Reus sucht seinen Platz im deutschen Team

Dass Marco Reus wie gegen Frankreich als Sturmspitze aufläuft, ist eher nicht das Zukunftsmodell.

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Die Rückkehr eines taktischen Trends von gestern in die Gegenwart scheiterte vielleicht nur an ein paar Zentimetern. Mitte der zweiten Halbzeit hatte die deutsche Nationalmannschaft am Donnerstag gegen Frankreich ihre druckvollste Phase, in der 65. Minute spielte sie ihren besten Angriff: Der Münchner Leon Goretzka passte den Ball nach aussen zu Matthias Ginter, der Rechtsverteidiger spielte ihn scharf nach innen zu Marco Reus. Und der Dortmunder schoss direkt, technisch anspruchsvoll, ein Schlenzer mit der Innenseite von der Strafraumgrenze. Frankreichs Torhüter Alphonse Areola streckte sich, um den Ball gerade so um den linken Pfosten zu lenken.

Wäre das Spiel 1:0 statt 0:0 ausgegangen, und hätte der Torschütze Reus geheissen - wäre dann nicht die «falsche Neun» wieder eine mögliche Lösung für das deutsche Problem im Sturm gewesen?

Es ging um eine stabile Defensive im ersten Spiel nach dem WM-Ausscheiden in Russland, so hatte Bundestrainer Joachim Löw das vorgesehen, passend zu seiner selbstkritischen WM-Analyse in der Vorwoche. Sein Plan mit vier Innenverteidigern hinter dem defensiven Mittelfeldspieler Joshua Kimmich funktionierte, das reichte fürs Erste für Zufriedenheit. Im zweiten Spiel nach der WM, an diesem Sonntag gegen Peru, wird es eher um die Offensive gehen. Und langfristig stellen sich dort solche Fragen: Wie wird Mesut Özil ersetzt? Wer spielt im Sturm? Eine echte Neun? Und was ist eigentlich die Position von Marco Reus?

Die Nationalspieler sprachen Sätze voller Zuversicht, als sie das Stadion nach dem Spiel gegen Frankreich verliessen, auch Reus. Er sagte: «Wir standen sehr gut, sehr kompakt.» Doch so richtig begeistert klang er nicht, und er beeilte sich anzufügen, dass es auch darum gehe, in Zukunft grundsätzlich besser nach vorne zu spielen. Als er, der offensive Mittelfeldspieler und Flügelangreifer, nach seiner Rolle gefragt wurde, als vorderster Stürmer in einem 4-1-4-1-System, sagte er zögerlich: «Für mich persönlich, ja, war's okay.»

«Ich spiele gerne auf der Zehn»

Wenn der deutsche Bundestrainer in diesen Tagen über den vermeintlichen personellen Umbruch spricht, den so mancher Kritiker gefordert hatte, dann erwähnt er gerne die Wichtigkeit seiner Achse aus erfahrenen Spielern. Er erwähnt dann den Torwart Manuel Neuer, 32, Verteidiger Mats Hummels, 29, Mittelfeldspieler Toni Kroos, 28, oder Angreifer Thomas Müller, 28. Reus, 29, gehört zur gleichen Spielergeneration. Und wenn man aufzählen wollte, in welchen Kategorien der Dortmunder seinen Kollegen nachsteht, wäre man nach der Erwähnung, dass er den WM-Titel 2014 verletzt verpasste, relativ schnell am Ende angelangt.

Doch sein Name fällt nicht auf Anhieb, wenn von der Achse die Rede ist. Als Löw nach einem Ersatz für den zurückgetretenen Özil im zentralen offensiven Mittelfeld gefragt wurde, da sagte er, dass es den Spielmacher in modernen Systemen ja ohnehin nicht mehr gebe. Reus sagte auf die Frage zur Özil-Nachfolge: «Ich mach' keinen Hehl daraus, dass ich gerne auf der Zehn spiele.»

Bildstrecke: Die besten Bilder der Partie Deutschland gegen Frankreich

Gegen Frankreich spielten dann im Mittelfeld vor Kimmich die Achter Kroos und Goretzka. Reus spielte im Sturm zwischen den über die Flügel angreifenden Müller und Timo Werner. Er war der offensivste Spieler, ohne dabei im Strafraum zu stürmen, eine Art falsche Neun also, die Variante aus vergangenen Hochzeiten des Ballbesitzfussballs. Reus hatte weniger Ballkontakte als Torwart Neuer.

Reus' Karriere sollte ja eigentlich in diesem Sommer auch im Nationaltrikot zu der ausserordentlichen werden, die sie im Vereinsfussball längst ist, in Dortmund ist er unter Lucien Favre seit dieser Saison Captain. Nachdem er zwei Turniere in Serie verletzt verpasst hatte, nach der WM 2014 auch die EM 2016, stand er in Russland erstmals in seinem Leben bei einer WM auf dem Platz. «Es war natürlich frustrierend, gerade in den ersten Tagen und Wochen nach dem Ausscheiden war eine ungeheure Leere da», sagte er nun im Interview dem Redaktions-Netzwerk Deutschland. Und nach der Leere kommt die Rollensuche.

Auch Werner überzeugt eher auf dem Flügel als in der Mitte

Nun ist es freilich sehr wahrscheinlich, dass Reus eine herausragende Rolle spielen soll, seine Fähigkeiten im Dribbling und im Passspiel sind unbestritten. Doch für einen Stürmer fehlen ihm Physis und die konsequente Abschlussstärke, vor allem wirken seine Talente im Strafraum verschenkt. Auf den Aussen in einem 4-1-4-1 allerdings ist wohl eher Müller einer der Gesetzten, auch wenn er selbst lieber zentral spielt. Die Schnelligkeit des Leipzigers Werner kommt auf dem Flügel scheinbar besser zur Geltung als in der Mitte, das war auch in Russland so. Bliebe neben der Neun noch die Position neben Kroos, die gegen Frankreich Goretzka einnahm.

Gegen Peru wird die Nationalelf ohnehin ganz anders aussehen, Mats Hummels ist angeschlagen und wird nicht spielen, der gegen Frankreich eingewechselte Leroy Sané ist Vater geworden und abgereist. Löw hat angekündigt, dass der Leverkusener Julian Brandt in der Offensive zum Einsatz kommen wird, genauso wie erstmals Nico Schulz als Linksverteidiger. Den wichtigsten Unterschied aus seiner Sicht hat Marco Reus schon genannt: «Vielleicht werden wir wieder ein bisschen mehr Ballbesitz haben.» Auch er selbst, sollte er zum Einsatz kommen. (Süddeutsche Zeitung)

Erstellt: 09.09.2018, 15:32 Uhr

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