Magnin weiss: «Irgendwann fliege ich raus»

FCZ-Trainer Ludovic Magnin ist vor dem Saisonstart zuversichtlich, weiss aber, dass er vergangene Saison auf den Goodwill des Präsidentenpaars angewiesen war.

Ludovic Magnin weiss, dass er an der Seitenlinie ab und zu übertreibt – er gelobt Besserung.

Ludovic Magnin weiss, dass er an der Seitenlinie ab und zu übertreibt – er gelobt Besserung. Bild: Frieder Blickle/laif

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Im Februar 2018 starteten Sie mit viel Bonus als Trainer des FCZ. Wie viel ist davon übrig?
Ist das relevant? Die Leute, die mich eingestellt haben, sehen, was wir leisten und wie wir arbeiten. Wenn die guten Ergebnisse ausbleiben, muss ich aufzeigen können, warum das so ist. Es ist generell im Leben so: Wenn etwas nicht funktioniert, muss man überlegen, was sich dagegen tun lässt.

Sie mussten in Ihrer noch jungen Trainerkarriere schon einiges überlegen.
Was die vergangene Saison angeht, kann ich sagen: Wir schnitten in zwei Wettbewerben sehr gut ab. Im Schweizer Cup standen wir im Halbfinal, und die Europa-League-Kampagne hat uns extrem gefallen. Weniger gut war die Meisterschaft.

Die Rückrunde missriet dem FCZ völlig. Spürten Sie, dass es für Sie eng wurde?
Nein. Es gab Momente, in denen ich sogar spürte, wie sehr die Leute zu mir stehen.

Wann war das?
In der heiklen Phase, als unser Vorsprung auf Xamax bloss einen Punkt betrug. Ich muss sagen: Die erhaltene Rückendeckung war aussergewöhnlich. Dafür bin ich dankbar, weil der Trainer in solchen Zeiten oft entlassen wird. Und als junger ­Trainer lernst du dann nicht, ob du in der Lage wärst, eine solche Krise zu meistern oder nicht. Jetzt weiss ich es: Ich kann eine Mannschaft, die im Abstiegskampf steckt, retten.

Es hätte Sie also als Aussenstehender nicht überrascht, wenn der FCZ Sie entlassen hätte?
Überhaupt nicht. Der Mechanismus im Fussball ist derzeit ­extrem. Ich bin seit Februar 2018 beim FCZ im Amt und aktuell schon der Zweitdienstälteste der Super League.

Macht Sie das stolz?
Eigentlich ist mir diese Statistik egal. Stolz bin ich, wenn die ­Leute merken, was ich zu bewirken versuche – unabhängig von den Resultaten. Es ist nicht selbstverständlich, dass ein ­junger Trainer die Ruhe bewahrt in dieser Situation und konsequent mit seiner Arbeit fortfährt. Andere hätten vielleicht Alibi-Massnahmen ergriffen.

Zum Beispiel?
Den freien Tag gestrichen, ­zusätzliche Trainings angesetzt oder ein Kurz-Trainingslager einberufen. Ich schwor mir ­immer: Wenn die Lage einmal kritisch wird, ziehe ich das Ding nach meinen Vorstellungen durch. Irgendwann fliege ich raus, das weiss ich. Aber wenn ich einmal entlassen werde, möchte ich sagen können: Ich bin mit meinen eigenen Ideen ­gescheitert. Ich will nicht Sachen machen, die mich zwar zwei ­Monate länger im Amt halten, aber im Widerspruch zu meiner Überzeugung stehen.

Haben Sie sich als FCZ-Trainer verändert?
Natürlich. Am Anfang erklärte ich den Spielern alles ausführlich, warum ich wie entschieden habe. Jetzt tue ich das nicht mehr. Mein neuer Assistenztrainer ­Alfons Higl ist nicht nur da, um die Mannschaft besser zu machen, sondern auch mich. Ich bin zwar ein Super-League-Trainer und habe einmal den Cup gewonnen. Trotzdem muss ich noch einiges lernen. Und ich habe nicht den Anspruch, dass meine Karriere in Zürich endet.

Einer von Higls ersten Tipps war also der, dass Sie den Spielern nicht mehr zu viel erklären sollen.
Er sagte mir: «Jetzt hast du es den Spielern dreimal gesagt, das musst du nicht wiederholen.»

Was haben Sie sonst noch gelernt?
Ich verlor im vergangenen Jahr sehr viel Energie ausserhalb des Fussballplatzes.

Wieso?
Weil ich alles kontrollieren wollte. Medizin, Kommunikation, alles. Aber das geht nicht. Ich muss mich auf das Wesentliche konzentrieren. Und darauf achten, nicht zu viel zu wollen. Mag sein, dass ich in der Vergangenheit zu oft trainieren liess.

Ein Thema der letzten Saison war auch Ihr Verhalten an der Seitenlinie ...
... ich bin mir bewusst, dass meine Art und Weise an der Seitenlinie oft nicht gut war. Das muss sich bessern. Ich habe kein ­Problem damit, wenn die Zeitungen schreiben: Was ist das für ein Verhalten! Ich bin selber schuld, dass ich ein paarmal gesperrt worden bin und in einer Schublade stecke. Ich werde zwar nie mit einem Kaugummi im Mund dasitzen und nichts sagen. Aber ich muss mich mehr auf das ­Coaching konzentrieren und gewisse Ungerechtigkeiten einfach hinnehmen.

Haben Sie einen Kommunika­tionscoach?
Nein, in diesem Geschäft lernst du sehr schnell (lacht laut).

Was denken Sie, wenn Sie Bilder von sich im TV sehen, wie Sie sich echauffieren?
Ich brauche keine Bilder, um zu wissen, dass es nicht gut war. Manchmal setze ich mich nach einem Match ins Auto und sage: Ludo, du hast dich wieder aufgeregt für nichts. Anderseits zeige ich Emotionen für den Fussball und wünsche mir manchmal, dass die Spieler ebenso leidenschaftlich sind und sich nicht alles gefallen lassen.

Wie reagieren Sie auf Kritik?
In der Rückrunde gab es einige Kritik, aber sie tat mir nicht weh, weil die meiste davon berechtigt war. Wenn es nicht läuft, ist es normal, dass ihr Journalisten die Frage stellt, ob ein junger Trainer wie Ludovic Magnin das noch packt. Ich wusste damals ja selbst nicht die Antwort auf die Frage.

Es gab einige Nebenschauplätze in der Rückrunde. Selbst die Zürcher Regierungsrätin Jacqueline Fehr kritisierte Ihr Verhalten.
Das muss ich akzeptieren. ­Meine Eltern haben mich so erzogen: Tue anderen nichts an, was du nicht selbst erleben willst. ­Darum schweige ich dazu.

Ebenso wurde Ihr Bild von der Familie thematisiert, als Sie in der NZZ sinngemäss sagten, zwei Wochen Hausmann hätten Ihnen gereicht, das sei nichts für Sie.
Das war mein Humor, der nicht begriffen und mir dann um die Ohren geschlagen wurde. Doch man muss zwischen dem Trainer Magnin und dem Menschen Magnin unterscheiden. Wenn man mein Verhalten an der ­Seitenlinie kritisiert, dann ist das berechtigt, das weiss ich selbst. Sagt man aber: «arme Frau im Hause Magnin», dann kann ich das nicht akzeptieren. Das ist ­privat. Punkt.

Haben Sie Frauen-Fussball-WM geschaut?
Nein.

Weshalb?
Ich war mit Transfers beschäftigt. Im Ernst: Ich habe ein, zwei Spiele gesehen.

Können Sie irgendetwas mitnehmen?
Nicht viel, ich will das auch nicht. Es sind unterschiedliche Disziplinen.

Ernsthaft?
Man soll Frauen- und Männerfussball nicht miteinander vergleichen. Was mir aber aufgefallen ist: die Fortschritte an der WM und ins­besondere etwa bei den Torhüterinnen. Ab und zu spiele ich mit Martina Moser oder Riana ­Fischer an Plauschanlässen, und dann merkst du: Die können ­kicken.

Was erwarten Sie von der neuen Saison?
Leider müssen wir davon ausgehen, dass die Super League weiterhin eine Zweiklassengesellschaft ist: YB und Basel werden über allen anderen stehen. Unser Ziel ist es, dass wir nicht wieder so viele Punkte Rückstand auf die Spitze haben. Ich bin überzeugt, dass der FCZ gut aufgestellt ist. Wir haben das Kader bereinigt. Es sind einige Spieler da, die Speed haben und über eine gewisse körperliche Grösse verfügen. In der vergangenen ­Saison war gerade das ein Manko bei den Standardsituationen.

Wer ist der Magnin Ihres Teams? Ein unbequemer Typ?
Welche Mannschaft hat heute noch einen Magnin?

Vielleicht Basel mit Taulant Xhaka?
Okay, diesen Vergleich kann ich akzeptieren. Die Typen haben es heute schwerer – sobald sie Grenzen überschreiten, werden sie zurechtgewiesen. Wir haben sechs, sieben Spieler, die unser Team richtig prägen können. ­Dafür braucht es aber Erfolg. Und wir haben Junge, die sich mit ­guten Leistungen in den Vordergrund spielen können.

Vor 14 Monaten sagten Sie: «Wenn ich genügend Zeit bekomme, wird der FCZ den Fussball spielen, den ich will.» Wie viel Zeit brauchen Sie noch?
Ich sehe im Training hervorragende Sachen. Vieles ist eine ­Frage des Selbstvertrauens – und des Starts. Wenn wir eine erfolgreiche Serie hinlegen, traue ich der Mannschaft eine Leistungsexplosion zu. Ich erinnere mich an die Meistertitel mit Bremen und Stuttgart: Auf dem Papier waren wir durchschnittlich. Du gewinnst ein paar Spiele, plötzlich nimmt das Ganze eine eigene Dynamik an – und du spielst einen Fussball, den du dir selber nicht zugetraut hättest. Wichtig ist einfach, dass wir nie den Mut verlieren. Und dass die Mannschaft gepflegten Fussball spielen will.

Das heisst?
Dass wir den Stil beibehalten, auch wenn es nicht sofort läuft. Ich trainiere nicht siebenmal die Woche und lege Wert auf sauberen Spielaufbau, um am ­Wochenende im Match auf weite Bälle zu setzen. Sonst können wir gleich vier Tage pro Woche frei machen.


Dritte Halbzeit – der Tamedia Fussball-Podcast

Die Premieren-Sendung ist zu hören auf Spotify, bei Apple Podcasts oder direkt hier:

Erstellt: 18.07.2019, 20:58 Uhr

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