Leitartikel

«Der Abstieg ist ein Drama und nicht primär eine Chance.»

ZU-Eishockeyexperte Walter J. Scheibli zum Abstieg des EHC Kloten aus der National League.

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Jan Mosimann. Das ist der Spieler, der am vergangenen Mittwoch nach 77:10 Minuten mit seinem Treffer den EHC Kloten, den Liga-Dino, nach 56 Jahren in der höchsten helvetischen Spielklasse in die Niederungen der Swiss League versenkt hat. Mosimann, ein Stürmer der Rapperswil-Jona Lakers, den zuvor wohl nur wenige Kloten-Fans gekannt haben.

Der Abstieg als solches ist letztlich nicht mehr die ganz grosse Überraschung, viel zu viel ist in dieser Saison und in den letzten Jahren rund um die Swiss-Arena falsch gelaufen. Und doch, man hoffte bis zuletzt. Als Kloten in der Ligaqualifikation die Wende zu schaffen schien und plötzlich mit 3:2 in Führung lag.

Aber am Ende war alles Bangen und Zittern halt doch vergebens. Das lange Zeit für unmöglich gehaltene ist eingetroffen: Der EHC Kloten spielt ab sofort nur noch in der zweithöchsten Liga. Nicht mehr die ZSC Lions, der SC Bern oder der HC Davos werden in der Swiss-Arena auftreten, sondern Teams wie die EVZ Accademy, die Ticino Rockets oder das ZSC-Farmteam GCK Lions.

Immerhin: Es geht weiter. Die Verantwortlichen haben diesmal gut reagiert und schon am Tag nach dem Worst Case über die Zukunft informiert. Man will so schnell wie möglich wieder nach oben. Ist das auch realistisch? Ausser Fribourg ist die gesamte helvetische Eishockeyprominenz schon abgestiegen und kam wieder zurück. Nur: Früher, mit einem direkten Aufsteiger war dies viel einfacher zu realisieren. Gut, Langnau, Lausanne und nun Rapperswil-Jona haben dies auch mit dem neuen Modus geschafft. Und dennoch: Es ist enorm schwer, den Wiederaufstieg zu erreichen, das muss sich jeder bewusst sein. Deshalb ist der Abstieg ein Drama und nicht primär eine Chance.

«Wird Kloten wieder aufsteigen und vielleicht gar gestärkt sein? Wie zuletzt im Fussball der FC Zürich. Skepsis ist angebracht, die Hoffnung aber bleibt.»Walter J. Scheibli

Meine ersten Spiele des EHC Kloten habe ich in den 1970er Jahren erlebt, als noch die Lüthis und Lotts in der damals noch offenen Arena im Hardwald spielten. Wenn man wie ich in Zürich-Unterstrass aufgewachsen ist, war eine Affinität zum ZSC naheliegend. Doch damals konnte man noch von beiden Zürcher Teams Fan sein. Der «Z» spielte sieben Jahre lang nur in der zweitklassigen Nationalliga B. Und ohne Derbys gab es auch kaum Rivalität. Um gutes Eishockey zu sehen fuhren wir mit den Töfflis bei Regen, Wind und Schnee nach Kloten zu den Spielen.

So ab 1983 übernahm ich die Berichterstattung für den Zürcher Unterländer und Radio 24 über den EHC Kloten. Ich war hautnah dabei, als die Mannschaft zwischen 1993 und 1996 mit vier Meistertiteln in Serie ihre grössten Erfolge gefeiert hat. Mit Interviews in der rauchgeschwängerten Kabine des EHC. Mit dem Spass der Spieler, den Reportern von hinten das Bier über den Kopf zu leeren. Und nach getaner Arbeit die rauschenden Feste in der Flughafenstadt mit Freinacht zu geniessen.

1996 kam der Umbau des Stadions Schluefweg und die Mannschaft der Klotener dislozierte in eine weit komfortablere Kabine am anderen Ende der Katakomben. Meisterfeiern gab es weiterhin, doch die Zigarren zündeten stets die anderen an und feierten in der alten EHC-Kabine. Noch 2014 standen die damaligen Flyers letztmals im Playoff-Final, noch vor einem Jahr gewann Kloten den Cup. Und jetzt der Abstieg. Wie schnell es im Profisport doch gehen kann.

Es bleiben die Erinnerungen an grosse Eishockeyabende in der Swiss-Arena. Oder Reisen an «exotische» Orte wie Sierre, Ajoie und Herisau. Aber halt auch das Zittern, wenn wieder einmal der Konkurs drohte. Die finanziellen Miseren konnten jeweils im letzten Moment noch abgewendet werden. Aber sportlich hat es jetzt nicht mehr gereicht. Wird Kloten wieder aufsteigen und vielleicht gar gestärkt sein? Wie zuletzt im Fussball der FC Zürich. Skepsis ist angebracht, die Hoffnung aber bleibt. Der EHC Kloten gehört einfach in die helvetische Eliteklasse. Das ganze Zürcher Unterland hat dies verdient, die treuen Fans ohnehin.

Erstellt: 27.04.2018, 13:19 Uhr

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Walter J. Scheibli, ZU-Eishockeyexperte.

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