Athletin wird Mutter und muss um Unterstützung bangen

Mutter und Spitzensportlerin: Für Stabhochspringerin Nicole Büchler war stets klar, dass sie beides sein will. Aber dieses Vorhaben fordert ihr einiges ab.

Einst überquerte Nicole Büchler die Latte bei 4,78 m Höhe. Auf dieses Niveau will sie sich zurückkämpfen. Foto: Claudio Thoma (Freshfocus)

Einst überquerte Nicole Büchler die Latte bei 4,78 m Höhe. Auf dieses Niveau will sie sich zurückkämpfen. Foto: Claudio Thoma (Freshfocus)

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Dieses Telefongespräch wird Nicole Büchler so schnell nicht vergessen. Die Stabhochspringerin ist im dritten Monat schwanger, als sie bei der Stiftung Sport­hilfe anruft. Büchler möchte nach der Schwangerschaft wieder Spitzensport betreiben und entsprechend erfahren, ob sie weiterhin finanziell unterstützt wird. Nun lässt sie der Mann am anderen Ende der Leitung wissen, dass die Sporthilfe Breitensportler nicht unterstütze. Die Landes­rekordhalterin, WM- und Olympia-Teilnehmerin, ist bedient. Immerhin: Keine fünf Minuten später meldet sich der Herr nochmals, um sich für das Missverständnis zu entschuldigen.

Natürlich: Es gibt Triathlon-Olympiasiegerin Nicola Spirig, die mittlerweile drei Kinder hat und nun für Olympia 2020 ­trainiert. Doch in der Regel gilt für Spitzensportlerinnen: Erst kommt die Karriere, dann die Familienplanung. Büchler sagt, sie habe vor und nach der Geburt ihres Sohns Flynn im letzten Oktober viel Planlosigkeit erlebt.

Der leichte Druck

Als Spitzensportlerin ist Büchler selbstständig erwerbend. Deshalb sind für sie Förder- und Sponsorenbeiträge essenziell. Die Sporthilfe und Swiss Athletics sicherten ihr weiterhin die volle Unterstützung zu. Weltklasse Zürich als einer ihrer grössten Geldgeber bezahlte ihr 2018 zumindest noch 50 Prozent für die Entschädigung als Botschafterin, da sie nur die halbe Saison absolvierte – diesen ­Betrag aber voll und ohne die ­übliche Leistungskomponente, die ein Drittel des Verdiensts ausmacht. Weil es sich bei der Vereinbarung nicht um einen Arbeitsvertrag handelt, gibt es keine Bestimmungen, was die Bezahlung im Fall einer Schwangerschaft betrifft. In diesem Jahr erhält die Magglingerin wieder so viel wie vor der Schwangerschaft, die Organisatoren von Weltklasse Zürich haben die Entschädigung trotz verständ­licherweise geringerem Niveau, das Büchler zurzeit aufweist, nicht nach unten angepasst. ­Allerdings enthält die Vereinbarung nun eine Leistungskomponente: das Erreichen der WM-Limite (4,56 m). Meeting-Direktor Andreas Hediger sagt: «Wir gehen davon aus, dass eine Athletin das Niveau zurückerlangen wird, das sie vor der Niederkunft hatte. Und Nicole hat ja noch Zeit.» Büchlers Bestleistung liegt bei 4,78 m, heuer allerdings sprang sie nie höher als 4,41 m.

«Ich möchte den Frauen zeigen:  Ja, es ist machbar, Spitzensport und Muttersein zu ­vereinbaren.»Nicole Büchler, Stabhochspringerin

Keine Unterstützung mehr ­erhält sie derweil von Nike. Der Sportartikel-Gigant ist jüngst heftig in die Kritik geraten. Grund dafür waren Spitzenathletinnen wie Olympiasiegerin Allyson Felix, die monierten, sie seien während und nach der Schwangerschaft von Nike unter Druck gesetzt worden, sofort wieder Leistungen wie vor der Geburt zu bringen, da es sonst kein oder viel weniger Geld gebe. In Büchlers Fall hat die Trennung einen anderen Hintergrund: Nike entschied, künftig seine Sponsoringaktivitäten vor allem auf den Bereich Running zu fokussieren, weshalb das Unternehmen diverse Techniker aus seinem Förderprogramm nahm. Für Büchler ist das ein Problem, zumal ihr dieser Entscheid erst im Frühjahr 2019 mitgeteilt wurde, obschon sie Nike bereits früh kontaktiert hatte. Sie ist nun darauf angewiesen, dass ihr Mann und Coach Mitch Greeley Vollzeit arbeitet und sie nach Feierabend trainiert. Sollte sie nun die WM-Limite nicht schaffen, würde das eine noch grössere finanzielle Einbusse bedeuten. «Ich bin Weltklasse Zürich für die Unterstützung sehr dankbar, aber die Leistungskomponente erzeugt auch Druck», sagt sie.

Mühseliger Weg zurück

Denn die Schwangerschaft hat bei Büchler verständlicherweise Spuren hinterlassen. Zumal sie wegen regelmässigen Kontraktionen bereits nach dem vierten Monat nicht mehr springen ­durfte. Hier liegt der grösste Unterschied zu einer Ausdauersportlerin, die in der Regel länger trainieren kann. Als Büchler rund zwei Monate nach der ­Geburt zum ersten Mal wieder sprang, schaffte sie keine drei Meter. «Die ganze Explosivität, die im Stabhochsprung so wichtig ist, war weg.» Sie macht nun zwar Fortschritte, muss dadurch allerdings regelmässig den Stab wechseln, immer wieder ein neues, härteres Modell verwenden. «Sich auf diese neuen Begebenheiten einzustellen, ist mental nicht einfach», sagt sie.

Kürzlich nahm Büchler an einer Tagung von Swiss Olympic teil, erzählte von ihrer Rolle als Mutter und Sportlerin. Der Dachverband des Schweizer Sports hat das grosse Potenzial in diesem Bereich erkannt und eine Taskforce für Frauen im Spitzensport ins Leben gerufen. Und Philipp Bandi, der Leistungssportchef von Swiss Athletics, sagt, eine Institutionalisierung in diesem Bereich wäre begrüssenswert. Im Moment unterstützt der Leichtathletik-Verband schwangere Athletinnen individuell. Wobei es diesbezüglich wenig zu fördern gibt, da Büchler ein Einzelfall ist.

Im Dezember wird sie 36 ­Jahre alt, ein grosses Ziel hat sie noch vor Augen: die Olympischen Spiele 2020. «Ich merke, dass langsam alles zurückkommt, eine Teilnahme realistisch ist.» Derweil sich Bandi beeindruckt davon zeigt, wie sich Büchler ­zurückkämpft, sagt diese: «Ich hoffe, dass ich damit etwas ­bewirken kann. Ich möchte den Frauen zeigen: Ja, es ist machbar, Spitzensport und Muttersein zu vereinbaren.»

Erstellt: 14.08.2019, 13:15 Uhr

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