Wieder geht ein Trainer unter Tränen

Spaniens Nationaltrainer Robert Moreno gibt auf – und macht Platz für seinen Vorgänger. Die Art und Weise des Wechsels wird für den spanischen Verband zum PR-Desaster.

Plötzlich nicht mehr Spaniens Nationaltrainer: Robert Moreno. (Bild: Keystone/Manu Fernandez)

Plötzlich nicht mehr Spaniens Nationaltrainer: Robert Moreno. (Bild: Keystone/Manu Fernandez)

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Auf das Talent, sich selbst ins Knie zu schiessen, haben die Spanier mit Sicherheit kein weltweit gültiges Patent. Dennoch: Gäbe es einen derartigen internationalen Wettbewerb unter nationalen Fussballverbänden, dann wäre es nur schwer, den Spaniern die Meisterschaft in Selbstverstümmelung streitig zu machen.

Zur Erinnerung: Vor der Weltmeisterschaft 2018 galten die Spanier als Turnier-Favorit; weil aber Trainer Julen Lopetegui hinter dem Rücken des Verbandes RFEF einen Vertrag bei Real Madrid unterschrieben hatte, warf ihn RFEF-Chef Luis Rubiales achtkantig raus, als Spaniens Mannschaft bereits auf russischem Boden trainierte; Lopetegui brach auf der Rückreise nach Madrid, beim Zwischenstopp in Moskau, weinend zusammen, Spanien schied im Achtelfinale im Penaltyschiessen gegen den Gastgeber aus.

Am Montag nun sicherte sich Spanien durch ein 5:0 gegen Rumänien in der Qualifikation für die EM 2020 einen Platz unter den gesetzten Teams und wäre eigentlich mit der Frage ausgelastet gewesen, ob man nun wieder Titelfavorit sei oder nicht. Doch wieder ging ein Trainer unter Tränen, vor dem Hintergrund eines unnötigen Trauerspiels mit wirklich tragischen Zügen. Sein Name diesmal: Robert Moreno.

Nach all den Spekulationen der Medien zeigt Moreno Nerven

Die Vorgeschichte hatte im Grunde nach dem Aus von Lopetegui (und dem darauf folgenden, glücklosen Interregnum von Fernando Hierro) begonnen. Nach der WM 2018 holte Spaniens Verband als Trainer Luis Enrique, der 2015 mit dem FC Barcelona das Triple aus Meisterschaft, Pokal und Champions League gewonnen hatte. Im März 2019 aber brach eine Tragödie über Luis Enrique herein, deren Dimension die Öffentlichkeit erst nur erahnen konnte: Luis Enrique reiste Hals über Kopf von einem Spiel in Malta ab, erklärte seinen vorläufigen, schliesslich endgültigen Rücktritt – «aus privaten Gründen». Ende August teilte Luis Enrique einer erschütterten Öffentlichkeit mit, seine Tochter Xana sei mit neun Jahren an den Folgen einer Knochenkrebserkrankung verstorben.

Der Verband entschied zweierlei: Luis Enrique dürfe, wann immer er es für möglich halte, auf seinen Posten zurückkehren. Solange solle Robert Moreno, über Jahre Luis Enriques treuer Assistent, das Amt ausfüllen. «Luis Enrique ist mein Freund, und das ist mir wichtiger als jedes Lebensprojekt. Wenn er entscheiden sollte, dass er Lust hat, wieder anzufangen, werde ich der erste sein, der einen Schritt zur Seite tritt und wieder mit ihm zusammenarbeitet», sagte Moreno, 42, im September.

Hat er nun, nach neun Spielen ohne Niederlage, einen Sinneswandel vollzogen? Es wäre eine Erklärung für vieles von dem, was seit Freitag geschah und in ein PR-Desaster mündete, das Verbandschef Rubiales am Dienstag in einer Pressekonferenz mühsam einzufangen versuchte.

An besagtem Freitag hatte Spanien durch ein 7:0 gegen Malta die EM-Qualifikation geschafft. Rubiales hatte sich vor Reportern blicken lassen, um seinem Lieblingsfeind, dem Liga-Chef Javier Tebas, einen mitzugeben. Womit Rubiales nicht rechnete: dass ihm eine logische Frage gestellt werden würde. Nämlich, ob Moreno Spaniens Trainer bei der EM sein würde. Bislang war es Verbandssitte gewesen, dass ein Coach bei erfolgreicher Qualifikation im Amt bestätigt wurde. Rubiales aber eierte herum – und beschwor damit herauf, dass sich alles überschlug.

Enrique ist zurück und soll bis zur WM 2022 bleiben

Spaniens Medien begannen zu spekulieren. Zum Beispiel: Der Verband wolle Moreno ablösen und Ernesto Valverde (FC Barcelona) oder Marcelino (zuletzt Valencia) als Trainer holen; beide hätten ein besseres Curriculum als der unerfahrene Moreno, der den Profis eine Menge Freizeit gab. Hiess es. Die beiden Unentschieden gegen Schweden und Norwegen hätten die Zweifel verstärkt. Im Lichte all dieser Spekulationen zeigte Moreno Nerven – und forderte vom Verband am Sonntag ultimativ eine Klärung der Lage; mit der Aussage, dass man bis Ende der Qualifikationsrunde warten wolle, wollte er sich offenbar nicht zufrieden geben. Als Moreno angedeutet wurde, dass Luis Enrique zurückkehren könnte, habe Moreno am Montagmorgen, also Stunden vor dem Rumänien-Spiel, per SMS erklärt, dass er dem Comeback seines Ex-Chefs nicht im Wege stehen wolle.

Aber dass er sich verletzt fühlte, war nicht zu kaschieren – und überlagerte die von so vielen Spaniern erhoffte Nachricht von der Rückkehr Luis Enriques. Nachdem Moreno in Madrid letztmals auf der Bank gesessen hatte, verabschiedete er sich weinend von den Nationalspielern, sagte die obligatorische Pressekonferenz ab und verliess das Stadion in Begleitung des Teampsychologen; zu einem Gespräch mit Rubiales und Sportdirektor Molina am Dienstag schickte er nur noch seine Anwälte.

Derweil nahmen weitere Spekulationen Fahrt auf, es gab Fragen, die sich vielleicht nie mehr klären lassen. Etwa: Wer mit wem nicht mehr arbeiten will, ob Luis Enrique mit Moreno oder umgekehrt. Jedenfalls ist Luis Enrique nun zurück, nachdem er «ohne jeden Zweifel besser dotierte Angebote ausgeschlagen» habe, wie Rubiales sagte. Luis Enrique soll sein Amt spätestens im Januar antreten – und bis zur WM in Katar 2022 bleiben.

Erstellt: 21.11.2019, 14:04 Uhr

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