Kloten

Sie stützen und sie tragen einander

Wenn Joana Heidrich morgen Freitag am Beachtour-Turnier in der Zürcher Bahnhofhalle ihre vorolympische ­Saison eröffnet, werden ihre Brüder Florian und Adrian ­zumindest in Gedanken mitfiebern. Dabei sehen die Klotener Geschwister die ihre gar nicht als typische Sportfamilie.

Bleiben auch im Regen gut gelaunt: die Klotener Adrian (von links), Joana und Florian Heidrich.

Bleiben auch im Regen gut gelaunt: die Klotener Adrian (von links), Joana und Florian Heidrich. Bild: Madeleine Schoder

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Wie von unsichtbarer Hand geführt, steuern zwei gross gewachsene junge Männer und eine nur unwesentlich kleinere Frau mit Rollkoffer aus verschiedenen Richtungen und doch exakt gleichzeitig im strömenden Regen auf ein Café am Klotener Marktplatz zu. Kurzfristig nach der Rückkehr vom dreiwöchigen Trainingslager auf Teneriffa angefragt, hatte Joana Heidrich das Interview zugesagt – und den Termin gleich selbst mit ihren Brüdern koordiniert. Auf die Frage, ob dies der üblichen Rollenverteilung im Hause Heidrich entspreche, antwortet die amtierende Schweizer Meisterin, U21-Weltmeisterin von 2011 und sportlich bislang Erfolgreichste aus dem Trio lachend: «Ja klar, ich bin die Chefin.» Um sogleich klarzustellen, dass dies mitnichten so sei: «Bei uns gibt es keinen Chef, wir ergänzen einander einfach super. Wenn Adrian praktische Tipps zum Beachvolleyball braucht, fragt er mich. Was Computer und Technik angeht, ist er der Experte. Und in Sachen Schule und Ausbildung weiss Florian am besten Bescheid.» Florian Heidrich, mit 25 Jahren der Älteste im Bund, ergänzt: «Wenn bei uns zu Hause jemand der Chef ist, dann ist das immer noch unsere Mutter.»

Dabei standen ihre Eltern, im Gegensatz zu vielen anderen Sportlerinnen und Sportlern, keinesfalls am Anfang ihrer Karrieren. «Unsere Eltern waren früher bestenfalls Plauschsportler und auch nicht sehr sportbegeistert», verrät Joana Heidrich. Darin sehen alle drei einen grossen Vorteil. «Sie unterstützen unsere Sportlerlaufbahn und sind stolz auf uns. Aber wenn jemand von uns einmal ein Tief hat, setzen sie ihn nicht zusätzlich unter Druck, sondern sagen, dass es auch noch andere Wege neben dem Sport gibt», erklärt Florian Heidrich, «das ist für alle sehr hilfreich. Ich denke auch, dass uns das die nötige Lockerheit gibt, um aus einem Loch wieder herauszufinden.»

Der olympische Traum

Als Erste der drei Heidrich-Geschwister fand Joana zum Volleyball: dank der Patentante ihrer Sandkastenspielgefährtin im abgelegenen Klotener Ortsteil Gerlisberg, wo die drei aufgewachsen sind. Bei den Minis des VBC Züri Unterland unternahm sie ihre ersten Gehversuche im Hallenvolleyball. Doch nach einem Empfang in Kloten für die Olympiabronzemedaillengewinner von Athen 2004, Patrick Heuscher und Stefan Kobel, stand für Joana Heidrich fest: Irgendwann wolle sie an den Olympischen Spielen teilnehmen, und zwar im Beachvolleyball. Bald elf Jahre später könnte sie ihren Traum in die Tat umsetzen. Gelingt der 23-Jäh­rigen an der Seite von Nadine Zumkehr, der Olympianeunten von London 2012, heuer eine ähnlich erfolgreiche Saison wie im Vorjahr, dürfte dem Duo das ­Ticket für Rio de Janeiro 2016 ­sicher sein.

«An Joana beeindruckt mich sehr, wie sie etwas diszipliniert durchziehen kann», sagt Florian Heidrich über seine zwei Jahre jüngere Schwester. «Weil es bei mir nicht mehr für eine Karriere als Beachprofi gereicht hat, könnte ich sie aber nicht als mein Vorbild bezeichnen.» Zu einem Schweizer-Meister-Titel in der Halle mit Züri Unterlands U23-Junioren sowie zu einer Saison als Halbprofi in Diensten des NLA-Spitzenklubs Amriswil brachte es der ehemalige Unihockey-Junior trotz seines späten Volleyball­einstiegs aber allemal. Und derzeit kann der gelernte Technische Metallbauer, der im Herbst ein Studium in Wirtschaftsrecht an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften aufnehmen wird, aus verschiedenen Angeboten auswählen, um auch nach dem Abstieg mit Züri Unterland auf höchster nationaler Ebene im Hallenvolleyball aktiv zu sein. «Ich werde Züri Unterland verlassen, weil ich weiter in der NLA spielen will. Drei NLA-Klubs haben mich angefragt», verrät der 1,95 m grosse Mittelblocker.

Der jüngste und mit 2,07 m am grössten Gewachsene der drei Geschwister strebt der erfolgreichen Schwester dagegen auch sportlich nach. «Joana ist für mich sicherlich ein Vorbild, ich verfolge die gleichen Ziele», sagt Adrian Heid­rich. Wie die drei Jahre ältere Profispielerin setzt der 20-Jährige, der kurz vor seinem KV-Abschluss an der United School of Sports steht, vornehmlich auf die sommerliche Beachvariante. Auch um seine Schulterprobleme in den Griff zu bekommen, verzichtete er auf Geheiss des Verbands im Herbst 2014 auf die ­Hallenvolleyballsaison mit Züri Unterland und besuchte fortan nur noch Beachtrainings am nationalen Leistungszentrum in Bern. Mit Erfolg: Seit Anfang des Jahres schmerzt die Schulter nicht mehr. Und die Technik habe er so weit verfeinert, dass er nun auch punkten könne, ohne die Schulter voll zu belasten.

Geschwisterliche WG

In Bern trainiert der Schweizer Beachvolleyball-Junioren-Nationalspieler immer wieder auch gleichzeitig mit der Schwester. Gross beachten könnten sie einander dabei freilich nicht, zu sehr müssten sie sich aufs Training konzentrieren. Dafür hat der grosse, kleine Bruder ein Zimmer in Joana Heidrichs Wohnung in Bern bezogen, wo er derzeit einmal pro Woche übernachtet. Nach dem Abschluss der Ausbildung in Zürich wird sich Adrian Heidrich eine Teilzeitarbeitsstelle in Bern suchen, um häufiger dort bleiben und trainieren zu können.

Es ist nicht das erste Mal, dass zwei der Heidrichs eine Geschwister-WG ausserhalb des Elternhauses in Kloten führen. In der Saison 2012/2013 lebten Florian und Adrian Heidrich in einer Wohnung in Amriswil, finanziert vom dortigen Hallenvolleyball-Spitzenklub. Daneben teilten sie auch das Schicksal, im NLA-Team nur zu Teileinsätzen zu kommen. «Das hat uns vielleicht noch enger zusammengeschweisst, zusammenzuwohnen und das Gleiche durchzumachen», sagt Adrian Heidrich im Rückblick. Florian ergänzt: «Wir konnten einander pushen – uns aber auch gegenseitig herunterziehen.» Unabhängig voneinander beschlossen sie, nach einem Jahr Amriswils Profiteam wieder zu verlassen – um ­gemeinsam zum Stammklub Züri Unterland zurückzukehren. Was dann folgte, betrachten die beiden «fast schon wehmütig» (Adrian Heidrich) als ihre bislang schönste Hallensaison. «Wir haben uns fast blind verstanden und einander unterstützt», berichtet der 20-Jährige. Am Klotener Ruebisbach avancierten die Heidrich-Brüder zu Leistungsträgern eines Teams, in dem Florian auch als Captain Verantwortung übernahm. «Vieles, was uns in der Kabine, im Training und im Spiel aufgefallen ist, haben wir zu ­Hause am Esstisch besprochen», schildert Adrian Heidrich.

Engste Bezugspersonen

Nach den Heimspielen floss damals regelmässig auch eine dritte Meinung in die Diskussion ein: jene der Beachvolleyball-Profispielerin in der Familie, welche die NLA-Heimpartien ihrer Brüder oft von der Tribüne aus verfolgte. Joana Heidrich: «Ich habe mir sehr gerne ihre Spiele angeschaut. Und was mir von aussen aufgefallen ist, habe ich ihnen hinterher gesagt – auch das, was ich nicht so gut gefunden habe.» Kritik, die bei den Brüdern auf offene Ohren stiess. «Joana hat am meisten Volleyballerfahrung, da ist jeder Tipp hilfreich.» Bezogen sich die Hinweise der grossen Schwester zu Beginn seiner Karriere auch noch auf spieltechnische Details, so profitiert Adrian Heidrich nun, da es im Duo mit dem neuen Partner Gabriel Kissling auch Reisen und Trainingslager zu organisieren gilt, auch von Joanas Wissensvorsprung punkto Beach-Drumher­um.

Joana Heidrich indes schätzt ihre Brüder vor allem als emotionalen Rückhalt. «Meine Brüder sind mir enorm wichtig: Bei ihnen kann ich abladen, und ich weiss, es bleibt bei ihnen. Ich erzähle ­ihnen dar­um so ziemlich alles.» Via Internettelefonie bleiben die drei in engem Kontakt – selbst wenn Joana Heidrich gerade ein World-Tour-Turnier in China oder Brasilien bestreitet. «Wenn es im Spiel nicht so gut gelaufen ist, melde ich mich meistens sogar schneller als nach einem Sieg», erklärt sie, «auf dem Feld muss ich immer Stärke zeigen. Dar­um tut es sehr gut, dass ich es ihnen auch erzählen kann, wenn mich etwas stresst.» Oder, wie es Florian Heidrich ausdrückt: «Wir unterstützen uns in allem, was wir machen. (Zürcher Unterländer)

Erstellt: 22.04.2015, 23:15 Uhr

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