Wer ist die Fussballerin, die Trump provoziert?

Sie werde nicht «in das verdammte Weisse Haus» gehen, sagte Megan Rapinoe. Und wird damit zu einer Fussball-Ikone.

Clever, frech, angriffig: Fussballpionierin Megan Rapinoe. Foto: Imago

Clever, frech, angriffig: Fussballpionierin Megan Rapinoe. Foto: Imago

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Megan Rapinoe schnürte sich gerade die Schuhe, als sie den Präsidenten der USA provozierte. Sie hatte ihr Trikot an, mit dem Wappen des Verbandes und drei Sternen auf der linken Seite, einen für jede gewonnene Weltmeisterschaft. Das Fussballmagazin «Eight by Eight» fotografierte die Co-Kapitänin und andere Spielerinnen des Nationalteams, das war kurz vor dem Start der WM in Frankreich, und dabei wurde gefilmt. Und dann wird ihr diese Frage gestellt: «Freust du dich, ins Weisse Haus zu gehen?» Eine Steilvorlage, Rapinoe verwandelt: «Ich werde nicht in das verdammte Weisse Haus gehen», sagt sie. Und fügt mit hochgezogenen Augenbrauen an: «Wir werden eh nicht eingeladen, das bezweifle ich.»

Das Magazin hat das Video im Internet veröffentlicht. Frei verfügbar, auch für Donald Trump. Und es dauerte nicht lange, bis sich der Präsident auf Twitter meldete. «Ich bin ein grosser Fan des amerikanischen Teams und des Frauenfussballs, aber Megan sollte erst gewinnen, bevor sie redet! Bring den Job zu Ende», schrieb Trump, der das Nationalteam trotzdem einlud – egal, wie es bei der WM abschneidet. «Megan sollte nie unser Land, das Weisse Haus oder unsere Flagge missachten. Insbesondere, weil so viel für sie und das Team getan wurde.»

Rapinoe (33) lässt sich von solchen Aufforderungen nicht beeinflussen. Die Kalifornierin zeigt auch in der Öffentlichkeit keine Scheu, Kritik zu gesellschaftspolitischen Themen zu äussern. Ob sie fürs ganze Team spreche, wurde Rapinoe von «Eight by Eight» gefragt. Ihre Antwort: «Ich weiss nicht von allen, wen sie wählen, aber ich hoffe, keine hat für ihn gestimmt.» Mit seiner rechtskonservativen Politik vertritt Trump so ziemlich alles, was Rapinoe ablehnt. Sie wirbelt auf dem linken Flügel, auch politisch. Für ihre Überzeugungen steht sie mit allen Konsequenzen ein. Damit ist sie zu einer Ikone im US-Fussball, im Sport überhaupt geworden – weil Athletinnen und Athleten mit einer klaren politischen Haltung immer noch Ausnahmen sind. Erst recht solche wie Rapinoe.

Sie nutzt die Möglichkeiten, die ihr gegeben sind, inzwischen vor jedem Spiel. Manchmal muss man gar nicht viel tun, um viel zu bewirken. Wenn bei der WM die Hymne aus den Lautsprechern schallte und ihre Mitspielerinnen anfingen, «The Star-Spangled Banner» zu singen, schwieg Rapinoe, die Arme hinter den Rücken. So will sie auf Ungerechtigkeiten gegen Minderheiten aufmerksam machen – und erst wieder mitsingen, wenn das Strafrecht in den USA reformiert und die Rechte von Lesben und Schwulen gestärkt werden. «Wahrscheinlich werde ich nie mehr meine Hand über mein Herz legen», sagt sie dazu, «ich werde wahrscheinlich nie wieder die Hymne singen.»

Mehr Erfolg, weniger Lohn

Auch nicht an diesem Abend, als Rapinoe mit den USA gegen Frankreich um den Einzug in den Halbfinal spielt. Es war der vorweggenommene Höhepunkt der WM, der grosse Favorit USA traf in Paris auf den Gastgeber. Das Stadion Prinzenpark war ausverkauft, die Einschaltquoten hoch, die Partie umkämpft. Beide Teams stehen für grosse Präsenz auf dem Platz, für gesundes Selbstbewusstsein und hohe Qualität mit erfahrenen Spielerinnen. Frankreich hätte erstmals eine WM gewinnen können und so als erste Nation bei den Männern und bei den Frauen amtierender Weltmeister sein. Für die USA ging es darum, ihren Titel von 2015 zu verteidigen.

Die US-Spielerinnen würden damit ihre Forderungen unterstreichen, zu deren Durchsetzung sie im März vor Gericht gezogen sind, mit einer Sammelklage. Erst waren es fünf Spielerinnen, angeführt von ­Rapinoe und Alex Morgan, dann schloss sich die ganze Nationalelf an und verklagte am Weltfrauentag den US-Verband – wegen Diskriminierung: Die Frauen bekommen nur 38 Prozent des Männerlohns im US-Fussball, und es geht auch um infrastrukturelle Bedingungen und Gleichbehandlung. Die Spielerinnen sehen sich als Pionierinnen, die Grenzen verschieben wollen, in den USA, aber auch weltweit. Als dreimalige Weltmeisterinnen und viermalige Olympiasiegerinnen, die viel erfolgreicher sind als die Fussball-Männer ihres Landes, führen sie den Kampf um Veränderungen aus einer starken Position heraus.

Rapinoe hatte sich 2012 als lesbisch geoutet und setzt sich seither für LGBTQ-Rechte ein. Foto: Keystone

Aber wie kann Rapinoe auf dem Platz ein Land repräsen­tieren, das von einer Regierung geführt wird, die sie anwidert? Wie kann sie für einen Verband spielen, von dem sie ihre Rechte missachtet sieht?

«Wie ich älter wurde, habe ich erst wirklich verstanden, wie mächtig eine Stimme sein kann – meine Stimme, die Stimme des Teams», sagte die Offensivspielerin des ­Seattle Reign FC dazu dem «Guardian»: «Das zurückzuhalten oder nicht zu nutzen, wäre in gewisser Weise egoistisch.»

Rapinoe setzt sich für LGBTQ-Rechte ein, vor Olympia 2012 hatte sie sich als lesbisch geoutet. Im Juni 2018 wurde sie mit ihrer Lebensgefährtin, der Basketballerin Sue Bird, als erstes gleichgeschlechtliches Paar nackt für das Sportmagazin ESPN abgelichtet. Rapinoe sieht sich als eine Art personifizierter Trotz – vor allem, wenn sie das US-Trikot trägt. Sie ist eine der Besten, also steht ausser Frage, dass sie spielt. So erreicht sie Millionen Menschen.

Für Rapinoe ist eine starke politische Haltung eine Selbstverständlichkeit, die sie immer in sich trug. Sie wuchs auf im konservativen Palo Cedro im Norden Kaliforniens, in einer christlichen Familie mit vier Geschwistern, nicht gerade liberal erzogen, aber geprägt davon, ­andere Menschen nicht voreingenommen zu bewerten und für diejenigen aufzustehen, die es selbst nicht können.

Eine Bühne, die sie liebt

Bei all ihrer Ernsthaftigkeit wird über Rapinoe erzählt, sie könne in den richtigen Momenten auch Lockerheit ins Team bringen. Ihr gelingt die Balance aus Humor, Nachdenklichkeit und Ehrgeiz. In 156 Länderspielen hat sie 47 Tore geschossen, bei dieser WM waren es bis zum Viertelfinal schon drei – den Achtelfinal gegen Spanien (2:1) entschied sie mit zwei Penaltys. Ihre clevere, freche Spielweise mutet bisweilen an, als verstehe sie Fussball als Katz-und-Maus-Spiel.

Der Viertelfinal gegen Frankreich bot ihr die Art von Bühne, die sie liebt: «Ich hoffe, es wird riesig und verrückt. Das sind die grössten Spiele, von denen du als Kind träumst.» 2012 gewann sie Olympiagold, 2015 den WM-Titel. Ins Weisse Haus muss Megan Rapinoe also gar nicht mehr. Sie war schon dort.

Erstellt: 28.06.2019, 13:50 Uhr

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