Kloten

Dietliker Déjà-vu im Superfinal

Piranha Chur erobert sich nach einem Jahr Unterbruch den Schweizer-Meister-Titel von Dietlikon zurück. Die bissigeren Bündnerinnen gewinnen den Superfinal in Kloten 5:3.

Die besten Szenen des Superfinal-Wochenendes in Kloten im Video.
Video: Swissunihockey

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Das ist doch alles schon einmal da gewesen. Was heisst einmal, mehrmals. Spielerinnen in gelb-blauen Trikots, die in der Swiss-Arena in Kloten auf schwarzen Klappstühlen sitzend eine breite Palette negativer Gefühle ins Bild bringen. Enttäuschte, erschöpfte, konsternierte, verzweifelte, leere Gesichter. Und mittendrin eine in Tränen aufgelöste Topskorerin. Fünf Saisons hintereinander hatte Michelle Wiki den Piranhas dabei zusehen müssen, wie sie den Meisterpokal in die Höhe stemmen.

Dann, als im vergangenen Jahr zum ersten Mal seit 2009 wieder Dietlikon zum Zuge kam, war sie im fernen Schweden erneut nur Zuschauerin. Vom Superligisten Mora kehrte die 28-Jährige auf die aktuelle Spielzeit hin zu ihrem Stammverein zurück, auch um endlich ihren ersten Meistertitel zu holen. Nun ist sie wieder leer ausgegangen.

Das Dankeschön

Julia Suter, die beste Dietliker Feldspielerin in diesem 4. Superfinal, kniet nach Spielschluss neben der weinenden Wiki und redet leise auf sie ein. Den exakten Wortlaut will sie später nicht verraten. Nur so viel: «Michelle hat uns mit ihren Toren in den Superfinal geführt. Es war Zeit für ein Dankeschön.» Eine feine Geste, gerade auch weil Wiki in diesem wichtigsten Spiel der Saison nicht ihr bestes Unihockey zeigte. Die disziplinierte Churer Defensive liess die erfolgreichste Torschützin der Liga nicht zur Entfaltung kommen.

«Ich habe mir so viel vorgenommen, mich mental gut vorbereitet und trotzdem hat es im Superfinal erneut nicht geklappt. Da ist es doch egal, wie gut ich während der Saison gespielt habe», sagt sie später in der Interviewzone so deprimiert, als hätte sie allein die Titelverteidigung verbockt. Tatsächlich aber war es die gesamte Dietliker Mannschaft, die in der Swiss-Arena vor den knapp 6000 lautstarken Zuschauerinnen und Zuschauern zu viele Geschenke verteilte.

Das Kunststück

Vor allem im ersten Drittel wollte aufseiten der Titelverteidigerinnen nichts zusammenpassen. Nach 13 Minuten führten die präsenter und präziser auftretenden Piranhas durch Treffer von Silja Eskelinen und Corin Rüttimann 2:0. Dietlikon-Hüterin Monika Schmid, die sich als Einzige ihres Teams von Beginn weg auf Augenhöhe mit den Gegnerinnen bewegte, traf bei beiden Gegentreffern keine Schuld. Im Gegenteil, sie war es, die ihre sichtlich nervösen Teamkolleginnen einigermassen im Spiel hielt, sodass das grossformatige Kunststück, das Julia Suter und Janine Wüthrich kurz vor Drittelsende aufs Spielfeld zauberten, Dietlikon sofort wieder ins Gespräch brachte.

Die Verteidigerin fand mit einem weiten Pass über die Köpfe aller Piranhas hinweg Stürmerin Suter vor dem Tor. Diese kombinierte technische Finesse bei der Annahme mit formidabler Treffsicherheit und überlistete damit Lara Heini im Churer Tor zum ersten Mal. Es hätte der Startschuss zur Aufholjagd werden können, doch nur 38 Sekunden später stellte Priska von Richenbach den Zweitoreabstand wieder her.

Der «Knackpunkt»

Es sollte in dieser Partie nicht der einzige Treffer Julia Suters bleiben, den die Churerinnen postwendend zu beantworten wussten. Als die 27-jährige einstige U-19-Weltmeisterin nach einem Mittelabschnitt (1:1) mit leichten Vorteilen für Dietlikon zu Beginn des Schlussdrittels das Skore auf 3:4 verkürzte, brauchte Topskorerin Corin Rüttimann nur 17 Sekunden für die Retourkutsche. «Wir waren naiv», sagt Suter, die an allen drei Dietliker Treffern in diesem Superfinal beteiligt war und im zweiten Block mit Andrea Gämperli und Linda Pedrazzoli ein starkes Spiel zeigte, selbstkritisch. «Statt ruhig weiterzuspielen, haben wir Chur mit unseren Geschenken immer wieder aufgebaut.» Chur-Trainer Mirco Torri spricht später von «Schlüsselmomenten», Dietlikons Chefcoach Simone Berner von einem «Knackpunkt».

Die prompten Gegentreffer hätten ihr Team mental unheimlich viel Kraft gekostet, sagt sie. In ihrer ersten Saison als Cheftrainerin hatte Berner mit Dietlikon auf Anhieb das Double gewonnen. Nun muss die Rekordinternationale und grosse Dietliker Integrationsfigur als Coach ihre erste grosse Niederlage einstecken. Auch das tut sie mit Stil, wenn sie sagt: «Ich bin sehr enttäuscht, aber Niederlagen sind Teil des Sports. Chur hat den Titel nicht gestohlen.»

In Dietlikon kommt es nach dieser Saison ohne Pokalgewinn – im Cup landete ebenfalls Chur den Coup – zumindest zu einem sanften Neubeginn. Nach der Vereinsfusion mit den Kloten-Bülach Jets wird der sechsfache Schweizer Meister UHC Dietlikon in der Saison 2018/19 unter neuem Namen (UHC Kloten-Dietlikon Jets) und neuer sportlicher Führung (Ex-Wizard-Coach Radomir Malecek in Co-Leitung mit Simone Berner) versuchen, den Piranhas den Titel wieder abzujagen. Ob auch Topskorerin Michelle Wiki nochmals mitzieht, ist ungewiss. Sie will sich in den nächsten Wochen entscheiden.

Erstellt: 23.04.2018, 15:29 Uhr

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