesichert, die Wiler gehen gar davon aus, die Lizenz für die neue Saison zu erhalten. Die Rede ist dannzumal von einem Budget in der Höhe von 2,5 Millionen Franken. Und wenn er gefragt wird, wo der FC Wil in zwei, drei Jahren stehen soll, dann sagt Bigger: «Dort, wo er immer stand zu meiner Zeit als Präsident: in der Challenge League.» Welche Rolle er spielen wolle, als Präsident? «Das kann ich nicht sagen.»

Der Kampf gegen den Abstieg

Mag der eine Kampf also bestanden sein, so beginnt der andere heute endgültig: der um den Klassenerhalt. Mit einer Mannschaft, die im Vergleich zu jener des Herbsts an Substanz verloren hat – durch prominente Abgänge noch zur Winterzeit und dann welche in den «48 Tagen» der Lösungssuche. Seit vergangenem Dienstag ist auch nicht mehr der ehemalige Torhütertrainer Ronny Teuber der Cheftrainer, sondern Maurizio Jacobacci. Der Deutsche Teuber habe, heisst es aus Wil, am Länderspiel-Wochenende um seine Ablösung gebeten. Jacobacci stand natürlich bereit, wie er schon bereitgestanden hätte, beim FCW Nachfolger Christs zu werden.

Der 54-jährige Italoberner ist eigentlich ein anerkannter Challenge-League-Coach. Sein bester Leistungsausweis: den FC Schaffhausen ab Januar 2012 aus der1. Liga über die Promotion League in die weitere Spitze der Challenge League zu führen. Im Januar 2016 wars auf der Breite allerdings vorbei, als der FCS nach sieben Spielen ohne Dreier am Tabellenende angelangt war. Jacobaccis letzter Sieg als «Schaffhauser»: am 8. November 2015 ein 2:0 auf der . . . Schützenwiese.

Das Missverständnis in Innsbruck

Zwischen Schaffhausen und Wil lag ein Engagement in der «Challenge League» Österreichs, beim zurzeit zweitklassigen Altmeister Wacker Innsbruck. Den musste er nach zehn Meisterschaftsspielen mit nur zwei Siegen, dafür aber einer Cup-Niederlage gegen einen Drittligisten schon Mitte September wieder verlassen. Jacobacci nennt das heute ein «Missverständnis». Er sei als «letztes Puzzleteil», also nach allen Spielern, vom Generalmanager Alfred Hörtnagl geholt worden. Dann aber habe sich gezeigt, fügt Jacobacci bei, dass die Spieler nicht (oder noch nicht) zu seiner Philosophie passten. «Und dann hat mir der Verein nicht Zeit genug gelassen, meine Philosophie durchzusetzen.» Schliesslich hätten die Spieler zuerst verdauen müssen, «dass sie so hart trainieren mussten wie nie zuvor». Den Ertrag habe er nicht mehr ernten dürfen. Es sei halt auch so gewesen, dass die Ansprüche des einstigen Grossklubs nicht mit seinen aktuellen Möglichkeiten, vor allem auch der Qualität des Kaders vereinbar gewesen seien.

Wieder als Team auftreten

So sieht Jacobacci nun in Wil die Chance, «mich wieder ins Geschäft zu bringen. Gut zwei Monate habe ich Zeit, um mein Können zu beweisen.» Das Ziel: «Retten, was es zu retten gibt.» Und: «Wieder als Team auftreten.» Geld spiele, fügt er bei, in einer solchen Situation keine Rolle. Was nicht heisst – wie es auch geschrieben stand –, er bekomme kein Geld. Er bekommt offensichtlich zwar keines vom FC Wil, dafür aber von der Arbeitslosenkasse. Allerdings verzichtet er auf einen Teil der Taggelder für die Monate März, April und Mai. Das ist seine Investition in seine Zukunft. Lohnt sie sich, heisst das: Der FC Wil bleibt in der Challenge League, auch sportlich.

Erstellt: 31.03.2017, 22:55 Uhr

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Haben Sie etwas Spannendes gesehen oder gehört?
Schicken Sie uns ihr Bild oder Video per E-Mail an webredaktion@zuonline.ch oder informieren Sie uns telefonisch unter der Nummer 044 854 82 14. Mehr...

Inserieren

Anzeigen online aufgeben
Inserate einfach online aufgaben

Kommentare

Blogs

Michèle & Friends Midlife-Crisis? Nehm ich!

Von Kopf bis Fuss Diese Frau erinnert sich an alles