«Junge, du hast keine Ahnung vom Frauenfussball!»

Vor dem heutigen WM-Final zwischen den USA und Holland erklärt die Schweizer Frauenfussball-Expertin Tatjana Haenni ihren Sport.

Die dominante Nation im Frauenfussball: Alex Morgan (links) und Megan Rapinoe wollen die USA heute zum vierten WM-Titel führen.

Die dominante Nation im Frauenfussball: Alex Morgan (links) und Megan Rapinoe wollen die USA heute zum vierten WM-Titel führen.

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Wird diese WM als der Moment in die Geschichte eingehen, in dem der Frauenfussball so richtig zum Fliegen kam?
Fliegen ist für mich das falsche Wort. Frauenfussball ist in einem Entwicklungsprozess, er hat mehrere Etappen durchlebt. Zunächst ging es ja nur schon darum, dass Frauen überhaupt spielen durften. Dann ging es darum, den Platz zu finden, Akzeptanz zu erkämpfen. Seither geht es um Professionalisierung. Auch die Spielerinnen an dieser WM können nicht alle vom Fussball leben.

Aber etwas hat sich verändert. In Grossbritannien war der Halbfinal England - USA das meistgesehene TV-Event 2019.
Auf dieser Ebene erleben wir einen Durchbruch. Die mediale Abdeckung ist so gross wie nie. Und es gibt Sponsoren, die explizit in den Frauenfussball gehen. Es sind nicht mehr die Verbände und Clubs, die alles bezahlen. Das ist entscheidend: Nur wenn der Sport für die Wirtschaft interessant ist, kann man mit der Professionalisierung vorwärtsmachen.

International hebt die Welle ab – und die Schweiz kann sie nicht reiten, weil sie nicht dabei ist.
Für den Frauenfussball in der Schweiz ist es echt sehr schade. Wir kämpfen hierzulande immer noch zu oft um Wertschätzung. Darum, dass wir ernst genommen werden. Darum, dass die verschiedenen ­Player zusammenarbeiten: Medien, Wirtschaft, Fans, jeder Club, der Mädchen ausbilden sollte.

Europäische Grossclubs entdecken unterdessen ihre feminine Seite: Real Madrid, Manchester United oder Juventus Turin investieren.
Das müssen wir auch in der Schweiz verbessern. Nehmen wir einen Buben und ein Mädchen im Alter von acht Jahren. Die müssten in der Ausbildung denselben Weg gehen können. Wenn eine Frau heute nach England gehen will, um als Profi zu spielen, braucht sie dieselbe ­Anzahl und Qualität der Trainings wie ein Mann.

Ist das in der Schweiz der Fall?
Es wird gut gearbeitet. Aber die Frauen sind immer noch in einer Frauenabteilung. Bei den Männern ist ein U-16-Trainer in der Regel ein fest angestellter Profi. Bei den Frauen ist es oft jemand, der das Training am Abend nach seiner Arbeit leitet. Das ist qualitativ nicht dasselbe. Da müssen wir den Hebel ansetzen.

Ist nicht die höchste Schweizer Frauenliga ein Problem? Sie fristet ein Nischendasein.
Der Frauenfussball kämpft schon noch häufig mit Stereotypen. Ich vergleiche das mit der Stellung der Frau in der Gesellschaft. Warum gibt es heute noch Frauen, die weniger verdienen, wenn sie gleichwertige Arbeit abliefern wie Männer? Ich bin nicht eine absolute Verfechterin des equal pay. Aber dort, wo es solche Ungerechtigkeiten gibt, stimmt etwas nicht.

«Natürlich kommt nicht
morgen ein Sponsor und
legt eine Million Franken
auf den Tisch.»

Es gibt Sportarten, die sich via Hauptsponsor ihre Medienpräsenz erkaufen, wie Handball beim «Blick».
Was mir fehlt, ist eine ganzheitliche Strategie für den Frauenfussball, die von ganz oben getragen wird. Wenn du in einem Verein in der Führungsetage mindestens eine Kennerin des Frauenfussballs hast, dann ist dort ein Verständnis vorhanden. Dann wirft man nicht schnell, schnell etwas Geld rein und ist dann enttäuscht, weil man nichts gewinnt.

Sondern?
Man investiert in den Frauenfussball, weil er andere Werte vermittelt, weil es gut für das Image ist, weil es gesellschaftspolitisch wichtig ist. Weil sich die Chemie im Verein so verändert. Es ist doch auch in der Wirtschaft so: Wenn du gemischte Teams hast, profitierst du. Der Fussball ist so männerdominiert, dass ein paar Frauen in den Führungsetagen nicht schaden würden. Hat es das, gibt das auch eine andere Planungssicherheit. Die fehlt dem Frauenfussball noch häufig. Wir sind stark von Vereinen abhängig oder vom Fussballverband. Beide sind stark männerdominiert. Und in den entscheidenden Gremien hat es sehr wenig Frauenfussball-Know-how.

Also leidet der Frauenfussball unter patriarchalen Strukturen. Auch im Schweizerischen Verband, wo im Zentralvorstand und im Präsidium zurzeit keine einzige Frau sitzt?
Es ist verbesserungswürdig (lacht). Ich sage das offen: Wir müssen mehr Frauen in den Entscheidungsgremien haben. Und der Frauenfussball muss eine andere Wichtigkeit bekommen. Ich würde es begrüssen, wenn auch im Präsidium und Zentralvorstand des SFV Frauen Einsitz hätten. Es braucht generell mehr Frauen im Fussball, und Frauen müssen solche Positionen und Verantwortungen auch übernehmen wollen.

Was können Sie tun, um den Frauenfussball in der Schweiz vorwärtszubringen?
Lobbyieren. Ich bin Abteilungsleiterin mit einem abgesteckten Bereich, in dem ich mich bewegen kann. Aber wenn man fragt: Warum ist England so gut, warum die Französinnen, warum ist die WM so gut? Na, weil Leute investiert haben. Weil Verbände oder andere Organisationen gesagt haben: Das hat Potenzial, das finden wir super, wir können Sponsoren finden, wir können Stadien mit 50 000 Zuschauern füllen. Aber dazu musst du erst mal daran glauben und dann investieren.

Ist das in der Schweiz überhaupt realistisch?
Natürlich kommt nicht morgen ein Sponsor und legt eine Million Franken auf den Tisch. Aber ich glaube, dass der Frauenfussball im Vergleich zu allen anderen Frauen-Sportarten ein sehr grosses Potenzial hat. Fussball ist als Sport derart dominant. Warum sollen also nicht gleich viele Mädchen Fussball spielen wie Buben? Das ist kurzfristig nicht realistisch, aber eine Steigerung bei den Mädchen ist möglich, wenn man ein Angebot kreiert und sie fördert.

Müsste denn der Verband mehr Geld in die Hand nehmen?
Der Verband investiert jetzt schon viel Geld, das nicht im Frauenfussball erwirtschaftet wird. Aber es ist nicht nur eine Frage des Geldes. Sondern auch davon, wie wir Synergien nutzen. Der Verband könnte etwa bei Kampagnen noch konsequenter Männer und Frauen auf dasselbe Foto nehmen. Wie zuletzt Granit Xhaka und Lia Wälti. Oder die Verbandsspitze kann bei Spielen des Frauen-Nationalteams noch gezielter versuchen, die Sponsoren mitzuziehen. Das bedeutet relativ wenig Aufwand – aber möglicherweise viel Ertrag.

«Es gibt Verbände, die sagen: ‹Du bist schwanger, du gehörst nicht mehr zum Kader.›»

Finden Sie es fair, dass die Fifa bei den Männern höhere WM-Prämien bezahlt?
Es ist eine Tatsache und hat eine gewisse Berechtigung: Der Männerfussball, die Männer-WM bringen das grosse Geld. Aber ein wenig bin ich schon eine Gleichberechtigungsfanatikerin. Gewisse Dinge müssen bei Frauen und Männern einfach gleich sein. Als Schweizerischer Fussballverband haben wir ein A-Team der Männer und ein A-Team der Frauen. Und wenn die einen etwas erhalten, sollten es die anderen auch bekommen. Finde ich.

Ist das beim SFV der Fall?
Bei vielem schon. Gerade beim Betreuerteam haben wir sehr viel verbessert in den letzten Jahren. Und dann gibt es Bereiche, da gibt es Aufholbedarf. Aber wir sind auf gutem Weg. Generell müssten Frauen in den Verbänden mehr mitreden können. Es gibt Spielerinnen, die Mütter sind. Was tun die an der WM? Können sie die Kinder mitnehmen? Es gibt Verbände, die sagen: «Du bist Mutter, du darfst nicht mehr kommen.» Oder: «Du bist schwanger, du gehörst nicht mehr zum Kader.» Das geht doch nicht! Da muss ein Verband sagen: Wir haben ein Frauenteam, eine Spielerin kann schwanger werden. Also brauchen wir eine Nanny, damit sie an der WM spielen kann.

«Ich finde, wir sollten
von diesem Gender-
Denken wegkommen.»

Finden Sie den Ausdruck Frauenfussball überhaupt gut?
Nein, der ist nicht gut. Ich finde, wir sollten von diesem Gender-Denken wegkommen. Am Ende ist es dasselbe Spiel. Da kann eine Frau ein Männerteam trainieren, eine Frau kann einen Männerclub präsidieren. Und viele Männer engagieren sich sehr erfolgreich im Frauenfussball.

Es gibt keinen Unterschied zwischen den Geschlechtern?
Es gibt Unterschiede im finanziellen Bereich und natürlich im physischen. Oder wenn es um die Wertschätzung geht und das Mitspracherecht. Die WM in Frankreich hilft hier sehr.

Trotzdem wird auch an dieser WM wieder diskutiert, ob Frauen auf kleinere Tore spielen sollten oder mit leichteren Bällen.
Wer den Fussball der Frauen enger verfolgt, würde nicht darüber diskutieren, ob das Tor zu gross ist. Sondern ob die Torfrau heute gut war – oder eben nicht.

In anderen Sportarten gibt es aber auch kleinere Bälle oder leichtere Kugeln für Frauen.?
Und doch ist es der komplett ­falsche Ansatz, jetzt über Regeländerungen zu sprechen. Zuerst machen wir mal alles andere richtig. Es ist schlicht nicht fair, einer Torfrau vorzuwerfen, dass sie nicht ins hohe Eck zu springen vermag, wenn sie nicht dieselben Ausbildungs- und Trainingsmöglichkeiten wie ein Mann hat. Jedem, der jetzt kommt und sagt, wir müssen die Regeln ändern, möchte ich zurufen: «Junge – oder Mädel – du hast keine ­Ahnung vom Frauenfussball!»

Und wie wollen Sie die Schweizer Liga stärken? Auf die Clubs haben Sie ja nur beschränkten Einfluss.
Alle können einen Beitrag dazu leisten. Aber es geht nur, wenn die Partner im Frauenfussball zusammenarbeiten. Wir müssen sehr pragmatisch sein. Warum gibt es denn keine Doppelspiele von Frauen und Männern? Vielleicht übernimmt jeder Club pro Saison ein Heimspiel, das er speziell bewirbt. Ein Spiel des Monats, bei dem dann vielleicht auch das Schweizer Fernsehen und die Medien allgemein mitspielen.

Wie weit sind Sie da?
Wir vom Verband sind dabei, mit allen Partnern kurzfristige Ziele festzulegen. Ich brauche den Zentralvorstand des SFV, ich brauche die Liga. Ich habe nicht das Gefühl, dass es so schwierig wäre, wenn die relevanten Parteien überzeugt sind und wirklich wollen.

Und wenn sie nicht wollen?
Dann fährt der Zug ab. Die WM-Qualifikation 2019 haben wir verpasst, wir müssen sportlich dran bleiben. Und ich habe es ja als ­Präsidentin bei den Frauen des FC Zürich gesehen: Wir haben so viele verletzte Spielerinnen. Gerissene Kreuzbänder, sie sind müde, ausgelaugt ... Sie hören mit 22 auf.

«Wir sollten uns nicht
nur mit den grossen Fussballnationen
vergleichen.»

Warum?
Sie sind müde. Beruf, Karriere, Schule ... Du hast siebenmal in der Woche Training, wohnst aber in St. Gallen. Du fährst eine Stunde mit dem Zug ins Training, kommst erst um 23 Uhr heim, stehst um 6 Uhr auf, gehst in die Schule, bist um 16 Uhr auf dem Fussballplatz. Dazu sehen sie keine professionelle Zukunft für sich im Fussball. Nach ein paar Jahren setzen sie ihre Prioritäten auf das private und berufliche Leben.

Vom Fussball leben kann eine Frau hierzulande nicht?
Die Clubs haben kein Geld. Wenn, dann gibt es ein klein wenig an die Spesen. Aber echte Profifussballerinnen, die 100 Prozent vom Fussball leben, gibt es in der Schweiz keine.

Besteht die Gefahr, dass die Schweiz abgehängt wird? Frankreich, Spanien, Italien und vor allem England machen riesige Fortschritte.
Wir sollten uns nicht nur mit den grossen Fussballnationen vergleichen. Norwegen macht es sehr gut. Holland steht im WM-Final. Und wenn wir Schweizer im Männerfussball mit den Besten mithalten können, bin ich überzeugt, dass es auch bei den Frauen möglich ist. Der SFV und die Vereine haben für den Männerfussball erfolgreiche Strukturen aufgebaut. Der Frauenfussball kann sich daran anlehnen und damit erfolgreich sein.



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Erstellt: 07.07.2019, 11:40 Uhr

Tatjana Haenni



Die 52-Jährige ist Ressortleiterin Frauenfussball beim Schweizerischen Fussballverband, gewann als Spielerin Titel mit Seebach und Bern, hat 24 Länderspiele bestritten und war von 1999 bis 2017 bei der Fifa, zuletzt als Chefin Frauenfussball. (Bild: Freshfocus/Andreas Meier)

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