Sexuelle Gewalt, Elefanten und ein Dopingfall

Das Leben von Läuferin Ophélie Claude-Boxberger verläuft aussergewöhnlich. Auszüge eines Familiendramas.

Ophélie Claude-Boxberger ist eine 31-jährige Läuferin, deren Biografie unfassbar scheint. (Bild: Getty Images)

Ophélie Claude-Boxberger ist eine 31-jährige Läuferin, deren Biografie unfassbar scheint. (Bild: Getty Images)

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Es gibt Biografien, die sind unfassbar. Ophélie Claude-Boxberger, 31-jährige Läuferin mit Teilnahmen an Olympia und WM, steckt in einem solchen Leben fest. Es hat im vergangenen Herbst eine weitere Wende genommen, als die Französin auf Epo getestet wurde.

Jacques BoxbergerDer schnelle Fremdgänger

Den Ton dieser Geschichte setzt Jacques Boxberger, der Vater von Ophélie. Er zählt in den 1970er-Jahren zu den talentiertesten Mittelstrecklern Europas, startet an vier Olympischen Spielen. Der beliebte Jacky führt nicht nur ein aussergewöhnliches Athletenleben, er ist auch privat eine Figur jenseits der Normen: Parallel zu seiner Ehefrau und seinem Buben lebt er mit einer anderen Frau und dem gemeinsamen Kind zusammen: Ophélie.

Ihr Leben sei von Beginn an kompliziert verlaufen, wird Ophélie Claude später sagen, die sich auch den Namen ihres Vaters gibt – was zu einem Rechtsstreit mit Boxbergers Gattin führt. Bis heute unterhält Madame Boxberger einen Facebook-Account im Namen ihres Mannes, in dem sie dessen Tochter immer wieder attackiert.

Jacques Boxberger erlebt dies heute nicht mehr: Er stirbt 2001 mit 52 Jahren. Auf einer Kenia-Safari mit Ophélie entfernt er sich von der Gruppe, um einen Elefanten zu fotografieren. Der Bulle trampelt Boxberger tot.

Jean-Michel SerraDer Teamarzt als Partner

Der Vater fehlt Claude-Boxberger also seit der Kindheit. Mit Jean-Michel Serra (56) aber hat sie wieder eine Vaterfigur an ihrer Seite. Doch das weiss bis im letzten Herbst und der WM in Doha kaum jemand. Serra ist zu jener Zeit der Chefarzt des französischen Leichtathletik-Verbandes. Er wurde vom Verband verwarnt, weil er 2018 bei der französischen Anti-Doping-Agentur bezüglich Claude-Boxberger vorstellig geworden war. Serra hinterfragte den Sinn der vielen Kontrollen «einer psychisch labilen Athletin».

Just dieser Jean-Michel Serra stellt sich im Herbst 2019 nun aber als Partner der labilen Athletin heraus, was er zum Zeitpunkt des Mails an die Dopingjäger noch nicht war. Hektisch reist das Paar von der WM ab.

Ophélie Claude-Boxberger wurde auch schon positiv auf Epo kontrolliert. Hat Serra sie gedopt? (Bild: Getty Images)

Kurz darauf wird publik, dass Claude-Boxberger noch vor der WM positiv auf Epo kontrolliert wurde, ein beliebtes Dopingprodukt von Ausdauersportlern. Claude-Boxberger wird wie Serra verhaftet, zwei Tage in Untersuchungshaft gesteckt, befragt.

Der Verdacht: Serra habe seine Geliebte gedopt. Im Dezember entlässt ihn der Leichtathletik-Verband, obschon Serra wie die Läuferin ihre Unschuld beteuern. Zu ihren Argumenten zählen: Von vier Proben sind in jener Phase drei negativ.

Ausgerechnet die Kontrolle aus dem Trainingslager in Font-Romeu (in den Pyrenäen) aber schlägt an. Ein Shitstorm in den sozialen Medien bricht über Claude-Boxberger herein. Man habe ihr gar den Tod gewünscht, schreibt sie auf Facebook.

Den Fall möchten auch frühere französische Leichtathletik-Grössen kommentieren. So urteilt Stéphane Caristan, Europameister über 110 m Hürden von 1986: «Sie ist eine Schande für diesen prestigeträchtigen Namen. Ihr Vater wird sich wohl im Grab umdrehen.»

Nur: Vor einer Woche redet erstmals ein weiterer Schlüsselzeuge öffentlich. Er heisst Alain Flaccus (72) und spricht sich in einem Interview mit einer Regionalzeitung den Frust vom Leib.

Flaccus ist eine Art Assistent von Claude-Boxberger. Er liefert ihr ein Alibi, indem er sagt, ihr das Epo gespritzt zu haben. Diesen Aspekt machte «L’Equipe» schon im alten Jahr anhand der Recherche der Staatsanwaltschaft öffentlich. Nun redet er für alle einsehbar detailliert.

Alain FlaccusDer mutmassliche Peiniger

Mit Flaccus verbindet Claude-Boxberger eine lange, schmerzhafte Beziehung. Er war ihr Jugendtrainer. Sie sagt, von ihm zwischen 2003 und 2006 «immer wieder vergewaltigt» worden zu sein. Flaccus verneint dies im Interview, gesteht aber, in sie verliebt gewesen zu sein und ihr diese Liebe gestanden zu haben. Sie wiederum sagt, eine Anzeige auch aus Scham zurückgezogen zu haben. Fakt ist: Flaccus wurde damals vom örtlichen Leichtathletik-Verein ausgeschlossen. Er durfte das Stadion, das nach Jacky Boxberger benannt ist, nicht mehr betreten.

Just dieser Flaccus kehrt vor rund einem Jahr in Claude-Boxberges Leben zurück: als Partner ihrer Mutter.

Diese bittet die Tochter, ihm zu vergeben. Claude-Boxberger willigt ein, obwohl sie gegenüber «L’Equipe» sagt: «Es ist sehr schwer für mich, die Wunden sind nicht verheilt.» Dennoch wird Flaccus zu ihrem Pacemaker auf dem Velo, Koch, Chauffeur – und gelegentlichen Masseur.

Während einer Massage im Trainingslager von Font-Romeu setzt dieser Flaccus – gemäss eigener Aussage – dann die Spritze in den Po der Läuferin. Ermattet vom Training und ohnehin auf Schlafmitteln, so Flaccus, sei sie nach dem Stich zwar erwacht, aber gleich wieder eingeschlafen.

Motiv: Eifersucht

Das Epo, zwei Ampullen, habe er sich von einem Doping-Dealer für 350 Euro auf einem Parkplatz des lokalen Leistungszentrums für Nordische Sportarten besorgt. Primär der erste Aspekt seiner Erzählung irritiert Spezialisten. Es dauere mehrere Sekunden, bis eine Dosis gespritzt sei, sagen sie. Ein Polemiker unter ihnen findet gar: Das Applizieren würde Tote wecken.

Damit steht die Frage im Raum: Opfert sich Flaccus? Ihm drohen sieben Jahre Haft. Er verneint im Interview vehement und erklärt sein Motiv. Er habe aus Eifersucht gehandelt. Er habe mit der Aktion den Partner von Claude-Boxberger aus ihrem Leben entfernen wollen: den Mediziner Jean-Michel Serra.

Zugleich klingt seine Version im Minimum seltsam. So sagt er, aus einem Impuls heraus gehandelt zu haben. Aber findet man dann einfach so auf einem Parkplatz einen Epo-Lieferanten und hat mehrere Hundert Euro für ihn im Portemonnaie?

Unzweideutig ist, dass Flaccus die Athletin für unschuldig und das grosse Opfer in der Causa hält. Er habe schlicht nicht antizipiert, was er mit dieser Epo-Injektion auslösen würde – für sich, die Athletin und deren Umfeld.

Jetzt ist sie suspendiert und die Anwaltskosten bringen sie in finanzielle Bedrängnis (Bild: Getty Images)

Claude-Boxberger ist nun suspendiert, ihre Sponsoren haben ihre Zuschüsse eingefroren, an Wettkämpfen darf sie nicht teilnehmen und verdienen. Die Anwaltskosten brächten sie in finanzielle Bedrängnis, sagt sie, die zu 70 Prozent als Lehrerin arbeitet. Kurz: Der Fall droht sie im Kleinen wie Grossen aus der Balance zu schleudern.

Hinzu kommt: Nur wenn Flaccus’ Version von der Anti-Doping-Agentur als «wahr» eingestuft wird, kann Ophélie Claude-Boxberger der vierjährigen Sperre entgehen. Ihren Antrag, die vorläufige Suspendierung aufzuheben, lehnten die Juroren jüngst ab. Noch ist darum unklar, welche neuerliche Wende das Leben der Ophélie Claude-Boxberger nehmen wird.

Erstellt: 23.01.2020, 11:57 Uhr

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