Spitzenclub? Was für ein Spitzenclub?

Die Chefs des FC Zürich träumen vom schönen Fussball – das 0:4 gegen Lugano jedoch zeigt, dass Bescheidenheit angebracht wäre.

Simon Sohm kann es nicht fassen, dass der FCZ gegen Lugano 0:4 unterging.

Simon Sohm kann es nicht fassen, dass der FCZ gegen Lugano 0:4 unterging. Bild: Ennio Leanza/Keystone

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An der Medienkonferenz am Sonntag hat Ludovic Magnin wieder seinen Moment, als er das Herz auf der Zunge trägt. Da sagt er ungefiltert: «Das ist in die Hose gegangen.»

0:4 hat Magnin mit dem FCZ verloren, daheim, zum Start in die neue Saison. 0:4 tönt nach dem, was es ist: nach Blamage, eben nach «in die Hose gegangen». Der FCZ ist Tabellenletzter der Super League, das ist noch nicht weiter schlimm, weil erst eine Runde gespielt ist. Eines ist trotzdem Tatsache: Der FCZ hält die Tradition hoch, dass ein Zürcher Club in der Rangliste zuunterst liegt. GC hat sie in seinem desaströsen Frühjahr begründet.

«Natürlich sind wir ein Spitzenverein.»FCZ-Präsident Ancillo Canepa

Als der Match gegen Lugano ­beginnt, ist noch im Kopf, was Präsident und Sportchef am Vortag in einem Interview mit der NZZ gesagt haben. Und da haben sie ganz viel gesagt. Ancillo Canepa zum Beispiel: «Natürlich sind wir ein Spitzenverein.» Oder Thomas Bickel, der Sportchef: «Wir haben Transfers getätigt, die auch den Stil des FCZ abbilden sollen.»

Davon reden sie gerne beim FCZ: vom Spiel, das sie sehen wollen, vom schönen Spiel, als wären ihre Angestellten in kurzen Hosen alles Brasilianer. Als Uli Forte noch der Trainer war, beging er einen Fehler: Er dachte, in erster Linie sei das Resultat wichtig. Darum wurde er im Februar 2018 entlassen und durch Magnin ersetzt. Magnin wurde mit dem Auftrag zum Nachfolger befördert, Spektakel und Nachwuchs­förderung zu garantieren. Er selbst kündigte sich als «Trainer für die grossen Spiele» an. So unbescheiden war der Neuling dann doch.

Von Spektakel und Nachwuchsförderung war letzte Saison grundsätzlich nicht viel zu sehen, in der Rückrunde schon gar nichts mehr. Magnin durfte auf die Nibelungentreue der Canepas setzen. Bickel war trotzdem schon früh bewusst, dass die Mannschaft ein neues Gesicht bekommen musste. Darum sind auf diesen Sommer hin Nathan, Britto, Popovic, Mahi und Kramer gekommen.

Nathan ist in der Schweiz bekannt als Verteidiger, der letzte Saison bei GC dauer­verletzt war. Und der Rest? Ist gross angekündigt als Ansammlung von Trouvaillen. Blaz Kramer? Wer ihn bekommen kann, muss ihn holen. Sagt Bickel. Mimoun Mahi? Er erinnert an Chikhaoui. Sagt Canepa. Denis Popovic? Eine Nummer 6, die eigentlich ein verkappter Spielmacher ist. Sagt Bickel.

Warum schüren sie übersteigerte Erwartungen? 

Es bleibt den Verantwortlichen unbenommen, die Neuen derart anzupreisen und sich selbst mit Lob zu überhäufen, solche ­Spieler gefunden zu haben. Aber warum tun sie das? Wieso setzen sie alle bereits derart unter Druck, bevor der erste Ball gespielt ist, die Spieler und nicht zuletzt den Trainer? Warum schüren sie übersteigerte Erwartungen? Wieso geht es nicht eine Nummer kleiner?

Kramer zum Beispiel ist von Wolfsburg II gekommen, aus der vierten deutschen Liga. Mahi mit Chikhaoui zu vergleichen, ach ja… Da ist noch Willie Britto, der gegen Lugano so schlecht ist, dass man sich fragt, ob es einen solchen Rechtsverteidiger nur in der Elfenbeinküste und nicht auch irgendwo in der Challenge League gibt. Oder der Slowene Popovic, er kam aus der russischen Liga, aus Orenburg. Gegen Lugano spielt er den Fehlpass, der letzten Endes zum Elfmeter und 0:1 führt. Er ist mit seinen 1,87 m nicht Mann genug, den einen halben Kopf kleineren Francisco Rodriguez am 0:3 zu hindern. Schliesslich der absurde Moment, als er reklamiert, der Ball sei im Seitenaus, und darum stehen bleibt. Ein paar Sekunden später steht es 0:4. Bickel sagt im Zusammenhang mit Popovic auch: «Wir wollten keinen Abräumer à la Gennaro Gattuso.» Wieso auch einen Spieler holen, der einfach das macht, was er kann! Einen Spieler, den jeder braucht, der Erfolg haben will, zum Beispiel Italien beim WM-Titel 2006.

Natürlich ist nun nichts weiter passiert, als dass der FCZ ein Spiel verloren hat. Es hätte am Sonntag alles anders ausgehen können, wenn Benjamin Kololli aus einer seiner zwei frühen Chancen ein Tor gemacht hätte. Und doch ist bedenklich, wie die Mannschaft schon nach dem Elfmeter von Maric zerfleddert. Wie sie in der zweiten Halbzeit keinen Hauch von Reaktion und Aufbäumen zeigt. Wie sie vom Spielerischen und von der Organisation her vorgeführt wird. Wie Assan Ceesay den Verdacht am Leben hält, der FCZ habe ein Stürmerproblem.

«Irgendwann fliege ich raus.»FCZ-Trainer Ludovic Magnin

Am kommenden Sonntag hat der FCZ in Luzern die erste Chance zur Korrektur. Magnin sollte dabei nie vergessen, was er vergangene Woche selbst gesagt hat: «Irgendwann fliege ich raus.» Darum wäre ihm geholfen, wenn der FCZ ­ziemlich schnell anders auftritt als gegen Lugano.

Erstellt: 22.07.2019, 21:08 Uhr

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