Köbi Kuhns #MeToo-Moment

Der ehemalige Natitrainer wurde als Kind missbraucht. Seine Offenbarung verdient Dank.

Köbi Kuhn hofft, mit seiner Offenheit etwas zu bewirken. Foto: Gian Ehrenzeller (Keystone)

Köbi Kuhn hofft, mit seiner Offenheit etwas zu bewirken. Foto: Gian Ehrenzeller (Keystone)

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Missbrauchsopfer stellt man sich anders vor. Genau deshalb ist umso wichtiger, was Ex-Nationaltrainer Köbi Kuhn am Dienstag offenbarte: Er wurde als Kind missbraucht. Das beschreibt er in seiner Autobiografie, von der Ausschnitte im «Blick» veröffentlicht wurden.

Es ist eine erschütternde Offenbarung. Nicht nur wegen der Tat selber: Kuhn war damals Fussballjunior, ein älterer Kollege lud ihn zu sich nach Hause ein, Kuhn ging mit. Dann benutzte der Ältere Kuhn zur Selbstbefriedigung und zwang den Jungen, mitzumachen.

Wut, Scham, Ohnmacht

Erschütternd ist auch, was danach geschah – nämlich nichts. Wie beinahe jeder Mensch, dem so etwas im Kindesalter widerfährt, wusste sich Kuhn nicht anders zu helfen, als zu schweigen. Er habe, schreibt Kuhn, Wut und Ohnmacht empfunden. Und Scham, vor allem Scham. Wie fast jedes Missbrauchsopfer dürfte auch Kuhn vermutet haben, dass er irgendwie selber schuld sei. Und so schwieg Kuhn zum Missbrauch, jahrzehntelang. Weder seinen Eltern noch seinen Trainern oder später seiner ersten Ehefrau gegenüber verlor er ein Wort darüber. Nur um jedes Mal von heftigen Gefühlen gepackt zu werden, wenn das Thema Missbrauch in den Medien verhandelt wurde, er über andere Menschen las, denen Ähnliches widerfahren war.

Dann kam das Jahr 2016, das Thema war überall in den Medien. Und Kuhn beschloss, dass er nicht mehr länger schweigen wolle. Dass er etwas tun müsse. Er erfuhr, dass der damalige Täter nach wie vor ehrenamtlich in der Jugendarbeit des Clubs tätig ist, und fasste sich ein Herz. Er trommelte die Verantwortlichen zusammen und legte alles auf den Tisch. Nur um zu erfahren, was Missbrauchsopfer seit jeher erfahren: Er wurde abgekanzelt, man warf ihm vor, er habe mit seinem Geständnis zu lange gewartet, man glaubte ihm nicht. Er hoffe trotzdem, mit seiner Offenheit etwas bewirkt zu haben, schreibt er resigniert. Für einen Kommentar war er am Dienstag nicht erreichbar.

Zwar realisierte Kuhn schon ein Jahr vor #MeToo, dass er nicht mehr länger schweigen will. Aber auch er brauchte einen Impuls von aussen, das Schweigen zu brechen.

Es ist einfach so furchtbar unbequem, sich mit dem Thema Missbrauch zu beschäftigen, besonders, wenn es den eigenen Sport betrifft. Kuhn hat das Richtige getan, und er selber ist der beste Beweis dafür: Missbrauchsopfer mögen ihre Erfahrungen jahrzehntelang verdrängen, können in den meisten Fällen gar nicht anders. Wie will ein Kind eine solche Erfahrung denn einordnen? Das ist auch für erwachsene Menschen schwierig, braucht viel Kraft und Mut.

Kuhns Fall zeigt auch: Ein Entrinnen gibt es nicht; jederzeit können solche Erlebnisse an die Oberfläche drängen und Betroffene aus der Bahn werfen. Kuhns Beispiel zeigt zudem, wie wichtig es ist, dass dieses Thema auch öffentlich verhandelt wird, etwa durch #MeToo. Das gibt den Opfern Mut, zeigt ihnen, dass sie nicht alleine sind. Zwar realisierte Kuhn schon ein Jahr vor #MeToo, dass er nicht mehr länger schweigen will. Aber auch er brauchte einen Impuls von aussen, das Schweigen zu brechen.

Das Bedürfnis, andere vor ähnlichen Erfahrungen zu schützen, brachte ihn schliesslich dazu, sich seiner eigenen Vergangenheit zu stellen: Erstmals weihte er mit seiner jetzigen Frau überhaupt jemanden ein, dann intervenierte er auch beim Club. Leider zeigte sich das bekannte Muster: Nicht nur Frauen und Kinder begegnen allzu oft Gleichgültigkeit und Misstrauen, wenn sie Missbrauch schildern. Sondern auch ein nationaler Held wie Köbi Kuhn. (Redaktion Tamedia)

Erstellt: 16.04.2019, 16:29 Uhr

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