«Ihm wird selbst diese Bezeichnung nicht gerecht»

Liverpool-Legende Steven Gerrard gastiert mit den Rangers bei YB. Der noch junge Trainer hat seine Kritiker verstummen lassen.

Ein grosser Name ganz lässig in Bern: Seit einem Jahr ist Steven Gerrard Trainer der Glasgow Rangers, unter seiner Führung gingen nur 11 von 79 Partien verloren.

Ein grosser Name ganz lässig in Bern: Seit einem Jahr ist Steven Gerrard Trainer der Glasgow Rangers, unter seiner Führung gingen nur 11 von 79 Partien verloren. Bild: Christian Pfander

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Seine Aura schwebt im Raum, bevor Steven Gerrard überhaupt in der Schweiz gelandet ist.

Es ist Mittwochmittag, Medienkonferenz der Young Boys im Stade de Suisse. Ein schottischer Journalist möchte von Trainer Gerardo Seoane wissen, ob er denn gegen Gerrard gespielt habe, diesen Weltklassefussballer in Liverpool, nun Trainer beim heutigen YB-Gegner Glasgow Rangers. Seoane begegnet der Frage sogar für seine Verhältnisse trocken. Er sagt: «Ich könnte mich nicht erinnern. Aber das ist auch nicht wichtig.»

Ein paar Stunden später ist Gerrard da, mit weissen Sneakers und im grauem Trainer, die Jacke lässig um die Hüfte gebunden. Wäre sein Tenü nicht andersfarbig, er könnte mit dem Jungengesicht als einer seiner Spieler durchgehen. Der 39-Jährige spricht von Einsatz und Leidenschaft, Attribute, die ihn auszeichneten. Er sagt, er habe Respekt vor den Young Boys. «Aber spielen wir getreu unseren Prinzipien, dann haben wir die Qualität, zu gewinnen.»

Gerrard, der Trainer, es mutet ungewohnt an. Zu stark haben sich die Bilder eingeprägt, wie er das Liverpooler Mittelfeld führte, mit seinen langen, scharfen Pässen, den eingesprungenen Tacklings, den Schüssen, die aus grosser Distanz ins Ziel fanden.

Gerrard ist als Liverpool-Fan geboren. Und beinahe ist ihm das zum Verhängnis geworden. Wäre er etwas älter gewesen, hätte er am 15. April 1989 mit seinem Cousin das Spiel in Sheffield im Hillsborough-Stadium besucht. An diesem Tag, der sich wie ein Stigma in die englische Seele eingebrannt hat, kamen 96 Liverpooler Fans ums Leben. Gerrards Cousin, 10-jährig, war das jüngste Opfer.

Der rechtzeitige Abgang

Die Erinnerungen an den toten Cousin hätten ihn zur Karriere inspiriert, sagte Steven Gerrard 20 Jahre nach dem tragischen Vorfall.

Mit 9 war er zum FC Liverpool gestossen. Er spielte während 17 Saisons über 700 Partien für den Club, mehr als ein Jahrzehnt lang als Captain, trug 114-mal das Trikot des Nationalteams. 2005 wurde er Champions-League-Sieger, im verrückten, unvergesslichen Final gegen Milan in Istanbul.

Legendär: 2005 gewann Gerrard mit Liverpool die Champions League. Bild: Keystone

Und er schaffte 10 Jahre später, als ihn mit 35 die Kräfte verliessen, rechtzeitig den Abgang aus Liverpool, bevor sein Denkmal Rost angesetzt hatte. Sein damaliger Trainer Brendan Rodgers gab ihm die hübschen Worte mit auf den Weg, wonach der Begriff Legende überstrapaziert werde. «Aber ihm wird selbst diese Bezeichnung nicht gerecht.»

Die letzte Reise als Fussballer führte Gerrard in die Sonne Kaliforniens zu den Los Angeles Galaxy. In einem Interview mit dem «Telegraph» erzählte der Vater von drei Töchtern und einem Sohn damals, wie er es geniesse, in der Glamour-Metropole nicht an jeder Ecke erkannt zu werden. Er könne wandern gehen oder ein Eishockeyspiel besuchen. «Das Klima schafft Abwechslung, versetzt einen in gute Stimmung.»

Und doch vermisse er die Familie, die in England blieb, ja sogar das regnerische Wetter. 2017, nach zwei Saisons in Übersee, wurde er Nachwuchscoach. Natürlich beim FC Liverpool.

Die anfängliche Skepsis

Dementsprechend unerfahren war er, als er schon ein Jahr später mit den Rangers sein erstes Team im Profifussball übernahm. Der «Guardian» kommentierte bissig: Es gebe wenig Argumente, dass die Allianz für beide von Vorteil sei. «In einer Zeit, in der die Rangers dringend Erfahrung brauchen, laufen sie Gefahr, von einem grossen Namen und ihrem verzweifelten Drang geblendet zu werden, sich selbst als grossen Club wiederzuerkennen.»

Gross war er, der Rangers Football Club. Mit 54 Meistertiteln ist der 1873 gegründete Verein mit den protestantischen Anhängern Weltrekordhalter. Doch der Erzrivale Celtic, mit irisch-katholischen Wurzeln, vereint in den Stadtgrenzen, getrennt durch die Konfession, hat nach 8 Erfolgen in Serie aufgeholt. Ihm fehlen noch 4 Titel.



Zu den Spielen gegen Amateure kamen immer noch 50'000 Zuschauer, es ging auch zügig aufwärts, nach drei Aufstiegen in vier Jahren waren die Rangers zurück.

Der Niedergang der Rangers begann schleichend. Weil das Missmanagement durch Siege kaschiert wurde. 2011 gewann der Club ein letztes Mal den Meistertitel. Der Tiefpunkt folgte ein paar Monate später: Nach Insolvenz mussten die Rangers in der vierten Liga neu starten.

Zu den Spielen gegen Amateure kamen immer noch 50'000 Zuschauer, es ging auch zügig aufwärts, nach drei Aufstiegen in vier Jahren waren die Rangers zurück. Doch der Rückstand auf Celtic hatte sich in der Zwischenzeit derart vergrössert, dass das legendäre Stadtderby Old Firm oft zu einer einseitigen Angelegenheit verkam. In den ersten drei Saisons nach der Rückkehr der Rangers haben die Grün-Weissen 57 Punkte mehr geholt.

Der ewige Gegenspieler

Doch Steven Gerrard hat es geschafft, die kritischen Voten verstummen zu lassen. Das hat mit seiner Bilanz zu tun, die vorzüglich ist, von 79 Partien gingen 11 verloren. Der Rückstand auf Celtic hat sich verkleinert, derzeit trennt die Teams einen Punkt.

Rafael Benitez, seit über zwei Jahrzehnten im Geschäft und einst Gerrards Trainer in Liverpool, meinte kürzlich gegenüber dem «Athletic»: «Er hatte das Glück, während seiner Karriere von verschiedenen Trainern aus verschiedenen Ländern gecoacht zu werden. Das ist gut für die Entwicklung. Er kann ein grosser Trainer werden.» Und als Liverpools Trainer Jürgen Klopp jüngst gefragt wurde, wer einst auf ihn folgen solle, nannte er Gerrard.

Dass es einmal so weit kommen wird, scheint sicher – so wie es das im Falle von Frank Lampard und dem FC Chelsea tat. Lampard ist die andere zentrale Figur des englischen Mittelfelds im 21. Jahrhundert. Zwischen 2004 und 2009 hatte es immer mindestens einer der beiden in die Shortlist der Weltfussballerwahl geschafft. Einen Titel mit England ist ihnen trotz Mitspielern wie Terry, Beckham und Rooney verwehrt geblieben.

Lampards und Gerrards Geschichten sind verknüpft geblieben: Sie beendeten gleichzeitig die Karriere. Sie starteten gleichzeitig als Trainer im Profibereich. Nun aber liegt Lampard voraus: Nach einer Saison, in der er Zweitligist Derby County beinahe zum Aufstieg führte, ist er seit Sommer Trainer bei Chelsea.

«Wir sind weiter als vor einem Jahr. Die Zukunft ist vielversprechend», sagt Gerrard an der Pressekonferenz in Bern. Bild: Christian Pfander

Um dereinst in die Premier League nachziehen zu können, helfen Steven Gerrard die Spiele auf europäischer Bühne, abseits der mediokeren schottischen Liga. Der Start ist mit dem 1:0 daheim gegen Feyenoord Rotterdam geglückt. Seine Mannschaft sei voller Selbstvertrauen, sagt Gerrard bei der Medienkonferenz am Mittwoch einmal. «Wir sind weiter als vor einem Jahr. Die Zukunft ist vielversprechend.»

Er spricht von den Rangers. Er könnte aber auch sich meinen.


Dritte Halbzeit – der Tamedia Fussball-Podcast

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Erstellt: 03.10.2019, 11:03 Uhr

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