«Wir leben für das Spiel, nicht für das Geld»

Die «New York Times» hat über 100 Fussballerinnen befragt, was die Schwierigkeiten in ihrem Sport sind. Es geht um Geld, Jobs und Opfer.

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Samstag, 16.56 Uhr, das deutsche Nationalteam hat gerade die Chinesinnen 1:0 bezwungen, die deutschen Medien schicken ihre Push-Nachrichten auf die Telefone des Landes. Der mühsame Sieg lässt eine Boulevardzeitung zu dieser Nachricht hinreissen: «Hässlicher Auftakt-Sieg dank unserer Hübschesten», steht da. Gemeint ist Giulia Gwinn, Jahrgang 1999, sie schoss das einzige Tor gegen China. Viele Fussballerinnen, darunter die Schweizer Nationalspielerin Lia Wälti, störten sich an dieser Schlagzeile. Die Zeitung berief sich auf ein Zitat einer Mitspielerin, die sagte, Gwinn sei die Hübscheste ihres Teams.

Wohl nicht gesehen, geschweige denn verstanden hat Kathellen Sousa Feitoza diese Nachricht. Doch es ist wohl das, was sie meint, wenn sie sagt: «Diskriminierung in jedem Aspekt, kein Support, kein Geld, keine guten Plätze. Wir fordern Respekt.» Kathellen ist eine 23-jährige Verteidigerin, sie spielt für das Nationalteam Brasiliens. Es ist die Antwort auf die Frage, was das Schlechteste sei an ihrem Beruf.

Über drei Millionen sahen das Eröffnungsspiel

Kathellen ist auch eine von 108 Frauen, die vor der Weltmeisterschaft von der «New York Times» befragt wurden. Die WM begann am Freitag mit dem Eröffnungsspiel zwischen Gastgeber Frankreich und Südkorea. 4:0 gewannen die Französinnen, 47'000 Zuschauer im Stadion, Millionen vor den Fernsehern. Im ZDF sahen durchschnittlich 3,12 Millionen Zuschauer das Spiel, was einem Marktanteil von 12,3 Prozent entspricht.

Klingt doch nach Fussballfest. Ist die WM auch. Klingt nach Millionengeschäft, auch für die Spielerinnen. Ist die WM aber nicht, zumindest nicht für alle. Die «Times» wollte von den Sportlerinnen, die um den WM-Pokal kämpfen, wissen, wo der Fussballschuh drückt in ihrem Athletendasein. Es geht vor allem um Geld, das nicht da ist, um Jobs, die neben dem Sport noch erledigt werden müssen, um über die Runden zu kommen, und es geht um Opfer, die erbracht werden müssen, um den Sport auf diesem Niveau auszuüben.

Die Antworten gehen weit auseinander. Zum Beispiel bei der Frage, wie viel Geld die Spielerinnen jährlich mit Fussball verdienen:

«Einige Hunderttausend Dollar, zwischen 300'000 und 400'000.»

Ashlyn Harris, 33, USA, Goalie – Verein: Orland Pride, USA

Gehört zu den privilegiertesten Spielerinnen: Die Amerikanerin Ashlyn Harris. Bild: Keystone

«Tut mir leid, darüber rede ich nicht.»

Valérie Gauvin, 22, Frankreich, Stürmerin – Verein: Montpellier, Frankreich

«Einen coolen Betrag, um auf mich aufzupassen.»

Rasheedat Ajibade, 19, Nigeria, Mittelfeldspielerin – Verein: Avaldsnes, Norwegen

«Nicht viel. Nur Spesen für das Nationalteam bei Fifa-Spielen.»

Natalia Campos, 27, Chile, Goalie – Verein: Universidad Catolica, Chile

«So wenig, dass ich es nicht bis zum Ende des Monats schaffe.»

Maria Belén Potassa, 30, Argentinien, Stürmerin – Verein: UAI Urquiza, Argentinien

Kommt kaum über die Runden: Die Argentinierin Maria Belén Potassa (rechts). Bild: Keystone

Dass unter den Befragten eine Spielerin aus den USA den höchsten Betrag angab, ist nicht überraschend, in Nordamerika erlebt der Sport einen Boom, die USA sind Titelverteidiger. Die Schweizer Nationalspielerin Ana-Maria Crnogorcevic, bei Portland unter Vertrag, spielt regelmässig vor Kulissen, mit denen in Europa nur die Topligen mithalten können. Die Topligen der Männer notabene.

Die Amerikanerinnen kämpfen weiter, sie verklagten im März den US-Fussballverband und warfen ihm Diskriminierung vor. Grund: Für das Erreichen der WM 2015 bekamen die Frauen 15'000 Dollar Prämie, die Männer ein Jahr zuvor 55'000. Das Abschneiden der beiden Teams ist bekannt: Die Frauen wurden Weltmeisterinnen, die Männer schieden im Achtelfinal gegen Belgien aus.

Fussball, Studium, zwei Jobs

Die Unterschiede sind nicht nur im Vergleich zwischen Frauen und Männern markant, sondern auch im Frauenfussball selbst. Eine Jamaikanerin beispielsweise hat angegeben, mit ihrem Sport keinen Cent zu verdienen, eine Thailänderin kommt auf 160 Dollar pro Jahr. In der unten stehenden Grafik blieben die 52 Spielerinnen, die die «New York Times» befragte, anonym. Sie stammen aus diesen 12 Ländern:

Viele Athletinnen sind darum auf Jobs angewiesen, oder sie absolvieren nebenbei ein Studium, wie es auch Schweizer Nationalspielerinnen oft tun. Die «Times» fragte die WM-Spielerinnen: Wie viele Jobs haben Sie neben dem Fussballspielen? Das sind die Antworten:

«Nur Fussball.»
Saki Kumagai, 28, Japan, Verteidigerin – Verein: Lyon, Frankreich

Kann von ihrem Sport leben: Die Japanerin Saki Kumagai. Bild: Keystone

«Ich habe ein Studium abgeschlossen und helfe meinen Eltern in ihrem Restaurant.»

Miranda Nild, 22, Thailand, Mittelfeldspielerin – Verein: California Golden Bears, USA

«Momentan bin ich arbeitslos.»
Virginia Gomez, 28, Argentinien, Verteidigerin – Verein: Rosario Central, Argentinien

«Neben dem Studium? Zwei.»
Daniela Pardo, 31, Chile, Mittelfeld – Verein: Santiago Morning, Chile

Es sind grosse Opfer, die Spielerinnen bringen, um überhaupt an solchen Anlässen wie der WM dabei zu sein. Auch bei der Frage nach diesen Opfern blieben die Namen der Antworten unbekannt, die Athletinnen anonym. Eine Spielerin sagt, sie habe hungern müssen, damit sie Geld habe sparen können, um ins Training zu fahren. Eine andere bedauert, dass sie ihre Familie in Martinique verliess, als sie 14 war.

Die «Times» wollte von den Spielerinnen in Frankreich auch wissen, was die schlechtesten und was die besten Seiten an ihrem Sport sind.

Die besten:

«Weibliche Spieler leben für das Spiel, nicht für das Geld.»
Loes Geurts, 33, Holland, Goalie – Verein: Kopparbergs, Schweden

Motiviert, weil es nicht ums Geld geht: Die Holländerin Loes Geurts. Bild: Instagram

«Wir finden jeden Tag neue Freunde. Und ich bin immer glücklich mit dem Ball an meinem Fuss.»
Lebohang Ramalepe, 27, Südafrika, Verteidigung – Verein: Malnides, Südafrika

Happy dank vielen neuen Freunden: Die Südafrikanerin Lebohang Ramalepe. Bild: Keystone

«Das Wappen deines Landes auf der Brust zu tragen.»
Daniela Pardo, 31, Chile, Mittelfeld – Verein: Santiago Morning, Chile

«Den Zweiflern das Gegenteil zu beweisen.»
Chanel Hudson-Marks, 21, Jamaika, Verteidigung – Verein: Memphis Tigers, USA

Und die schlechtesten:

«Finanziell macht es keinen Sinn.»
Ashleigh Shim, 25, Jamaika, Sturm – ohne Verein

«Wir arbeiten hart, was kaum anerkannt wird.»
Chinaza Uchendu, 21, Nigeria, Mittelfeld – Verein: Braga, Portugal

«Herauszufinden, wann ich eine Pause machen kann, um eine Familie zu gründen.»
Sashana Campbell, 28, Jamaika, Mittelfeld – Verein: Maccabi Kishronot Hadera, Israel

«Mit dem Monatszyklus zu spielen.»
Rasheedat Ajibade, 19, Nigeria, Mittelfeld – Verein: Avaldsnes, Norwegen

Und das Schlusswort gehört Miranda Nild. Sie ist 22 Jahre jung, in den USA geboren und spielt für ihr Heimatland Thailand. Sie sagt:

«Auf der Welt sind Fussballerinnen die Einzigen, die Fussballerinnen unterstützen.»

Erstellt: 11.06.2019, 17:55 Uhr

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