Challenge League

Wenn ein «guter» Punkt zu wenig ist

1:1 als Tabellenletzter bei einem Aufstiegskandidaten – so gesehen war es ein guter Punkt des FCW gegen Servette. Aber in der Endphase hätten die Winterthurer diesen Match noch gewinnen können, wenn nicht müssen.

Das Foul von Servettes Goalie Jérémy Frick an Silvio: Es war vertretbar, dafür einen Penalty zu geben.

Das Foul von Servettes Goalie Jérémy Frick an Silvio: Es war vertretbar, dafür einen Penalty zu geben. Bild: Eric Lafargue

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Nach 63 Minuten fiel Servettes 1:0, als William Le Pogam flankte, Torhüter Matthias Minder die Torlinie nicht verliess (was ein Fehler war), sich Kofi Schulz vom knapp zehn Zentimeter kleineren ­Serben Miroslav Stevanovic überspringen liess und der den Ball aus drei Metern in die weitere Torecke köpfelte. 1:0 für Servette, logisch aufgrund von dessen feldmässiger Dominanz, konnte man danach sagen.In der 79. Minute setzte sich Manuel Sutter, nach dem Tor eingewechselt, listig gegen den erfahrenen Genfer Rechtsverteidiger Anthony Sauthier durch. Er lief alleine auf Torhüter Jérémy Frick zu, den Ball genau für einen Lob auf dem Fuss – und hob ihn übers verlassene Tor hinweg. Eine sichere Chance war vergeben.

Typisch Schulz, typisch Sutter

Wäre das Spiel danach zu Ende gewesen, hätte man gesagt: Es war wie gehabt, typisch für den FCW eben. Schulz verschuldet ein Tor (wenigstens zu einem guten Teil), Sutter nutzt seine Chance(n) nicht. Da muss der FCW ja ver­lieren, da kann er ja nicht vom schmählichen letzten Platz wegkommen. Da erreicht er doch einfach nie (oder doch: fast nie), was an diesem einen Tag möglich bis zwingend gewesen wäre.

Aber so war es an diesem kühlen Abend im Stade de Genève dann doch nicht. Es war nicht so, weil sich der Servette FC in der aktuellen Verfassung schwertut, seinen Ansprüchen gerecht zu werden. Das war schon am Montag in Wil zu sehen, als er nur ein 0:0 erreichte und Miroslav Stevanovic eine Kopfballchance, wie er sie diesmal verwertete, vergab. Es war in Genf aber auch nicht so wie zuletzt immer wieder, weil der FCW grundsätzlich eben schon nicht vom Niveau eines Tabellenletzten ist, weil er – wie schon zwei Wochen zuvor in Aarau – ­fähig war, auf einen Rückstand zu reagieren. Und auch, weil sein Trainer diesmal die dafür nötige Schützenhilfe leistete.

Kaum lag der Ball zum 1:0 im Tor, rief Umberto Romano seinen Stürmer Sutter. Der musste dann, mangels Spielunterbruch, bis zur 70. Minute warten, ehe er eingewechselt werden konnte. Er kam für «Sechser» Tiziano Lanza und wurde, für Luca Radice, linker Flügelmann. Ein paar Minuten später stellte Romano mit der Hereinnahme eines andern Flügelmannes, Dario Ulrich, für den zentralen Mittelfeldspieler Robin Huser nochmals um, diesmal markant. Denn fortan suchte der FCW den Ausgleich praktisch mit einem 4-2-4.

Nun war er offensiv zu spüren, weit zupackender als bis zum Gegentor. Bis dahin hatte er, zum dritten Mal in Folge, in einem 4-5-1 gespielt. Defensiv gut und diszipliniert, aber eben nur defensiv. Das reichte, die Genfer an nennenswerten Chancen zu hindern. Es war, man kann es nicht anders sagen, der Stil eines Tabellenletzten, der auch mangels Selbstvertrauen vor allem ein Ziel hat: Tore verhindern. Daran ändert auch nichts, dass Karim Gazzetta nach Vorarbeit Radices in der 48. Minute eine sehr gute Chance hatte. So eine hatten die Genfer trotz all ihrer Überlegenheit auch nur eine, einen Fallrückzieher von Alexandre Alphonse, der kurz vor Halbzeit knapp am Pfosten vorbeistrich.

Penalty und Doppelchance

Es wirkte zwar bemüht und einsatzvoll, wurde aber nicht dem Anspruch eines FCW gerecht, was die Mannschaft bis zu jener 63. Minute bot. Da war schon von ganz anderem Zuschnitt, was folgte. Es waren eben auch Signale der Eingewechselten, von ­Ulrich und Sutter. So bereitete Ulrich mit einem Flügellauf und starker Flanke auf Silvio die Wende vor. Silvio stoppte den Ball sieben Meter vor dem Tor nicht sehr gut, also flog die Kugel, von Frick abgelenkt, übers Tor. Allein, der Schiedsrichter pfiff Elfmeter, weil Frick Silvio rüde in die Beine gesprungen war. Zwar, als der soeben geschossen hatte, aber eben doch.

Der Elfmeter war sicher vertretbar, aber ein bisschen Schiedsrichterglück hatten die Winterthurer in dieser Szene doch auch mal. Dann schritt Sutter, ausgerechnet er, der «Chancentod», heran und stellte in einer Diskussion mit dem Captain Radice klar, er fühle sich «bereit und fit», die Verantwortung zu übernehmen. Schliesslich hat er Ende September in Wohlen ­getroffen, vorher hatte Silvio in Schaffhausen und nachher Kreso Ljubicic beim zweiten Elfmeter in Wohlen gepatzt. Sutter hielt Wort. Er schob den Ball zur allgemeinen und gewiss vor allem seiner Erleichterung flach ins Tor. In der 88. Minute, knapp zwei ­Minuten, nachdem der Penalty gepfiffen worden war.

Aber der FCW wäre nicht der FCW dieser Tage, müsste man nach dem Schlusspfiff nach der 95. Minute nicht sagen, er habe doch weniger erreicht, als möglich bis zwingend gewesen wäre. Denn in der letzten Minute stibitzte Silvio Sauthier den Ball und schupfte ihn Sutter in den Lauf. Der trat, schon wieder, alleine vor Frick auf und scheiterte. Der Abpraller flog Silvio vor die Füsse, und der schob den Ball aus elf Metern knapp, ganz knapp am weiteren Pfosten vorbei.

Als Sekunden später abgepfiffen wurde, gabs keinen Winterthurer, der sich über den Punkt freute, für den man zu Spielbeginn – oder erst recht nach gut einer Stunde – unterschrieben hätte. Alle ärgerten sich über die verpasste letzte Chance, über die insgesamt verpasste Chance. Den Genfern war klar, welchen Schreckmoment sie da überstanden hatten – in einem Spiel, in dem sie klar mehrheitlich den Ball, der Gegner aber ein Plus an klaren Chancen hatte. «Wir spielten mit zu wenig Tempo gegen diese Abwehr», kritisierte Trainer Meho Kodro. Es war offen­sichtlich, was seine Mannschaft in der Winterpause vor allem braucht, will sie das ­Aufstiegsduell mit Neuchâtel Xamax gewinnen: einen Skorer, einen Nachfolger für Jean-Pierre Nsame. Der schoss tags darauf an der Spitze der Super League das wichtige Tor der Young Boys.

Romanos Lob den Fans

Romano konnte, anders als Kodro, mit seiner Tagesleistung zufrieden sein. Eine erste spürbare Retusche hatte er schon nach27 Minuten vorgenommen, als er Kwadwo Duah und Radice die Flügelpositionen tauschen liess. Er sah, zu Recht, in Radice die bessere defensive Hilfe für den Linksverteidiger Schulz. Der war halt auch in seinem dritten Spiel hintereinander ein Schwachpunkt. Romano hatte aber auch zu kritisieren, manche seiner Spieler hätten in ihrer Offensivarbeit anfangs zu wenig präsent, zu wenig agil gewirkt. Aber er konnte diesmal auf gute Innenverteidiger zählen, auf Mittelfeldspieler, die defensiv viel arbeiteten und liefen. Und auf ­Joker, die stachen.

Am meisten begeisterten den Trainer aber «die mitgereisten Fans. Es war unglaublich, welche Stimmung sie machten.» Darüber hinaus ist einfach zu sagen: Der FCW hat auch an diesem Abend seine Serie fortgesetzt, in keinem Spiel chancenlos unterlegen zu sein – weit davon entfernt. Aber er macht einfach zu selten genug daraus. In den letzten acht Spielen, notabene sieglos, durfte er nur zweimal mit seiner Ausbeute einigermassen zufrieden sein. Das war in Aarau und nun in Genf, wo eben am wenigsten etwas von ihm erwartet wurde. Aber in Aarau lag er bis zur 95. Minute in Führung, in Genf hatte er in der 95. die einmalige Doppelchance zum Siegtor. Also hielt er selbst in diesen Spielen bestenfalls den Spatz in der Hand. In zwei Wochen gegen den FC Wil, der noch drei Wochen länger auf seinen zweiten Sieg wartet, wird die Druck­situation wieder anders sein. Da würde eine Niederlage gar doppelt zählen.

Erstellt: 05.11.2017, 22:58 Uhr

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