Embrach

Der nimmermüde Pionier

Die Embrach Mustangs feiern ihr 30-Jahr-Jubiläum. Bruno Hubler war schon dabei, als die Baseballer in umfunktionierten Hockeydressen spielten. Und er ist es noch heute.

Bruno Hubler im Dress der Embrach Mustangs, die er von 2008 bis 2013 präsidierte und heute wieder trainiert. Fast wie einst, vor 29 Jahren.

Bruno Hubler im Dress der Embrach Mustangs, die er von 2008 bis 2013 präsidierte und heute wieder trainiert. Fast wie einst, vor 29 Jahren. Bild: Paco Carrascosa

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Es ist Sommer 1989. Im Garten eines Mehrfamilienhauses an der Schützenhausstrasse in Embrach haben zwei Mittdreissiger ihre Köpfe über einen Stapel englischsprachiger Bücher gebeugt, Einführungsliteratur, Trainingsbücher, Regelwerke. Heinz Gretler hat sie aus den USA mitgebracht, als Maître de Cabine der Swissair fliegt er regelmässig in das Heimatland des Baseballs. Ein Jahr ist es her, seit seine Söhne Nicola und Dominik ihn um einen «Stecken» baten, weil ein unbekannter Mann ihnen nach der Schule dieses grossartige Spiel gezeigt hatte. Der Vater, höchst alarmiert, wollte den ominösen Fremden kennen lernen und traf auf den baseballverrückten Antonio Lucarelli.

Mit ihm gründete Gretler den ersten Baseballclub in Embrach, die Junioren nannten sich Peanuts, liefen ihre Homeruns in umfunktionierten Eishockey-Dressen und brauchten dringend einen Trainer. Gretler akquirierte seinen Nachbarn Bruno Hubler, Judoka und leidenschaftlicher Windsurfer, der mit Ballsportarten bisher so gar nichts am Hut hatte. Und nun sitzen sie also da, in Gretlers Garten, und versuchen die Basics des Baseballsports ins Deutsche zu übersetzen.

Lernen vom Baseball-Papst

29 Jahre später nimmt Bruno Hubler am Flughafen Kloten Platz, mitgebracht hat er, fein säuberlich in drei Hefte gebunden, die Erinnerungen aus drei Jahrzehnten Baseballsport. Doch er wird erst am Ende des Gesprächs kurz darin blättern, um die Bilder von seiner Weiterbildung an der Harry Wendelstedt Umpire School in Florida zu zeigen. Alles andere ist Geschichte, für die Hubler keine Gedächtnisstütze braucht. Nur allzu gut weiss er noch, wie schnell er sich von Heinz Gretler für Baseball begeistern liess. «Ich hatte absolut keine Ahnung, war aber fasziniert davon, was man mit diesem kleinen Ball alles anstellen kann.» Hubler schwärmt vom Fight zwischen Pitcher und Batter, dem beständigen Bestreben beider, sich gegenseitig zu überlisten. Dieses Duell ist für ihn der kompakte Kern des Baseballs, um den sich alles dreht.

Auch Bruno Hubler bewegte sich in diesem Sommer 1989. Er liess sich von Peter Senti ausDullikon ausbilden. «Baseball-Papst» nannte ihn Gretler, weil Senti mit seinem Team mehrmals Jugend-Schweizer-Meister geworden war und zu den wenigen hierzulande gehörte, die wirklich etwas von Baseball verstanden. Hubler trainierte die Peanuts zuerst hinter dem Schulhaus Hungerbühl, dessen Abwart Andi Gut sie bereitwillig Hülsen für den Backstop und eine Homeplate auf dem Rasen montieren liess – in einer Zeit, in der das Schild «Rasen betreten verboten» so fraglos zum Ortsbild gehörte wie der Kirchturm, keine Selbstverständlichkeit.

700 Buns in der Boeing

Bis die Unterländer Baseballpioniere auf einer Fläche mit der offiziellen Outfield-Grenze von 98 Metern punkten konnten, dauerte es. 1995 wurde das Feld beim Pflegezentrum Hard in Embrach eingeweiht. Die Peanuts hiessen inzwischen Rainbows, spielten in der NLB und verkauften am Oberdorffest in Embrach in einem eigens dafür angeschafften, originalen Hotdog-Wagen die ketchuptriefenden Begleiter eines jeden Baseballmatches, um den Sport und ihren Verein den Menschen in der Region bekannter zu machen. Gretler hatte dafür keinen Aufwand gescheut und extra 700 Hotdog-Brötchen aus einer Bäckerei in Atlanta im Frachtraum einer Boeing 747 der damaligen Swissair einfliegen lassen.

Die Hotdog-Buns gingen Mitte der 1990er-Jahre weg wie «warme Weggli», und auch sportlich begann eine einträgliche Zeit. Noch vor der Jahrtausendwende stiegen die Embracher zum ersten Mal in die NLA auf. Auf den Abstieg 2004 folgte zwei Jahre später der Wiederaufstieg und 2013 mit der Vizemeisterschaft unter dem aktuellen Namen Embrach Mustangs der grösste Erfolg in der Vereinsgeschichte. Bruno Hubler hatte mittlerweile das Präsidentenamt in Embrach inne, in seine Ära (2008 bis 2013) fallen die glanzvollsten Resultate des Fanionteams, die er heute ambivalent bewertet: «Wir waren erfolgreich, hatten dafür aber Topspieler aus allen Regionen der Schweiz zu uns ins Team geholt und sind darob bei der Ausbildung des eigenen Nachwuchses nachlässig geworden.» Nur ein Jahr nach dem Einzug in den Playoff-Final stiegen die Embracher am grünen Tisch freiwillig in die NLB ab. «Back to the roots» nennt Hubler den Schritt. Die Mustangs wollten wieder ein Dorfklub sein, mit Spielern, die aus purem Spass ins Training kommen, am Oberdorffest Hotdogs unter die Leute bringen und ohne ausländischen Pitcher auskommen, der den Verein zwar in der NLA hält, finanziell aber an die Grenzen bringt.

Umpire – Hublers Hobby

Heute hat Bruno Hubler mehr Zeit für den Baseballsport als auch schon. Die jüngste Entlassungswelle bei der Flugzeugwartungsfirma SR Technics hat ihn mit 63 Jahren in die Arbeitslosigkeit geschwemmt. Die kurze Phase bis zur Pensionierung Ende Jahr überbrückt er mit Schichtarbeit im Cargobetrieb des Flughafens. Bei den Embrach Mustangs indes ist Hubler nach wie vor gefragt, im Moment gerade als Trainer des Fanionteams. Zudem ist er in der Funktion des Umpire praktisch jedes Wochenende irgendwo engagiert. Hubler gehört zu den wenigen Schweizern, die auch international als Schiedsrichter amten.

Angefangen hat Bruno Hubler mit diesem Hobby vor gut 17 Jahren, als er sich mit 150 anderen Aspiranten in Florida von Harry Wendelstedt, einem ehemaligen Major-League-Umpire, zwei Wochen lang auf den aktuellen Stand bringen liess. Zurück in der Schweiz krempelte er mit ein paar wenigen Mitstreitern das Schiedsrichterwesen komplett um. «Hier hatte man damals keine Ahnung davon», sagt Hubler. «Oft sind die Umpires zu viert auf dem Platz gestanden, aber keiner wusste, was er machen soll.»

Wenn, dann richtig

Inzwischen hat sich das Zwei-Mann-System in der Schweiz auch dank Hublers Engagement etabliert. Akzeptiert ist auch der Umpire, der anders als etwa sein Pendant auf dem Fussballplatz, das Spiel möglichst reglos verfolgt, ähnlich wie ein Fotograf, der mit Blick durch die Kamera jeden Wackler vermeiden muss, um ein scharfes Bild zu kriegen. Nur so könne er eine Szene richtig beurteilen, sagt Hubler, der überzeugt ist, dass der Umpire auch sonst im Vergleich mit dem Fussball-Unparteiischen einen einfacheren Stand hat. «Wir sind Respektspersonen, es gibt kein Lavieren.» Rufe einer «Hey Blue» – der Umpire ist traditionell blau gekleidet – müsse er ihn nur kühl anschauen. «Sagt er nochmals was, hebe ich die Hand, das ist unsere Gelbe Karte», beschreibt es Hubler und sagt: «Mit mir kann man über eine Regelauslegung zwar reden, aber ich gebe den Ton an.»

Das tut der Umpire übrigens seit kurzem auch abseits des Baseballfeldes. Vor drei Jahren hat er angefangen, Schwyzerörgeli zu spielen, und übt nun zwei Stunden pro Tag. Wenn Bruno Hubler etwas tut, dann richtig. Das war schon so im Sommer 1989. (Zürcher Unterländer)

Erstellt: 11.07.2018, 20:25 Uhr

Infobox

Heimspiele am Sonntag

In der letzten NLB-Qualifikationsrunde treffen die Embrach Mustangs am kommenden Sonntag auf der heimischen PZ Hard auf Therwil (11 und 14 Uhr). Für das Playoff, das Ende August startet, sind die Embracher als Drittplatzierte der Gruppe 2 bereits qualifiziert. mak

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