Triathlon

Auch Silber steht Nicola Spirig

Titelverteidigerin Nicola Spirig freute sich nach ihrem offensiven Rennen über den 2. Platz.

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Die silbernen Fingernägel brachten ihr kein Gold wie 2012 in London ein. Aber die Farbe passte perfekt zu dem, was sie am Samstag in Rio um den Hals trug. Silber steht ihr. Es war für diesen Tag die richtige Farbe. «Ich habe Silber gewonnen, nicht Gold verloren», meinte die Bachenbülacherin Nicola Spirig. «Ich bin sehr, sehr happy damit.»

Sie habe Gwen Jorgensen schon im Ziel gratuliert und der Amerikanerin gesagt, dass sie die verdiente Siegerin sei. «Sie war besser», anerkannte die Schweizerin. Die 30-jährige Jorgensen, Dominatorin der World Series, ist die erste Triathletin, die als Weltmeisterin auch Olympiasiegerin wird. «Ich wollte, dass die härteste Triathletin gewinnt und nicht einfach eine, die auf dem Rad hinten im Feld sitzt und aufs Laufen wartet», bemerkte Spirig. Deshalb habe sie auf der Radstrecke derart viel und selbst bei Wind an der Spitze gearbeitet und für Tempo gesorgt. Am Ende durfte die Olympiazweite feststellen: «Jetzt sind Leute auf dem Podest, die das auch verdient haben.»

Emotionaler als London

Spirig erhielt ihren Lohn für eine akribische Vorbereitung, die mit dem Handbruch im März in Abu Dhabi eine neue Dimension erhalten hatte. «Ich bin sehr stolz auf das, was ich geleistet habe. Im Ziel war es für mich emotionaler als bei der Goldmedaille in London», beschrieb sie. «Es ist so viel passiert in den letzten vier Jahren: mit Yannis, mit der Heirat, mit dem Haus kaufen und renovieren, mit der Kids-Cup- Serie aufbauen, einer Stiftung gründen, Leichtathletik-EM, Marathon, Ironman. Dass ich nach all dem nochmals eine Medaille gewinnen konnte, ist das Tüpfelchen auf dem i.»

Es sei «alles gut», sagte sie noch. «Das Einzige, das schade war, ist, dass ich wieder keine Zeit hatte, um vor dem Ziel eine Schweizer Fahne zu nehmen.» 2012 hatte sie sich einen sagenhaft engen Goldsprint mit der Schwedin Lisa Nordén geliefert, diesmal musste sie schauen, dass sie ihren Silberplatz sicher vor der heranstürmenden Britin Vicky Holland ins Ziel brachte.


Entspannt zum Marathon

Auf den Triathlon folgte ein Marathon: Interviews, die Medaillenzeremonie, der Familie Hallo sagen, Sohn Yannis die Medaille zeigen, Interviews, Medienkonferenz, Dopingkontrolle, eine Viertelstunde ins Hotel zum Duschen, Fernsehinterviews in allen drei Landessprachen, kurz ins Hotel, zwei Bisse von der Vorspeise und etwas mehr von der Schokolade, «die ich immer dabei habe», und dann zur Medaillenfeier sowie zu Interviews ins House of Switzerland, wo sie niemanden abwies, der sich ein Selfie mit ihr erhoffte.

«Ich war froh, hatte ich das alles schon in London erlebt; ich war vorbereitet und etwas entspannter», konnte sie lächeln. Ihr Auftritt im House of Switzerland an der Lagoa Rodrigo de Freitas verzögerte sich etwas, weil zuerst die vielen Brasilianer auf dem Gelände ihre Fussballhelden auf Grossleinwand sahen und bejubelten. Erst später begann Nicola Spirigs «Familienprogramm». Ihr Mann, Sohn, Vater und gute Freunde sind da. «Ich werde die kommenden Tage mit der Familie sehr geniessen.» Sie bleiben zwei Tage in Rio und sind zwei weitere unterwegs Richtung Sao Paulo. Auf den 25. August ist die Landung in Kloten geplant. Für die nächste Zeit freue sie sich vor allem darauf, dass der Trainingsplan wieder weniger strikt sei als in den letzten Wochen und sie wieder grössere Priorität auf ihre Familie legen könne.

«Nichts ausschliessen»

Eines wiederholte sie am Samstag immer wieder: «Das waren meine letzten Olympischen Spiele.» Mit dem Zusatz:«Als Triathletin.» Will also nicht heissen, dass sie nicht zum fünften Mal an Olympia auftauchen wird. «Vielleicht hat mein Trainer irgendeine verrückte Idee mit einer anderen Sportart.» Sie wolle derzeit «nichts ausschliessen», erklärte Spirig. «Naheliegend wäre die Langdistanz. Aber das ist sehr zeitintensiv. Ich habe jetzt schon Mühe, alles unter einen Hut zu bringen.» Sie wolle das alles zuerst «mit der Familie evaluieren», erklärte sie. «Was die Zukunft bringt, wird sich zeigen.» In der Familie und im Sport. ()

Erstellt: 21.08.2016, 13:50 Uhr

Nicola Spirigs Taktik und Diskussionen

«Ich habe nichts unversucht gelassen»

«Sie machte ein grossartiges Rennen, ein besseres als in London. Sie ist eine der mutigsten Champions, welche die Schweiz je hatte. Ich bin stolz, ihr Trainer zu sein», meinte Brett Sutton. «Und sie ist unglaublich gut geschwommen.» Nach Teil 1 des Triathlons stieg Nicola Spirig dicht hinter den Spezialistinnen aus dem Meer. Die auf die Copacabana ausgerichtete Vorbereitung machte sich
bezahlt. «Ich trainierte sehr viel Schwimmen und änderte meinen Stil, fürs Meer und die Wellen», erklärte Spirig. Zudem übte sie intensiv den Sandstart, «auch wenn das in St. Moritz nicht einfach war…»

Dank dieser Steigerung musste sie «auf dem Rad für einmal nicht aufholen». Dort war sie die Chefin im Feld. Sie kontrollierte von der Spitze weg, beobachtete die Konkurrenz und gab das Tempo vor. «Ich habe nichts unversucht gelassen», sagte sie über ihren Effort auf dem Rad. «Es ist nicht mein Stil, im Feld zu warten. Die Taktik war die richtige», sagte sie zur offensiven, auch dem Wind ausgesetzten Fahrweise. «Ich habe das Tempo hochgehalten, damit alle arbeiten mussten», erklärte Spirig. «Das Ziel war wegzukommen. Wenn das nicht gelingen sollte, dann würden zumindest alle mit müden Beinen zum Laufen wechseln müssen. So rechnete ich mir gute Chancen auf eine Medaille aus. Von dem hier ist die Taktik aufgegangen, ich denke, ich habe alles richtig gemacht.»

Sie setzte sich auf dem Rad nur mal kurz ab, abhängen konnte sie niemanden. Auch nicht Gwen Jorgensen, von der Spirig wusste, dass «sie sehr gut läuft» und die sie deshalb auf dem Rad distanzieren wollte. Auf der Laufstrecke setzten sich Spirig und Jorgensen bald ab. Der Kampf um Gold wurde zum Duell. Auf der Geraden vor Beginn der letzten Runde ereignete sich Ungewöhnliches: Die beiden Spitzenläuferinnen verlangsamten, wollten jeweils die andere zur Führungsarbeit bei Gegenwind auffordern und sie diskutierten. Am Ende der angeregten Unterhaltung sagte Spirig dies: «Ich habe schon eine Medaille, du noch keine. Also musst du etwas dafür machen», erinnerte sie sich und gab später zu: «Ich wollte sie psychisch etwas aus dem Rhythmus bringen.» Jorgensen nahm die Sache mit Humor: «Alles ist aufgegangen: Ich habe jetzt auch eine und sie hat zwei», lachte die Amerikanerin.

In der Schlussrunde griff Jorgensen an und distanzierte Spirig deutlich. Gegen Schluss kam die Britin Vicky Holland der Schweizerin bedrohlich nahe, nur noch fünf Sekunden lag sie im Ziel zurück. Holland hatte sich auf den letzten Metern gegen Non Stanford behauptet. In Leeds teilen sie sich eine Wohnung... «Wir sind gute Freunde, aber das ist keine Entschuldigung, nicht zu sprinten», meinte Holland. Stanford fand wenigstens diesen Trost: «Ich bin absolut erfreut, dass es jemand aus unserem Haus aufs Podest gebracht hat.»

Jene Wohnung in Leeds wird mit Bronze geschmückt. Im Haus von Nicola Spirig in Bachenbülach erhält die Goldene von London Gesellschaft von der Silbernen von Rio. Die 34-jährige Unterländerin ist die erste Triathletin, die zwei Olympiamedaillen ihr Eigen nennt. ust

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