Ratlose Basler auf Achterbahnfahrt

Vor der Begegnung mit den Young Boys deutet in Basel wenig auf eine schnelle Gesundung des einstigen Serienmeisters.

1:7 – vor zwei Monaten wurde der FCB in Bern gedemütigt. Am Sonntag gehen sie als Underdog in die Revanche.

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Schön ist es, wenn man als Schweizer Club vom amerikanischen News-Giganten CNN erwähnt wird. Wobei, ist es wirklich schön, wenn einem dabei Sexismus vorgeworfen wird, wie es eben erst dem FC Basel geschah? Die Basler haben derzeit gerade einen Lauf, für dessen Umschreibung vielleicht am besten Andreas Brehmes weltmeisterlich philosophische Worte passen: «Haste Scheisse am Fuss, haste Scheisse am Fuss.»

So hat es der FCB tatsächlich fertiggebracht, mit einer Gala zu seinem 125. Geburtstag gleich mehrfach negative Schlagzeilen zu produzieren. Zuerst, weil er seinem Ehrenpräsidenten Bernhard Heusler die Einladung so spät zustellte, dass der lieber an einer zeitgleich stattfindenden, von Fans organisierten Party teilnahm. Und dann noch der Schritt in die weltweiten Nachrichten, indem er seine Mannschaft an der Gala essen liess, während das Frauen-Team gleichzeitig Tombolalose verkaufte.

Für sich betrachtet, mögen das alles keine Staatsaffären sein. Aber es sind kleine Mosaikstückchen, die zum Gesamtbild passen, das der FC Basel derzeit abgibt. Der Club hat die weltläufige Geschmeidigkeit verloren, die er einst unter Heusler ausstrahlte. Und damit irgendwie auch die Aura des ewigen Gewinners, die ihn jahrelang umwehte.

Der «Jöö-Effekt» und die «Stewardessen»

Die Geschichte eines professionellen Fussballclubs ist ja eigentlich eine endlose Aneinanderreihung von Krisensituationen. Da hilft es, wenn an der Spitze jemand steht, der diese Aufregung geschickt zu moderieren weiss. Dieser jemand fehlt dem FCB seit dem Kauf durch Bernhard Burgener. Und das wirkt sich nicht nur auf die Aussendarstellung aus. Das hat auch Auswirkung auf das Innenleben eines Clubs, der seit Jahren an der 100-Millionen-Franken-Grenze wirtschaftet.

Immerhin, in der Debatte um die Gala hat sich herauskristallisiert, dass mit Roland Heri wohl endlich jemand anders als Sportchef Marco Streller die Rolle übernimmt, den FCB gegen aussen zu repräsentieren. Wenn der COO dann allerdings davon spricht, erst an Junioren als Tombolaverkäufer gedacht zu haben, «da hätten wir den Jöö-Effekt gehabt», dann an «Stewardessen» und schlussendlich an die FCB-Fussballerinnen, bleibt festzustellen: Da ist sicher noch Luft nach oben.

Dasselbe gilt für das Männer-Team. Dieses steht zwar auf Rang 2. Aber ist die Partie gegen die Young Boys deswegen gleich ein Spitzenspiel? Durchaus, wenn man Marcel Koller glaubt. «Es ist zu früh, um YB zu gratulieren und einfach noch ein wenig zu spielen.» Andererseits vielleicht doch eher nicht, wenn der FCB mehr Punkte Rückstand auf die Berner aufweist als Vorsprung auf den Tabellenletzten.

Jeder Auftritt verkommt zur Achterbahnfahrt

Die Wende zum Besseren ist dem FCB nach seiner panikartigen Trainerentlassung nach bloss zwei Wettbewerbsspielen der neuen Saison jedenfalls nicht gelungen. Zwar schien sich das Team unter Marcel Koller mit sieben Siegen in Serie zunächst zu stabilisieren. Inzwischen aber verkommt wieder jeder Auftritt zu einer Achterbahnfahrt, bei dem die Basler schon mal eine 2:0-Führung in Thun «einfach wegschenken», wie Koller befremdet feststellt.

Der Trainer selbst wirkt bei den Erklärungen für all das Auf und Ab ähnlich ratlos wie seine Spieler auf dem Feld. Kollers Körpersprache während den Spielen deutet jeweils darauf hin, dass die Mannschaft höchstens in Ansätzen versteht, was er von ihr sehen will. Vielleicht hat sie aber auch schlicht nicht genug Qualität, um die Anweisungen besser umzusetzen.

Mit Jonas Omlin hat Sportchef Streller zwar einen starken Ersatz für den nach Sevilla abgewanderten Goalie Tomas Vaclik verpflichtet. Und 5-Millionen-Mann Silvan Widmer macht seine Sache als Rechtsverteidiger ordentlich.

Trotzdem bleibt die Abwehr, statistisch die zweitschlechteste der Liga, eine Problemzone. Das ist sie, seit die Basler im letzten Winter Manuel Akanji für über 20 Millionen nach Dortmund ziehen liessen. Seither ist die Innenverteidigung eine ständige Basler Baustelle. Da hilft es nicht, dass Abwehrchef Marek Suchy auf unbestimmte Zeit mit einer gerissenen Achillessehne fehlt.

Meist sitzen 7,5 Millionen Franken auf der Bank

In der Offensive sitzen mit Dimitri Oberlin und Aldo Kalulu regelmässig 7,5 Millionen Franken Transfervolumen auf der Bank. Finden beide keinen Platz im Team, könnte sich der Trainerwechsel von Raphaël Wicky zu Koller zu einer sehr kostspieligen Rochade auswachsen.

Sowieso wird es ein interessanter Basler Transferwinter werden. Wird der Club Kollers Wunsch nach mehr Erfahrung im Kader entsprechen? Wenn ja, was ist dann mit dem gross propagierten Jugendkonzept? Und wenn nicht, wie wird sich das auf die Zufriedenheit des wichtigsten Vereinsangestellten auswirken?

Aber vorher geht es am Sonntag darum, dieses 1:7 aus der letzten Begegnung mit YB aktiv zu verarbeiten. «Wir haben damals eine Schlappe eingefangen», sagt Koller, «also mich ärgert das.» Eine Prise Wut? Kann dem ­Underdog nur guttun. Und als nichts anderes steigt der FCB in das Duell mit dem Meister.

Erstellt: 01.12.2018, 14:31 Uhr

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