So stark sind die Grossen Europas

Wer ist eigentlich EM-Favorit? Die Ausgangslage für das Turnier im kommenden Jahr präsentiert sich offen.

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Selbst die Wettbüros sind unentschlossen. Einen klaren EM-Favoriten 2020 gibt es auch für sie nicht, am stärksten eingestuft wird Frankreich. Beim Weltmeister beginnt die Reise zu den Grossen Europas.

Frankreich: Mit Effizienz, Stilsicherheit und Mbappé Sorgt für die Unterhaltung in Frankreichs Spiel: Kylian Mbappé. (Foto: Keystone)

Die Franzosen spielen immer noch so wie einst ihr Trainer Didier Deschamps: solid und effizient, schlau und unspektakulär. Die meisten Weltmeister sind weiter dabei, vorne steht mit Olivier Giroud der vielleicht torungefährlichste, aber vermutlich mannschaftsdienlichste Mittelstürmer des Spitzenfussballs. An der WM gab er in 546 Minuten keinen Torschuss ab.

Für Spektakel hat Frankreich in erster Linie Kylian Mbappé, immer noch erst 20 und der erste Kandidat, wenn es um die Frage geht, wer nach Cristiano Ronaldo und Lionel Messi Weltfussballer wird. Deschamps meinte vor wenigen Tagen nach seinem 100. Länderspiel als Nationaltrainer, es gebe keinen klaren EM-Favoriten: «Aber wir sind stilsicher und haben bewiesen, an einem Turnier bereit sein zu können.»

England: Mit Kanes Toren und grossen Hoffnungen Häufiger Jubel – England hat auch dank Harry Kane eine starke Offensive. (Foto: Keystone)

Mit überzeugenden Leistungen hat sich England als Nummer 2 Europas etabliert. Zumindest bei den Wettanbietern. Bernard Challandes, der Schweizer Trainer von Kosovo, hält die Engländer sogar wahlweise für die Besten der Welt oder Europas.

Das Kader Englands ist deutlich breiter geworden, eine Offensive mit Harry Kane, Raheem Sterling, Marcus Rashford und dem 19-jährigen Jadon Sancho vereint Torgefahr, Dribbelstärke, Schnelligkeit. Auf allen Positionen stossen zudem starke Talente nach. Das ist aber bei vielen Topnationen der Fall, weil die Ausbildungsarbeit in den hochmodernen, gigantischen Nachwuchscentern der Topclubs seit langem ausgezeichnet ist.

Seit 1966 und dem WM-Triumph wartet England auf einen zweiten Titel. 1996 schied das ambitionierte Nationalteam an der Heim-EM im Halbfinal aus. Natürlich im Elfmeterschiessen gegen Deutschland. Nächstes Jahr steht das 60-Jahre-Jubiläum der EM mit 12 Spielorten in ganz Europa an, Halbfinal und Final werden im Wembley-Stadion ausgetragen. «Wir haben grosse Hoffnungen», sagt Kane, «und wir wissen, dass wir die Möglichkeiten besitzen, um den Titel zu spielen.»

Letzte Woche lieferte England im 1000. Länderspiel seiner Geschichte beim 7:0 gegen Montenegro eine Gala. Kane gelangen dabei drei Tore innerhalb von 19 Minuten, ein paar Tage später traf er beim 4:0 in Kosovo auch im achten und letzten Spiel der Qualifikation. Das schaffte vorher kein Engländer. Mit 12 Länderspieltoren egalisierte er zudem die Kalenderjahr-Bestwerte von 1908 und 1927. Er sagt: «Es ist immer noch jedes Mal ein Traum, für England zu treffen. Am schönsten aber ist es an einem grossen Turnier.»

Italien: Mit vielen Talenten und ohne Punktverlust Ein 20-Jähriger ist Italiens Spielmacher: Nicolo Zaniolo. (Foto: Keystone)

Beim personellen Umbruch sind die Engländer weiter als Spanien, Deutschland oder Italien. Die Italiener allerdings haben als einziges Team neben Belgien eine makellose Bilanz in der Qualifikation: 10 Spiele, 30 Punkte, 37:4-Tore. Und sie haben angedeutet, auf dem Weg zurück zu alter Stärke zu sein. «Das ist ein langer Prozess», sagt Trainer Roberto Mancini, «aber wir sind Italien, vierfacher Weltmeister, es ist unser Anspruch, bald wieder zur Weltklasse zu gehören.»

Mancini setzt auf viele aufstrebende Akteure. Spielmacher Nicolo Zaniolo ist 20, der giftige Federico Chiesa 22 wie Vorkämpfer Barella, Stratege Stefano Sensi ist 24, und als grösstes Talent gilt Sandro Tonali, der kurz vor der EM erst seinen 20. Geburtstag feiern wird. Tonali ist bei Brescia engagiert, die prominenten Clubs buhlen um den Techniker, der in seiner Heimat längst als neuer Pirlo gepriesen wird.

«An der EM
will keiner gegen uns antreten»,
Roberto Mancini, italienischer Nationaltrainer

Nicht nur wegen des 9:1 kürzlich gegen Armenien, des dritthöchsten Siegs der Verbandsgeschichte, lässt die Squadra Azzurra ihre Fans träumen. Zumal Goalie Gianluigi Donnarumma erst 20 ist – und Jorginho sowie Marco Verratti als Lenker im Aufbau mit 27 Jahren noch ein paar Saisons auf allerhöchstem Niveau agieren können. «Es gibt vielleicht grössere Teams», sagt Mancini, «aber ich glaube, an der EM will keiner gegen uns antreten.»

Spanien: Mit Turbulenzen und einem Trainerchaos In Spanien ist der alte Recke Sergio Ramos noch immer hoch im Kurs. (Foto: Keystone)

Schwierig einzuschätzen sind derweil die Spanier, die nach der Hochphase zwischen 2008 und 2012 mit drei Titeln bei ihrer Kaderrenovation Rückschläge erlitten haben. Alte Helden sind weiter wichtig, etwa Abwehrchef Sergio Ramos, der jüngst sein 169. Länderspiel bestritt und damit Iker Casillas als Rekordhalter ablöste. Insgesamt aber fehlt es Spanien seit 2012 an Sonderklasse, zudem erschweren Turbulenzen die Bemühungen, zu alter Stärke zu finden.

Verbandspräsident Luis Rubiales hat in 18 Monaten Amtszeit fünfmal und damit so oft den Trainer gewechselt wie Vorgänger Angel Maria Villar in 18 Jahren. Seit zwei Tagen ist wieder Luis Enrique im Amt, er hatte im Sommer den Rücktritt gegeben, um seine krebskranke Tochter in den letzten Monaten ihres Lebens zu begleiten. Robert Moreno, zuvor über zehn Jahre im Trainerteam Luis Enriques, verlor in acht Partien nie und war nicht bereit, freiwillig wieder in die zweite Reihe zu rücken. Und so haben die Spanier erneut Unruhe rund um den Posten des Nationalcoachs.

Deutschland: Mit Sorgen und Bescheidenheit Wo sind nur die deutschen Weltklasseverteidiger? Deutschland steigt als Aussenseiter ins Turnier. (Foto: Keystone)

Diese Unruhe hatten auch die Deutschen, doch die Debatten um Joachim Löw haben sich beruhigt. Der Weltmeistertrainer hat die Verabschiedung mehrerer WM-Hauptdarsteller 2014 ziemlich rustikal vollzogen, aber weil in Deutschland weniger Toptalente als anderswo nachstossen, gestaltet sich der Neuaufbau kompliziert. «Es gibt derzeit bessere Nationen», sagt Löw, «Frankreich, England und Holland sind eingespielter.» Mit Mittelfeldspieler Joshua Kimmich sowie den Angreifern Serge Gnabry und Timo Werner haben sich zumindest drei Aufsteiger etabliert, die zwei grössten Hoffnungsträger allerdings fallen mit schweren Knieverletzungen monatelang aus. Stürmer Leroy Sané dürfte bei der EM wieder einsatzbereit sein, bei Abwehrhüne Niklas Süle wird es eng.

Und so fehlen den Deutschen international starke Innenverteidiger, weil Löw eben zum Beispiel auf den bei Dortmund überzeugenden Mats Hummels verzichtet – und lieber fast jeden Bundesliga-Innenverteidiger mit deutschem Pass aufbietet. Mit den Goalies Manuel Neuer und Marc-André ter Stegen sowie Toni Kroos stehen nur drei Spieler von Weltklasseformat im Kader. Die EM 2020 wird Deutschland als Aussenseiter bestreiten.

Portugal: Mit Potenzial und dem unersättlichen Ronaldo Bei Portugal dreht sich weiterhin alles um den Mann mit der Nummer 7 – Cristiano Ronaldo. (Foto: Keystone)

Titelverteidiger Portugal hat 2016 bewiesen, dass es mit ein bisschen Glück und günstiger Auslosung möglich ist, die Favoriten zu überlisten. Mittlerweile steht Cristiano Ronaldo das wohl beste Team in 16 Jahren Nationalmannschaft zur Seite. Das bewies auch der Erfolg in der ersten Austragung der Nations League.

Die Könige Europas brillierten in der EM-Qualifikation nicht, aber zumindest Ronaldo arbeitete weiter am Legendenstatus. Zuletzt traf er dreimal beim 6:0 gegen Litauen und einmal beim 2:0 in Luxemburg. Er steht nun bei 99 Toren in 164 Länderspielen, noch zehn fehlen ihm zur Bestmarke des Iraners Ali Daei. «Rekorde sind da, um gebrochen zu werden», sagt der 34-Jährige.

Der Superstar soll auch gewitzelt haben, die Brasilianer hätten fünf WM-Titel mehr, wenn er für sie gespielt hätte. So erzählt das zumindest Juventus-Teamkollege Danilo. Vielleicht ist das nur gut erfunden, aber es würde alles darüber aussagen, wie sehr Ronaldo von sich überzeugt ist.

Rest: Mit Geheimfavoriten und Vizeweltmeistern Romelu Lukaku und seine Belgier müssen hohe Erwartungen erfüllen. (Foto: Keystone)

Belgien, dem schier ewigen Geheimfavoriten, traut man angesichts der enormen Dichte an überragenden Fussballern erneut viel zu. Die Generation um Eden Hazard, Romelu Lukaku und Kevin de Bruyne nimmt 2020 den nächsten Anlauf, die hohen Erwartungen zu erfüllen.

Holland mit den überzeugenden Innenverteidigern Virgil van Dijk und Matthijs de Ligt wiederum hinterlässt nach heiklen Jahren einen gefestigten Eindruck, ist aber offensiv berechenbar.

Hinter den grossen Fussballnationen folgt eine ganze Reihe von Mannschaften, die das Potenzial besitzen, für Furore zu sorgen. Wie 2016 Wales (Halbfinal) und Island (Viertelfinal). Dazu gehört zuerst einmal Vizeweltmeister Kroatien, dann aber auch die wiedererstarkte Türkei mit einem bemerkenswerten Reservoir an talentierten Spielern. Und dazu gehört die Schweiz.


Dritte Halbzeit – der Tamedia Fussball-Podcast

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Erstellt: 21.11.2019, 08:30 Uhr

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