Greta greift an, Roger kontert – ein Fernduell erhitzt die Gemüter

Der Tenniscrack reagiert auf die Kritik der schwedischen Klimaaktivistin mit einem erstaunlichen ­Statement. Was steckt dahinter?

Greta Thunberg: Mit Tweets lockte sie Federer aus der Reserve. Bild: Instagram

Greta Thunberg: Mit Tweets lockte sie Federer aus der Reserve. Bild: Instagram

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Wie begegnet man Kritik am besten? Indem man seine Kritiker lobt. So hat das Roger Federer mit Greta Thunberg getan. Die schwedische Klimaaktivistin stellte den Baselbieter diese Woche mit zwei Retweets wegen seiner Verbindung zur Credit Suisse an den Pranger, und aus Australien meldete sich der 38-Jährige mit einem Statement, das er via die Nachrichtenagentur Reuters verbreitete.

Darin ist unter anderem zu lesen: «Als Vater von vier Kindern und leidenschaftlicher Befürworter der universellen Bildung habe ich grossen Respekt und Bewunderung für die Jugendklimabewegung. Ich bin den jungen Klimaaktivisten dankbar, dass sie uns alle dazu zwingen, unser Verhalten zu überprüfen und nach innovativen Lösungen zu suchen. Wir sind es ihnen und uns selbst schuldig, zuzuhören.» Er sei sich seiner Verantwortung und privilegierten Position bewusst und werde in diesen wichtigen Fragen den Dialog mit seinen Sponsoren suchen.

Federer nennt die Credit Suisse nicht explizit. Aber es wird klar, dass er angesichts der jüngsten Diskussionen primär die Schweizer Grossbank meint, der von den ­Klimaaktivisten vorgeworfen wird, massiv in Firmen zu investieren, die fossile Energien wie Kohle oder Fracking fördern.

CS reagiert überrascht

Bei der CS schien man am Samstag etwas überrumpelt durch den Vorstoss ihres prominenten Werbeträgers. Die Bank hält gegenüber der «SonntagsZeitung» fest: «Wir begrüssen die Weiterführung des Dialogs. Die Bekämpfung der Klimaerwärmung ist wichtig. Die Credit Suisse will ihre Kreditportfolios an den Pariser ­Klimavereinbarungen ausrichten und hat im Rahmen ihrer umfassenden Klimastrategie jüngst angekündigt, keine neuen Kohlekraftwerke zu finanzieren.»

Federers Aktion ist ungewöhnlich. In der Regel sind es die Firmen, die sich von ihren Markenbotschaftern distanzieren, wenn sich diese etwas haben zuschulden kommen lassen. Wie beim Golfer Tiger Woods, von dem sich mehrere Partner lossagten, nachdem seine vielen Affären bekannt geworden waren. Es sind nicht die Markenbotschafter, die ihre Sponsoren massregeln, sondern umgekehrt.

«Habe grossen Respekt und Bewunderung für die Jugendklimabewegung»: Roger Federer will den Dialog mit der Credit Suisse suchen. Bild: AP

Natürlich wählt Federer seine Worte mit Bedacht. Doch seine Stossrichtung wird klar. Und seine Parteinahme für die Klimabewegung ist umso bemerkenswerter, weil er sich sonst nicht zu politischen Themen äussert. Dabei wurde er immer wieder kritisiert. Für seine Ausrüster Nike und Uniqlo wegen der misslichen Bedingungen der Näherinnen. Für seinen Zweitwohnsitz Dubai. Dafür, dass er in Rapperswil-Jona ein Haus baut, aber der Öffentlichkeit ­keinen Seezugang ermöglicht. Für seine Schaukampf-Tournee in Südamerika in turbulenten Zeiten. Bei der Promotion für den Laver-Cup in Genf auch schon für die Verbindung zur CS.

Ein Weltverbesserer in Afrika mit seiner Stiftung

Sonst pflegte er nicht öffentlich auf Kritik einzugehen, sondern liess den Sturm vorüberziehen. Seine Antwort war, dass er sich bei den Bemühungen, die Welt zu verbessern, auf seine Stiftung konzentrierte. So sagte Janine Händel, CEO der Roger Federer Foundation, kürzlich: «Zum Thema Bildung im südlichen Afrika mischt sich Roger sehr wohl ein. Er versucht, Prozesse anzustossen. In Malawi traf er sich mit dem Präsidenten, und eine Woche später wurde erstmals vom Staat Geld gesprochen für Vorschulförderung. Aber wieso sollte er sich überall zu den politischen Begebenheiten äussern? Dazu fehlen ihm das Know-how und die Glaubwürdigkeit.»

Bei der Klimadiskussion hat sich Federer nun anders entschieden. Vielleicht, weil man Greta Thunberg mit ihren 3,9 Millionen Twitter-Followern nicht ignorieren kann. Weil der Klimawandel kein lokales, sondern ein globales ­Thema ist. Und weil er Vater von vier Kindern ist, den zehnjährigen Myla und Charlene und den fünfjährigen Leo und Lenny, und ihnen eine intakte Erde hinterlassen möchte.

Roger wird zur Greta. (Illustration: Wieslaw Smetek)

Nach seiner Replik kursierten in den sozialen Medien Fotomontagen mit ihm auf einem Segelboot, und einige diskutierten, welche Turniere er auf dem Wasserweg innert nützlicher Frist erreichen könnte. Federer ist auch klar, dass er Widersprüche auf sich vereint. Doch kraft seiner Persönlichkeit ist er enorm populär. Gerade deshalb suchte sich Greta Thunberg wohl ihn aus.

Kann er die Erwartungen erfüllen, die er weckt?

Es fragt sich nun, welche Erwartungen er weckt. Es ist absehbar, dass er künftig öfters auf Dinge angesprochen wird, die über die kleinen gelben Bälle hinausgehen. Und dass von ihm Taten erwartet werden. Wie geht er etwa vor im Gespräch mit der Credit Suisse? Diese ist für ihn ja ein wichtiger Partner, unterstützt seine Stiftung jährlich mit einer Million Franken.

Fürs Erste dürfte sich Federer aufs Tennis konzentrieren. In acht Tagen beginnt das Australian Open. Greta Thunberg weilt derweil in der Schweiz: zuerst an ­Klimakundgebungen in Lausanne, dann am Weltwirtschaftsforum in Davos. Fortsetzung garantiert.


«Federers Antwort ist auch eine Antwort auf den Zeitgeist»

Hans-Willy Brockes vom ESB Marketingnetzwerk findet die Replik des Schweizers gelungen. Sie zeige sein gutes Gespür, das ihn so populär mache.

Roger Federer reagierte auf Greta Thunbergs Kritik an seiner Verbindung mit der Credit Suisse mit einem Statement, in dem er die Klimajugend lobt und ankündigt, das Gespräch mit seinen Sponsoren zu suchen. Eine gute Idee?
Ich finde schon. Es ist ja kein politisches Statement, sondern eines, mit dem er ausdrückt, dass er die Realitäten der Welt erkennt. Er spricht die Schizophrenie an, die wir alle in uns tragen. Wir möchten alle das Klima schützen und fliegen doch um die Welt. Ich ­finde, das Statement klingt sehr weise, sehr sinnvoll.

Denken Sie, er hat es selber geschrieben?
Er hat es sicher mit jemandem abgestimmt, der erfahren ist in der Kommunikation. Es kommt sehr ausgewogen und geschliffen daher. Was ich übrigens nicht schlimm finde, im Gegenteil. Das spricht für seine Professionalität. Er hat eine grosse Reichweite, und wenn er etwas von sich gibt, hat das Gewicht. Er ist keiner, der ­einfach mal etwas rauslässt, das er dann monatelang bereuen muss.

Wie wird die Credit Suisse sein Statement aufnehmen? Denken Sie, es war abgesprochen mit der Bank?
Ich kann mir das gut vorstellen. Und seiner Aussage, jeder müsse sein Handeln kritisch hinterfragen, dürften viele bei der CS sicher nicht widersprechen. Er sagt ja nichts ­Kritisches über seinen Sponsor, sondern regt nur den Dialog an, ­appelliert an die Verantwortung eines jeden Einzelnen. Man könnte den Faden auch weiterspinnen: In Australien toben Buschbrände, und bald steht das Australian Open an. Da könnte man sich auch ­fragen: Soll man da wirklich gleichzeitig noch Tennis spielen?

Rafael Nadal und Novak Djokovic werden gesponsert von der Banco Santander und von ANZ, die auch stark in fossile Brennstoffe investieren. Darf man heutzutage überhaupt noch für Banken werben?
Es hat auch eine gewisse Willkür, welchen Sportler und welche Branche sich Greta herauspickt. Ich glaube, das Investment-Verhalten der Banken ist nur ein Abbild unserer Realität, von der fossile Brennstoffe ein Teil sind. Man findet nicht nur bei ­Banken, sondern bei vielen Firmen Themen, die es zu verbessern gilt im Sinne des Klimaschutzes.

Bisher äusserte sich Federer nie nach Kritik an seinen Sponsoren. Ist Greta einfach so gross geworden, dass man sie nicht ignorieren kann?
Federer hat sein wahnsinnig sympathisches, über alle Zweifel erhabenes Image, weil er ein hervorragendes Gespür hat. ­Greta steht ja nur stellvertretend für eine breite ­Bewegung, die viele Menschen anspricht. Seine Antwort ist auch eine Antwort auf den Zeitgeist.

Sportler äussern sich kaum je politisch. Bricht Federer eine Regel?
Ich finde nicht. Ich sehe sein Statement nicht als politische Äusserung. Es ist wohl dosiert, sehr ausgewogen. Ich denke, er trifft damit, was viele Menschen denken.

Könnte er etwas auslösen?
Absolut. Das tut er ja schon jetzt. Sonst würden wir ja nicht darüber reden. Jetzt wird in den Zeitungen wieder über Greta und den Klimaschutz berichtet. Das ist auch gut so. Wenn wir 10, 15 Jahre zurückdenken: Da haben wir alle den ­jungen Federer bewundert, aber neben dem Platz hatte er wenig Profil. Inzwischen ist er eine ­Persönlichkeit geworden, die in anderen Zusammenhängen gesehen wird. Mit dem Investment bei der Schuhfirma On, mit seiner Stiftung.

Wie weit muss sich ein Sportler, der von einer Firma gesponsert wird, mit deren Aktivitäten befassen und identifizieren?
Sicherlich muss man vorher analysieren, ob man hinter der Firma und der Branche stehen kann. Aber letztlich ist es eine Partnerschaft, die beruht auf Kommunikationsleistungen und Imagetransfer, aber nicht auf der Überprüfung jeder Handlung der Firma. So wie sich Sponsoren auch nicht ins Sportliche einmischen.

Ethikfragen werden im Sport aber immer wichtiger, es scheinen immer mehr fragwürdige Geldquellen involviert. Wie sollen sich da Sportler und Clubs verhalten?
Sie dürfen nicht naiv sein. Man kann es sicher so sehen, dass durch eine Partnerschaft etwas bejaht wird. Aber sie kann auch helfen, gewisse Themen aufs Tapet zu bringen. Die Triathletin Daniela Ryf wurde vom SRF kritisch dargestellt, weil sie im Bahrain Endurance Team ist. Aber ich finde, sie hat auch recht, wenn sie sagt, dass sie so auch den Dialog anregen und einen Beitrag zu gesellschaftlichen Themen leisten kann in einem Land, in dem der Sport bei Frauen noch nicht so verbreitet ist.

Schürt Federer nicht die Erwartung, dass er sich nun immer äussert, wenn er oder ein Sponsor kritisiert wird?
Nein, das glaube ich nicht. Das ist ja das Spannende: Er hat ein Statement abgegeben, das kaum angreifbar ist. Man kann ihn damit nicht vor irgendeinen Karren spannen. Aber wer weiss, vielleicht gibt es ja einmal. (sg)



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Erstellt: 12.01.2020, 08:49 Uhr

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«Ich nehme die Auswirkungen und die Bedrohung durch den Klimawandel sehr ernst, zumal meine Familie und ich inmitten der Zerstörung durch die Buschbrände in Australien ankommen. Als Vater von vier Kindern und leidenschaftlicher Befürworter der universellen Bildung habe ich grossen Respekt und Bewunderung für die Jugendklimabewegung. Ich bin den jungen Klimaaktivisten dankbar, dass sie uns alle dazu zwingen, unser Verhalten zu überprüfen und nach innovativen Lösungen zu suchen. Wir sind es ihnen und uns selbst schuldig, zuzuhören. Zudem bin ich mir meiner Verantwortung als Privatperson, als Athlet und als Unternehmer sehr bewusst und möchte diese privilegierte Position für den Dialog in diesen wichtigen Fragen mit meinen Sponsoren nutzen.»

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