Embrach

Ein Sommer auf Rollen

Mit Inlinehockey stopfen unermüdliche Eishockeyaner das Sommerloch. Und die Embrach Keyplayers tun dies sogar äusserst erfolgreich.

Sichtbar viel Spass im Inlinehockey-Training haben Dominik Brauchli (links), Ivan Turtschi (Mitte) und Robin Ganz (rechts ).

Sichtbar viel Spass im Inlinehockey-Training haben Dominik Brauchli (links), Ivan Turtschi (Mitte) und Robin Ganz (rechts ). Bild: Leo Wyden

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Wenn das Eis in der Hirslen Ende März geschmolzen und der Grossteil aller Eishockeyspieler in die Ferien geflogen ist, tauschen ein paar Nimmermüde ­ihre Schlittschuhe gegen Inlineskates. Über die Sommermonate werden sie nun im kühlen Betonbau am Rande Bülachs auf Rollen statt Kufen dem Puck nachjagen, während Freunde und Familie in der Badi an der Sonne liegen. «Viele Zuschauer verirren sich tatsächlich nicht an unsere Spiele», sagt Mario Saxer, Spieler und Gründungsmitglied der Embrach Keyplayers und lacht. Dass die Randsportart Inlinehockey im Hochsommer im doppelten Sinne ein Schattendasein fristet, kümmert ihn und seine Mitspieler kaum. Im Zentrum steht für sie das gemeinsame Erlebnis und da zählt der Grillabend nach dem Spiel mindestens genauso viel wie der sportliche Erfolg, der die Embracher in den vergangenen Jahren so konsequent begleitete wie das Gewitter den schwülwarmen Sommertag.2003 gegründet, spielten sich die Embrach Keyplayers innert fünf Jahren von der 2. Liga bis in die NLA, seither klassierten sie sich jede Saison unter den ersten vier der Tabelle, was im Inline­hockey gleichbedeutend ist mit der Playoff-Halbfinalqualifika­tion. Dreimal holten sie den Schweizermeistertitel, das erste Mal 2012, zuletzt 2016. In den Finalpartien füllten sich dann auch die Zuschauerränge in der Hirslen, rund 400 Leute verfolgten 2012 das Finalspiel gegen Zug, laut Saxer war das bisher «das höchste der Gefühle».

Das drittletzte Qualifikationsspiel von heute Samstag wird hingegen kaum so viele Leute hinter dem Kugelgrill hervorlocken, Schlusslicht Hünenberg ist als Gast beileibe kein Publikumsmagnet, zudem sind die Embracher bereits für die Playoffs qualifiziert.

Per sofort ohne Fabian Ganz

Wer so wenig Luft nach oben hat wie die Keyplayers, der muss unweigerlich den Titelgewinn zum Ziel haben. «Natürlich haben wir Ambitionen, Meister zu werden», bestätigt Saxer. Es hänge allerdings viel davon ab, welche der elf Feldspieler und zwei Goalies in den Playoffs verfügbar sind. «Es ist Sommer, da kann der eine oder andere schon mal fehlen.» Oder per sofort aufhören wie beispielsweise Eishockeyverteidiger Fabian Ganz. Der Embracher wechselte im Mai von La Chaux-de-Fonds zu NLA-Absteiger Kloten und kam in Absprache mit dem Verein zum Schluss, dass es wegen der Verletzungsgefahr besser sei, nicht mehr für die Keyplayers zu spielen. Jeder Verein und Spieler handhabe das anders, sagt Saxer. Selbst ist er davon überzeugt, dass die Verletzungsgefahr im Inlinehockey nicht grösser ist, als wenn ein Spieler im Sommer zum Plausch Fussball oder Unihockey spielt. Denn im Gegensatz zum Eishockey sind im Inlinehockey Checks verboten. So durften in der Vergangenheit auch NLA-Cracks wie etwa Reto Suri ungehindert für die Keyplayers auflaufen.

Keine Offside-Falle

Alle Spieler der Embrach Keyplayers sind auch im Eisrink aktiv, in der NLB bis hinunter zur 3. Liga, vom 22-jährigen Halbprofi Jules Sturny bis zum 36-jährigen Embracher Senior Mario Saxer. Gefunden haben sie sich im Dorf und über die Grenzen Embrachs hinaus durch Mundpropaganda. Damit lässt sich womöglich auch erklären, warum ­alle Keyplayers im Winter Eishockey spielen, denn zwingend ist das nicht. Die beiden Sportarten sind sich in ihrer Anlage zwar sehr ähnlich, aber es gibt auch Unterschiede. Frappant sind sie beim Material, den Rollen statt Kufen, dem PVC-Boden anstelle von Glatteis. Aber auch regeltechnisch gibt es spielentscheidende Differenzen. Anders als im Eishockey existiert im Inline nämlich keine blaue Linie und damit auch kein Offside. «Daraus ergeben sich taktisch ganz andere Varianten», erklärt Saxer. «Beispielsweise kann man mit einem einzigen Pass das ganze Spielfeld überbrücken.» Zudem stehen sich auf Rollen nur je vier Feldspieler gegenüber. Folglich entstehen im Inlinehockey merklich mehr Situationen, in denen ein Spieler alleine vors Tor stürmt.

Der Wechsel von den Kufen auf die Rollen und umgekehrt, erfordert von den Spielern meist etwas Zeit. Zwei bis drei Trainings braucht Jules Sturny jeweils für die Umstellung, wobei das vor allem die Rückkehr aufs Eis betrifft. «Im Inlinehockey gibt es viel weniger Regeln, da kannst du abgesehen vom Körperkontakt machen, was du willst, etwa auch mal vorne stehen bleiben und auf den Pass warten oder den Puck halten, weil die Gegner an dir vorbeifahren. Bremsen ist mit Inlineskates viel schwieriger», erklärt er, der sich abgesehen von ein paar blauen Flecken auf Rollen bisher nie ernsthaft verletzt hat. Sturny steht vor seiner dritten Saison mit dem NLB-Verein Visp, trainiert auch im Sommer zweimal täglich und fährt trotzdem jedes Wochenende aus dem Wallis heim nach Winkel, um für die Keyplayers auf Torejagd zu gehen. Sein Einsatz wurde kürzlich mit dem Aufgebot für die Weltmeisterschaften belohnt.

Ein Mammutprogramm

Neben Sturny hätte auch Fabian Ganz’ jüngerer Bruder Robin Ende Juli in Asiago mit der Schweiz um eine WM-Medaille kämpfen können. Doch der 26-Jährige musste aus beruflichen Gründen verzichten: «Ich arbeite Vollzeit als Sanitärinstallateur im Familienbetrieb und kann nicht so leicht frei machen», sagt er. Mit ihm fehlt der Schweiz der aktuell zweitbeste Skorer der Liga, 41 Punkte hat Ganz in zehn Spielen gesammelt, nur Nicola Di Santo von Leader Laupersdorf war noch produktiver. Im Fussball würde man einen wie Ganz als Knipser bezeichnen. Er aber lacht. «Schön wäre, wenn ich auf dem Eis auch einer sein würde.» Nach einer Saison mit Winterthur in der NLB ist Ganz seit vergangenem Jahr bei Bülach unter Vertrag und war in der MySports League einer der erfolgreichsten Torschützen seines Teams, in der Ligastatistik reichte das allerdings nicht über Rang 54 hinaus. Toreschiessen sei im Inlinehockey einfacher, bemerkt Ganz, zudem könne man mit Ausdauer und Tempo, seinen Stärken, mehr herausholen als im Eishockey.

Neben seinem Hundertprozentjob und den vier Sommertrainings pro Woche mit den ­Eisbären steht Ganz auch noch jeden Dienstagabend und am ­Wochenende für die Keyplayers im Einsatz – ein Mammutprogramm. Happig sei es. Und manchmal würde er auch lieber an der Sonne liegen, gibt er zu. «Aber der Spassfaktor ist einfach zu gross, um aufzuhören.» Und wenn dann im Spätsommer die Tage wieder kürzer werden und die Saison zu Ende geht, bleiben den Inlinespielern immerhin noch ein paar wenige Wochen, um ebenfalls die Badehose auszupacken, bevor dann im Herbst wieder die Eiszeit beginnt und sie in den ersten Trainings womöglich auffallend häufiger in die Offsidefalle tappen als ihre Mitspieler.

Erstellt: 15.06.2018, 21:07 Uhr

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