Tennis

Auf dem langen Weg nach oben

Fiona Ganz startet am kommenden Montag zum Verbier Open. Im Vorjahr gewann die Embracherin dort ihr erstes und bisher einziges Profiturnier. Heuer dürfte ihr das schwerer fallen.

Fiona Ganz setzt im Leibchen ihres Interclub-Teams TC Weihermatt zur Vorhand an – sie ist die Paradeseite der Embracherin.

Fiona Ganz setzt im Leibchen ihres Interclub-Teams TC Weihermatt zur Vorhand an – sie ist die Paradeseite der Embracherin. Bild: Urs Lieberherr

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Die Sandplätze der Tennisanlage im Walliser Bergdorf hat Fiona Ganz als spezielles, weil extrem rutschiges Terrain in Erinnerung. Obwohl sie im Vorjahr damit am besten zurechtkam und am Ende gar den Turniersieg davontrug, schätzt die Embracherin ihre Chancen auf die erfolgreiche Titelverteidigung am Verbier Open als nicht allzu gross ein. Dies aus einem einfachen Grund: Am Frauen-Profiturnier gibt es heuer deutlich mehr Preisgeld und Punkte zu gewinnen als Ende Juni 2018. Und beides lockt mehr hochkarätige ausländische Spielerinnen aus dem Ausland an. «Darum wäre es eine riesige Überraschung, wenn ich wieder so weit käme», schätzt Ganz.

Doch auch im Vorjahr hatte wenig auf Ganz’ Triumph hingedeutet. Mehrere Monate ohne grössere Erfolge lagen hinter ihr. Zum Start in Verbier hatte sie sich erst kurzfristig entschlossen. Doch nach einer schwierigen Auftaktpartie steigerte sie sich von Match zu Match, setzte sich gegen höher eingestufte Kontrahentinnen durch – und gewann am Ende gar den Final. «Das war damals sehr überraschend, aber ich bin in den Flow gekommen», erzählt Ganz. Jenen Zustand also, in dem plötzlich alles wie von alleine gelingt, was zuvor so mühevoll schien.

Der Traum von den Top 10

Der Exploit von Verbier lancierte das bisher erfolgreichste Jahr ihrer Tenniskarriere so richtig. Zwei Wochen später holte sie an den Schweizer Sommermeisterschaften des Nachwuchses beim letzten Start in der Altersklasse der unter 18-Jährigen sowohl im Einzel als auch im Doppel den Titel. Mit dem Viertelfinal-Einzug an der U-18-EM setzte sie die Erfolgsserie nahtlos fort. Und zum krönenden Abschluss sorgte sie im Dezember an ihren ersten Schweizer Hallenmeisterschaften in der Elite-Kategorie für Furore. Erneut schlug sie mehrere höher eingestufte Spielerinnen und sah sich erst im Final gestoppt. «Diese Meisterschaften haben mir sehr viel Selbstvertrauen gegeben», kommentiert Ganz, «seitdem weiss ich, dass ich auch höher klassierte Gegnerinnen schlagen kann, und glaube daran, dass für mich vieles möglich ist.» Tatsächlich gibt sie auf ihrer persönlichen Homepage als Ziel an, eines Tages die Top 10 der Weltrangliste zu erreichen. Darauf angesprochen, blinzelt die 18-Jährige auf der Clubhaus-Terrasse ihres Interclub-Vereins TC Weihermatt in Urdorf in die Sonne, lächelt etwas verlegen und sagt: «Das ist mehr ein Traum von mir – wenn es einmal die Top 100 werden, nehme ich das auch gerne an.»

Als Grund für den markanten Leistungsschub, der die Vorjahreserfolge möglich gemacht hat, nennt Ganz die gesteigerte Intensität. «Davor bin ich im Training selten so richtig an meine Grenzen gegangen», erklärt sie, «aber mir hat lange auch die Power gefehlt. Oft habe ich mich schlapp gefühlt, ohne zu wissen, warum.» Im Frühsommer 2018 wurde sie nach längerer Suche nach den Ursachen endlich fündig – eine Allergie auf Milchprodukte hatte sie gebremst. Und siehe da: Ganz liess sie weg, trainierte und spielte von da an mit neuer Energie.

Im laufenden Jahr konnte sie zwar nur zu Beginn an ihre Vorjahreserfolge anknüpfen. Doch nach einer Durststrecke im Frühjahr zeigte die Formkurve zuletzt wieder nach oben. «Solche Schwankungen sind normal, gerade nach grossen Erfolgen fällt man manchmal in ein Loch», meint Ganz. Zum Aufwärtstrend beigetragen habe nicht zuletzt die Begleitung ihrer Mutter an die Turniere in Estland und Norwegen. Während der Schulferien reist die Sportlehrerin mit ihrer Tochter an Turniere im Ausland, in der Schweiz ist sie dabei, wenn immer es zeitlich möglich ist. Zudem unterstützt sie die aktuelle Nummer 654 der WTA-Weltrangliste punkto Reiseplanung.

Tennis ist Trumpf

An einigen Turnieren ist Fiona Ganz gänzlich auf sich alleine gestellt, an andere reist sie gemeinsam mit weiteren Schweizerinnen sowie einem Coach des Schweizer Tennisverbands. Oft handelt es sich dabei um Chefcoach Yves Allegro, der am nationalen Leistungszentrum in Biel für sie verantwortlich ist. Dort lebt die Embracherin seit ihrem Abschluss der obligatorischen Schulzeit im Sommer 2016 – und setzt ganz auf die Karte Tennis. «Zuerst hatte ich schon daran gedacht, eine Sport-KV-Ausbildung zu machen», führt sie aus, «aber es wäre alles etwas umständlich gewesen. In Biel habe ich einfach alles am gleichen Ort.» Um sich international durchzusetzen, gelte es, in jungen Jahren mit Erfolgen an internationalen Turnieren die Grundlagen zu schaffen, sagt sie. «Natürlich ist da ein Risiko dabei», räumt die Tochter eines Eishockeytrainers ein, die zwar nicht näher mit dem EHC-Kloten-Verteidiger Fabian Ganz und dem Bülacher Eisbären Robin Ganz verwandt ist, wohl aber mit dem Inhaber des Embracher Familienunternehmens Ganz Baukeramik AG, dessen Enkelin sie ist. Einen konkreten Zeitplan, bis wann sie welche Position in der Weltrangliste erreicht haben will, habe sie sich nicht gesetzt. «Aber logisch, es muss bald vorwärtsgehen.»

Derzeit habe sie etwas Probleme, die Leistungen aus dem Training im Wettkampf zu bestätigen. Die Ausdauer und das Selbstvertrauen seien weitere Punkte, an denen sie arbeite, sagt sie in wohlbedachten, selbstkritischen Worten. Für Letzteres wären Erfolge die beste Hilfe – am besten schon dieser Tage auf dem für sie so guten Boden von Verbier.

Erstellt: 22.08.2019, 18:58 Uhr

Verbands-Chefcoach Yves Allegro trainiert Fiona Ganz

Yves Allegro höchstpersönlich, Headcoach des Schweizer Tennisverbands Swiss Tennis, ist am nationalen Leistungszentrum in Biel als hauptverantwortlicher Trainer für Fiona Ganz zuständig. Er schätzt die Möglichkeiten der Embracherin als sehr gross ein: «Fiona ist eine sehr gute Athletin, sie beherrscht fast alle Schläge und kann darum sehr variabel spielen. Das können nicht sehr viele Frauen.»

Doch der Coach sagt auch klar und offen, woran Ganz noch arbeiten müsse, wenn sie in der Weltrangliste weiter nach vorn stossen möchte: «Ihr grosses Problem ist das Selbstvertrauen. Sie weiss selbst noch nicht ganz, welche Qualitäten alle in ihr stecken.» Eng damit verbunden sieht Allegro eine zweite Herausforderung: «Im taktischen Bereich muss sie sich auch noch steigern, muss lernen, den richtigen Schlag im richtigen Moment zu spielen.» Ihm sei bewusst, dass sich beides nicht von heute auf morgen verbessern lasse. «Sie muss Schritt für Schritt gehen. Wichtig ist, dass es immer ein bisschen vorwärtsgeht, so wie in den letzten Monaten.» (pew)

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