Ski Alpin

Als der Kopf den Höhepunkt verpasste

Simone Wild kämpft mit Knieschmerzen für das Comeback im Ski-Weltcup. Dass sie es überhaupt dorthin geschafft hatte, kommt der Adliswilerin surreal vor – das zeigte sich bei Olympia.

Simone Wild trainiert im Grünen oder im Fitnesscenter anstatt auf Schnee.

Simone Wild trainiert im Grünen oder im Fitnesscenter anstatt auf Schnee. Bild: Reto Oeschger

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Die Kinder stürzen sich in die Tore. Endlich Wettkampf, es ist der Höhepunkt der Skitage in den Flumserbergen.

Die kleine Simone, mit ihren Eltern und der zwei Jahre jüngeren Schwester wie jeden Winter hier in den Ferien, steht daneben, schaut ihren Kollegen des Skiclubs zu. Sie hat Angst. Sie werde ihre Schwünge ja doch nicht hinkriegen zwischen den Toren, denkt sie – und lässt es deshalb gleich ganz bleiben. «Ich wollte mich nicht blamieren, ich wollte nicht, dass mich irgendwer auslacht», sagt sie. Lieber bewegt sie sich weit weg von Zeitmessung und Konkurrenzkampf, von den Blicken anderer. So ist das damals, Anfang der 2000er-Jahre.

Jetzt ist 2018 und einer der letzten Sommertage. Simone Wild sitzt auf einem kahlen Rattansessel, es regnet kleine Blätter vom Baum, die Wiese der Badi in Adliswil ist leer, das Wasser still. Wild trägt Laufschuhe, Trainingshose, Shirt, was Spitzensportlerinnen eben so tragen. Wild ist Skifahrerin geworden, weil sie sich irgendwann doch noch in die Tore getraut hat. «Ausgelacht hat mich niemand», sagt sie, «oder ich habe es erfolgreich verdrängt.» Sie lacht wie so oft, meist tut sie das verlegen, diesmal befreit.

Sie mag es noch immer nicht, wenn es um sie geht. Dann wäre sie am liebsten wieder zurück am Rand der Skipiste, als Zuschauerin. Doch sie hat gelernt, damit umzugehen, dass auch ihr Fragen gestellt werden, weil sie eben so gut Ski fährt.

Fast drei Jahre ist es her, seit die Sihltalerin im Skizirkus ziemlich viel Schnee aufgewirbelt hat. Achte wurde sie im Riesenslalom von Åre, aus dem Nichts, hinter ihr Athletinnen wie Lara Gut oder Michaela Kirchgasser. Wild war plötzlich in der Weltspitze, nachdem sie es zuvor nie in einen zweiten Lauf geschafft hatte.

Es kam Courchevel, es kamen die Fragen der Journalisten, es kamen: keine Antworten. Mit roten Wangen stand sie im Zielraum, wusste nicht, was sie sagen sollte. «Ich war überrumpelt. Ich hätte doch nie gedacht, dass ich jemals in meinem Leben so etwas machen müsste.»

Der grosse Weltcup war für sie immer weit weg gewesen. Er war es selbst dann noch, als sie mittendrin war. 24 ist Wild nun. Sie sagt: «Manchmal habe ich das Gefühl, dass ich noch immer die Kleine vom Flumserberg bin, die sich nicht traut, durch die Tore zu fahren. Es hat etwas Surreales, wo ich gelandet bin.»

Im Februar 2018 landete sie an den Olympischen Spielen in Pyeongchang, auf der grösstmöglichen Bühne. Der 4. Platz beim Heim-Weltcup in der Lenzerheide, ihr bestes Resultat überhaupt, damit die Qualifikation im letzten Moment, war derart überraschend, dass sie trotzdem nie richtig ankam im fernen Südkorea. «Es war, als wäre mein Kopf zu Hause geblieben», sagt sie.

Als bewege sie sich im Traum

So wärmte sie sich am Tag des Riesenslaloms im Hotel auf, trug Sorge zu ihren Knien, die schmerzten, nahm sich lange Zeit, zu lange. Sie war spät dran, hetzte auf die Gondel, es hätte wohl dennoch nicht mehr gereicht für die Besichtigung.

Es war, als bewege sie sich in einem Traum, so sagt sie es. Als sie oben ankam, erfuhr sie von der Absage des Rennens. Es war die Erleichterung. Doch auch am Verschiebetag lief es nicht rund für Wild, sie wurde 28.

In St. Moritz hatte sie ihren ersten Grossanlass erlebt, die WM 2017. Sie wusste schon da nicht, wie sie damit umgehen soll, mit dem Auftritt vor Tausenden Schweizer Fans. Sie, die gerne isst, ass nichts mehr. Es kam der 1. Lauf, Wild war wieder in der Parallelwelt, fuhr hinunter, «wie genau, weiss ich nicht mehr. Ich weiss nur noch, dass ich im Ziel war und es wohl nicht so schlecht war.» Fünfte war sie zur Halbzeit, der grosse Coup schien möglich. Sie wurde Vierzehnte.

Es gibt die Geschichten von Lindsey Vonn, von Mikaela Shiffrin, von vielen anderen, die sich schon als Kind den Moment ausmalten, wenn ihnen eine schwere Goldmedaille um den Hals gehängt würde.

Wild hat sich solche Gedanken nie gemacht, Vorbilder habe sie nie gehabt. Sie hatte nie diesen Plan wie Vonn oder Shiffrin. Es scheint fast, als wäre sie irgendwie in diese Skiwelt hineingerutscht. Der Wunsch, Skifahrerin zu werden, reifte erst, als sie sich für die Sportschule entschied, für die Ausbildung im Sport-KV in Chur. Vorher? War sie die, die lieber im Tiefschnee fuhr als durch Tore.

Die beste Saison gelang Wild 2016/17. In allen neun Riesenslaloms fuhr sie in die Punkte, nie war sie schlechter als zum Auftakt in Sölden mit Rang 23. Sie stieg auf ins Nationalteam, genoss Privilegien, ein kleiner Audi wurde ihr zur Verfügung gestellt.

Der steht an diesem Spätsommertag auch auf dem Parkplatz in Adliswil vor dem Fitnesscenter Pitsch. Nur bezahlt sie jetzt die Leasingraten selber. Wild ist aus dem Nationalteam ins A-Kader gerutscht. Die Konstanz aus der Vorsaison konnte sie nicht halten im letzten Winter. Die Knie waren nicht nur bei Olympia Thema, sie waren es immer.

Vor dem Auftakt in Sölden war sie gestürzt, hatte eine starke Prellung im rechten Knie erlitten, Ende November 2017 stieg sie in den Weltcup ein. Es ging gut, dann spürte sie das Knie wieder, bald nicht mehr nur das rechte, «irgendwann habe ich beim Einfahren nur noch daran gedacht». Die Patellasehnen waren entzündet. Sie sind es noch immer.

Deshalb heisst es für sie derzeit: Adliswil und nicht Argentinien wie für die anderen Technikerinnen, Elternhaus und nicht Hotel. Fitnesscenter statt Schnee, Hanteln statt Ski. Im Juli hatte sie es in Zermatt und Saas-Fee versucht, die Ärzte sagten danach: «Wenn du es durchziehst, wird es wohl schlimmer.» Wild sagt: «Ich wollte nicht wieder eine solch verknorzte Saison, in der ich die ganze Zeit Schmerzen habe.» Also hält sie sich strikt an die Trainingspläne, die ihr die Sportmediziner einer Klinik in Rheinfelden zusammengestellt haben.

Schmerzen bis zur Stufe 3

Morgens reist sie mit dem Zug dorthin, nachmittags tastet sie sich selber an das Limit heran. Kniebeugen, 5-mal 45 Sekunden halten, Pause, nächste Stufe. Bei einem Schmerzempfinden von 1 bis 10 dürfe sie höchstens eine 3 spüren, sagten sie ihr. «Doch was ist eine 3?», fragt sie. Sie muss es selbst herausfinden. Kann sie nicht mehr Treppenlaufen oder hat sie am Abend im Bett Schmerzen, weiss sie: Es war zu viel. «Ich habe mir noch nie so viele Gedanken über meinen Körper gemacht, darüber, was ich fühle, wo meine Grenze ist.»

Einige Tage auf Schnee hat sie in den letzten zwei Wochen verbracht, es ging ganz gut, sagt sie. Noch aber sucht sie das Vertrauen. In ihren Körper. In sich. (Zürichsee-Zeitung)

Erstellt: 14.09.2018, 11:10 Uhr

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