Siebenkampf im Niemandsland

Vier Spieltage vor Schluss ist in der Super League für sieben Clubs noch alles möglich: Vom Abstieg bis zur Europa League. Besonders prekär ist die Lage des FC Zürich.

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FC Zürich:Bemüht um Gelassenheit

Den Club retten, nichts weniger als das. Es sind pathetische Worte, um die sich Trainer Ludovic Magnin in diesen Tagen bemüht. Das klingt dann so: «Es geht nun nur noch darum, den Verein zu retten.» Der FC Zürich ist Achter, ein Punkt vor Neuenburg und dem Barrage-Platz. Es kommt heute zum Direktduell. Xamax gegen FCZ, mittellos gegen finanziell potent, formstark gegen formschwach. Aussenseiter gegen Favorit.

Das Spiel steht im Zeichen des Abstiegskampfs. Doch mit einer Prise Optimismus lässt sich auch sagen: Der FCZ liegt bloss drei Punkte hinter dem Viertplatzierten Thun und einem Europacup-Platz. Nur: Beim FCZ muss man derzeit Optimisten suchen, selbst Magnin ist momentan zu wenig verwegen, um der Situation das Positive abzugewinnen. Er bemüht sich um Realismus. Heute zu viel Zukunftsvertrauen – und es wird ihm morgen um die Ohren geschlagen. Also sagt er: «Wir müssen aufpassen. Xamax hat das Momentum.» Und er handelt danach. Er lässt bereits jetzt Lausanne und Aarau aus der Challenge League beobachten. Für den Fall der Fälle. Für die Spiele in der Barrage.

Magnin ist angeschlagen, eine Grippe plagt ihn, und auch Kritik prallt an ihm weniger ab als noch Anfang Saison. Doch er ringt um Gelassenheit, das Spiel gegen Xamax will er nicht überbewerten. «Wir machen kein Motivationsseminar oder ein Ja-nicht-verlieren-Trainingslager, wie ich das in meiner Karriere auch schon erlebt habe.» Einzig für den Neuenburger Kunstrasen, da bedarf es einer ordentlichen Vorbereitung, die Mannschaft trainiert in Thalwil oder beim Fifa-Hauptsitz – überall dort, wo man sich auf den Platz auf der Maladière vorbereiten kann.

Bei Xamax fehlt Raphaël Nuzzolo, die offensive Überlebensgarantie der Neuenburger, aber auch Igor Djuric, der Abwehrchef. Er fiel in der Vorrunde verletzt aus. Mit ihm konnte Xamax nun die Zahl der Gegentore pro Spiel von 2,3 auf 0,8 senken. Auf einen möglichen Vorteil angesprochen, sagt Magnin, dass bei ihnen Stürmer Stephen Odey auch gesperrt fehle. Tatsächlich ist die Offensive ein Problem. Der FCZ schiesst seit geraumer Zeit zu wenig Tore. In den vergangenen sieben Spielen waren es bloss zwei. Dem Angriffsspiel mangelt es an Torgefahr und Inspiration. Auch weil der 9-fache Saisontorschütze Benjamin Kololli zuletzt an einer starken Fussprellung litt und darum nie von Anfang an eingesetzt werden konnte. Dem Flügelspieler soll es wieder besser gehen.

Was ebenso im Abstiegskampf für den FCZ spricht: Die Direktbilanz mit Xamax, die ist diese Saison positiv, dazu das verhältnismässig leichte Restprogramm. Was gegen ihn spricht: die miserable Auswärtsbilanz. Fern vom Letzigrund hat der FCZ nur 13 Punkte geholt. Bloss ein Club war schlechter: GC.

Restprogramm: Xamax (a), Thun (h), Luzern (a), St. Gallen (h)

Xamax:Die Ziele verändern sich

In der Winterpause hätten sie in Neuenburg Platz 9 mit Handkuss genommen. Aber jetzt, vier Runden vor Schluss, stellt Stéphane Henchoz fest: «Die Ziele verändern sich. Heute haben wir die Möglichkeit, mehr zu sein als bloss Barrage-Teilnehmer.»

Seit Henchoz Trainer ist, hat Xamax 7 von 13 Spielen gewonnen. Er stützt sich dabei auf ein Team, das von Anfang an wusste, dass es in dieser Saison nur um eines spielt: sein Überleben in der Super League.

Und natürlich stützt er sich auf ihn: Raphaël Nuzzolo, 35 Jahre jung, 14 Tore, 14 Assists. Ausgerechnet er fehlt zwar gegen den FCZ gesperrt. Aber war es ein Zeichen, dass sich das Team von ihm emanzipieren kann? Das 2:0 in Thun am letzten Sonntag war der erste Neuenburger Sieg ohne Tor oder Assist von Nuzzolo. Henchoz jedenfalls stellt voller Selbstvertrauen fest: «Die Teams, die vor uns stehen, müssen sich ein paar Fragen stellen.»

Restprogramm: FCZ (h), Sion (a), Lugano (h), Basel (a)

Lugano:Der andere Celestini

Irgendwie muss es zwei Fabio Celestinis geben. Jenen, der sich als Lausanne-Trainer weigerte, seinen bedingungslosen Offensivfussball dem Abstiegskampf zu opfern. Was waren das teilweise für lustige Spiele, die die Waadtländer da ablieferten, bis er gehen musste.

Beim FC Lugano aber erlebt die Fussball-Schweiz einen anderen Celestini. Einen, der dem Fussballer Celestini näher ist. Der war auch eher für die nüchterne Arbeit im defensiven Mittelfeld denn für die fantasievollen Momente bekannt. Zehn Spiele sind die Tessiner nun unbesiegt. Sie haben dabei bloss sechs Gegentore erhalten.

Fertig Offensivfussball also. Hinten hält Lugano dicht. Und vorne hat das Team mit Carlinhos Junior (13 Tore/4 Assists) und Alexander Gerndt (8/10) einen für Schweizer Verhältnisse überdurchschnittlich guten Sturm. Gut genug, um sich vielleicht sogar direkt für die Europa League zu qualifizieren.

Restprogramm: Thun (a), St. Gallen (h), Xamax (a), GC (h)

Luzern:Verschobene Prioritäten

Remo Meyer möchte nicht gleich von Nervosität reden, aber angespannt ist er schon vor den restlichen vier Spielen. Und darum hat sich Luzerns Sportchef mit Trainer Thomas Häberli darauf verständigt, dass sie sich erst Ende Mai zu einem Vertragsgespräch treffen. Wobei die Signale beider Parteien eindeutig sind: Die Zusammenarbeit soll verlängert werden. Aber eben: Solange die Ligazugehörigkeit nicht geklärt ist, wird keine Unterschrift geleistet. Die Prioritäten haben sich verschoben.

Die aktuelle Lage hält die Clubleitung auch dazu an, sich mit der Frage auseinanderzusetzen, welche Konsequenzen ein Sturz in die Challenge League hätte. Gleichzeitig besteht immer noch die Chance, die Saison wie 2017/18 auf Platz 3 abzuschliessen. Von Europa League will Meyer aber derzeit nichts hören. Und Coach Häberli? Er denkt nur an morgen Sonntag: «Wir müssen GC bezwingen.»

Restprogramm: GC (h), Basel (a), FCZ (h), YB (a)

Sion:Die Nerven nicht verlieren

Diese Woche gab es wieder einmal richtig Wirbel im Wallis, als Präsident Christian Constantin entschied, Trainer Murat Yakin in die Ferien zu schicken, und die Öffentlichkeit wissen liess, dass es sich nicht um eine Entlassung handelt, sondern um einen Denkzettel. Am Freitag bekräftigt Constantin die Notwendigkeit seiner Aktion. Nicht, um das Team aufzurütteln, sondern Yakin: «So konnte es nicht weitergehen. Murat muss seine Arbeitsweise überdenken.»

Constantin sorgt also wieder einmal für Aufsehen – und kann seelenruhig sagen: «Wir dürfen jetzt nicht die Nerven verlieren.» Er erwartet Mut, Lust und Entschlossenheit von den Spielern, er wünscht sich, dass sie sich ein Beispiel nehmen an den Fussballern von Liverpool und Tottenham: «Die haben in der Champions League vorgemacht, was sich mit der richtigen Einstellung alles bewirken lässt.»

Restprogramm: St. Gallen (a), Xamax (h), GC (a), Thun (h)

St. Gallen:Keine Zeit für Wehmut

Zeit für Wehmut bleibt keine. Nicht jetzt, da es so eng zu- und hergeht. Es sei eine ganz spezielle Ausgangslage, sagt St. Gallens Galionsfigur Tranquillo Barnetta, die in ihrer grossen Karriere, die nun nach 17 Jahren zu Ende gehen wird, schon vieles erlebt hat – aber nicht so ein Saisonfinale.

Jeder Spieltag hält für Barnetta ein letztes Mal bereit, seit er den Rücktritt bekanntgab. Morgen die letzte Partie gegen Sion. Aber mit solch gefühlsgeladen Gedanken mag sich Barnetta nicht aufhalten, ihm ist recht, steht das Sportliche und nicht seine Person im Fokus: «Wir sind gut beraten, nicht nach oben zu blicken, sondern erst die nötigen Punkte für den Klassenerhalt zu holen.»

Restprogramm: Sion (h), Lugano (a), YB (h), FCZ (a)

Thun:Die paradoxe Situation

Trainer Marc Schneiders Arm zeigt gegen den Himmel, dann auf den Boden. «Momentan hat man das Gefühl, es gibt nichts dazwischen – nur oben oder unten.» Seit 11 Ligapartien ist sein Team ohne Sieg, es ist die längste Durststrecke seit dem Aufstieg 2010. Aber, sagt Schneider, hätte man ihm letzten Sommer gesagt, dass Thun vier Runden vor Ende den 3. Rang erreichen könne und im Cupfinal stehe, hätte er sofort unterschrieben.

Nicht für die Thuner spricht nebst ihrer Form das diffizile Schlussprogramm, das zwischen zwei Mittwochrunden den Cupfinal gegen Basel vorsieht, diesen Höhepunkt der Vereinshistorie, der schon jetzt Energie zu absorbieren droht. Eine x-te Chance auf den Befreiungsschlag verpassten die Oberländer gegen Xamax, heute bietet sich erneut daheim gegen Lugano eine weitere. «Der Druck wird nicht mehr geringer», sagt Schneider.

Restprogramm: Lugano (h), FCZ (a), Basel (h), Sion (a)

(pmb./fra/dwu/czu)

Erstellt: 11.05.2019, 16:16 Uhr

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